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Moses hat gesprochen #015, FAZEmag 038/04.2015


Let me entertain you

Immer wenn du denkst, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ein Vollidiot daher. Oder so ähnlich. Michael B. aus M. alias DJ Michael B. (Deejay Maikäl Bi.) hatte die glorreiche Idee, einen Feuerlöscher zu einer örtlichen Veranstaltung mitzunehmen und ihn dort einzusetzen. Wie Bewegtbilder bei diversen Onlineportalen beweisen, tat er dies nicht nur mit vollem Eifer, sondern auch noch mitten in einem seiner EDM-Songs – ohne vielleicht auf einen Drop oder Break zu warten. Ja, das ist reichlich sinnentleert. Viel schlimmer jedoch ist die Tatsache, dass er fröhlich in die Menge feuerte und so eine Massenpanik auslöste, die 18 Leichtverletzte nach sich zog. Die Pointe ist wohl, dass er sich beim Sprung von der Bühne selbst verletzte.

Nun gut, wir haben einen Provinz-DJ, der auf einer Singleparty keine CO2- Kanone, sondern einen völlig ungeeigneten Feuerlöscher benutzte. War-um tat er das? Dummheit, mögen die einen krakeelen. Selbstüberschätzung, sagen die anderen. Ist das nicht ein Indikator für den Blickwinkel, den wir auf unsere DJs haben? Ich zäume das Pferd von hinten auf und behaupte: „Er hatte gar keine andere Wahl, als so zu handeln“. Na gut, das ist ein wenig übertrieben, aber ich will etwas anderes sagen: Als ich anfing, Platten zu drehen, gehörte ich zur zweiten oder dritten Generation der Szene. Ich war beim Mauerfall noch zu jung, habe auch nicht die erste Loveparade mitgemacht oder mich von Tanith durchs Planet hämmern lassen. In dieser Zeit und in den zehn Jahren danach habe ich Künstler gesehen und gehört, selbst gespielt und andere spielen lassen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir jemals dabei einer eine Torte ins Gesicht geschleudert hat oder mit einem Schlauchboot an mir vorbeifuhr. Selbst eine Flasche Moët haben wir nicht weggezimmert. Wir haben bodenständig Bacardi und Wodka, später Jägermeister getrunken. Das Entertainment, das wir neben der Musik lieferten, war die Kunst, zwei schwarze, schimmernde Scheiben in ihrer Drehgeschwindigkeit anzupassen, zum richtigen Zeitpunkt zu stoppen oder zu starten und – vor allen Dingen – genau zu wissen, wo auf diesen undurchsichtigen Scheiben was passierte. Ich gehörte immer zu den sogenannten Decksharks, die hinter der Kanzel standen und dem DJ dabei zuschauten, was er tat. Ich brauchte weder CO2-Kanonen noch Schlauchboote, um die Leute zu feiern. Mir reichte aus, das sie eine Fähigkeit besaßen, die ich nicht hatte.

Heute sind nicht nur die Festivals größer und fetter, sogar auf kleineren Veranstaltungen ist der Anspruch gewachsen. Lasershows, Walking Acts, Feuerschlucker, Feuerlöscher … alles da. Die Acts sind nicht mehr gute Jukeboxen, sie animieren viel mehr und brüllen ihre „Put your hands up“-Dauerschleifen in die Mikros, unterstützt von CO2-Kanonen und Lasershows. Sitdowns und Laola sind das Entertainment, das das Publikum von ewiggleichen Sets ablenkt und bei der Stange hält. Vielleicht ist es eben genau das, was unsere Nachwuchskünstler unter Druck setzt. Und vielleicht ist es auch genau das, was Michael B. aus M. dazu veranlasste, nun auch mal der Entertainer zu sein.

Schlussendlich bleibt mir nur zu sagen: Wenn ihr eure Crowd zum Brennen gebracht habt, bitte versucht nicht, sie mit einem Feuerlöscher zu lö- schen. Genießt es einfach.

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