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Moses hat gesprochen #016


Das war die Musikmesse

April April. Der Monat der schlechten Scherze und der Musikmesse. Das wechselhafte Wetter sorgte für die ersten Sonnenstrahlen und gute Laune auf den debütierenden OpenAirs, dem PollerWiesen oder der Kiesgrube. Tausende Nachwuchs-DJs sind am ersten Tag des Monats zurückgetreten um – wenig überraschend – den Morgen später wieder zurückzukommen. Die werten Kollegen des Berghains verkündeten ihr Berghain Musical und Native Instruments bringen ihr eigenes Dateiformat in den Markt. Letzteres ist dann doch kein Aprilscherz gewesen. Frankfurt ist nicht nur das Pflaster der gesellschaftlichen Gegensätze sondern auch für fünf Tage der Schmelztiegel der Zuliefererindustrie. Hat man sich einmal durch ICE-fahrende Investmentbanker gekämpft und ist über die Junkies des Bahnhofsviertels gestiegen, erwartetet einen eine Messe voller spannender Dinge und mehr oder weniger überraschenden Neuigkeiten.

Jedes Jahr ist es dasselbe Spiel. Zu einem vertretbaren Preis bekommt man nicht mehr als eine Gefängnispritsche in Rödelheim und jedes halbwegs akzeptable Hotel ruft derartige Mondpreise auf, dass man sich mit der Kohle auch einen dreiwöchigen Aufenthalt in einem Saunaclub leisten könnte. Dienstagabend wird die Messe mit diversen VIP-Empfängen und dem LEA (Live Entertainment Award) eingeläutet. Der rote Teppich ist der Fußbodenbelag für Agenturen und Konzertveranstalter, Bands und Live-Künstler. Wer sich ein ordentliches Hotel leisten konnte, für den ist die Eintrittskarte hier auch aus der Portokasse bezahlbar. Eigentlich liegt der Fokus auf der Aftershowparty, die mit Kassler und Kartoffelsalat die Messlatte des Caterings nach unten hin begradigte. Widerliche Scheiße. Die Jungs von Abstract und i-Motion hingen hart am Jägermeister und haben sich meinen vollsten Respekt erarbeitet. Schnell wurde klar, dass man, wenn man als Player im deutschen EDM-Markt wahrgenommen werden will, Bernd heißen muss – diesen Insider will ich allerdings nicht weiter erläutern. Einer der beiden Big „B“s wird wohl die Location abgeschlossen haben und dem Rest der Meute gezeigt haben, wo der Hammer in Sachen Standfestigkeit hängt.

Ich kann euch eines sagen. Einen derartiger Kater, gefördert durch eine mittig durchhängende Einzelmatratze – ich wusste nicht das es noch wirkliche Einzelzimmer in deutschen Hotels gibt – ist wirklich ekelhaft, speziell wenn die erste Halle des Messebesuches die der PA Zulieferer ist. Schnell wird klar, dass der Anlagentest einer gut ausgestatteten PA einem nicht nur die Haare zu Berge stehen, sondern auch reflexartig die Hand in die Tasche mit den Kopfschmerztabletten schießen lässt. Schlimmer wird es nur bei den Synthies und wilden ahnungslosen Messezombies, die meinen sie können jetzt an den Demogeräten ein Live-Acid-Set zaubern. Überhaupt lebt die Messe von den Abenden, Produktvorstellungen und Messepartys. Die offizielle Messeparty ließ ich aus, als ich den Hinweis auf den Kinderbereich las. Anfänger. Native Instruments luden zur Produktpräsentation ein und das bedeutete Drinks mit schlechtem Alkohol und Fingerfood. Stets kam ein langer Typ an und bat einem undefinierbares mit den Worten „Digger, willst du hier von was? Das ist XYZ mit ZYX an XYZ“ an und ich fühlte mich kulinarisch irgendwo zwischen Tel Aviv, Mumbai und meinem letzten All-Inclusive-Urlaub in Hurghada wieder. Ich kann euch bis heute nicht sagen, was es genau war. Es schmeckte alles irgendwie nach einer perfiden Mischung aus widerlich und interessant. Viel erfrischender ist da doch die „Sushi & Bier“-Party der weit geschätzten Kollegen vom Elevator-Stand am Donnerstag. Mir klingelten noch die peinlichen „Leider Geil!“-Shout Outs von Jürgen Frosch im Ohr, der am Pioneer-Stand das Equipment vergewaltigte und performte, als würde er vor tausenden Leuten spielen, als ich meinen Weg in das Paradies der japanischen Reisrollen fand. Gegenüber bei Allen & Heath spielten ein paar Knöpfchendrücker wie wahnsinnig auf ihren Macbooks und blinkenden Xones herum und mixten ihre Beats irgendwie im Takt der allgemeinen Lärmkulisse. Ziemlich schräge Bilder wabern da in meinen Erinnerungen. Der abendliche Trip in die Innenstadt spülte mich dann irgendwie in eine Party von AKG, von der ich weder wusste noch eine Einladung hatte. Falsch abgebogen, halt. Egal, gab Sekt und Goodie Bags für Leute mit Einladung. Ich ersparte mir neidische Blicke und euch eine Erzählung vom Freitag. Der war nämlich leidig unspektakulär und stand ganz im Zeichen einer Rückfahrt nach Berlin.

Mein Fazit zur Messe ist also eine Mischung aus Kopfschmerz, Soundbrei und Kopfschmerz.
Die Klimatisierung der Messehallen war übrigens grandios. An der Erkältung aufgrund meiner trockenen Schleimhäute zehre ich immer noch. Danke dafür.

Mehr Moses: www.fazemag.de/category/kolumnen/moses-hat-gesprochen
www.mosestechno.com

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