Bildschirmfoto 2015-08-17 um 16.48.38
Moses hat gesprochen #018, FAZEmag 041/07.2015

Ein Abgesang auf Ten Walls und unsere Kultur …

Wir schreiben Sternzeit 09062015, und Ten Walls’ sozialer Selbstmord ist beim Verfassen dieses Textes gerade zwei Tage her. Es berichteten sämtliche Magazine, die was auf sich halten und Magazine, die nichts auf sich halten, über seinen idiotischen und homophoben Auswurf. Das ganze gipfelte nun heute in der Kulturspalte von Spiegel Online. Tja, das wars dann wohl.

Für alle Leute, die entweder hinterm Mond leben oder zu Redaktionsschluss gerade aus ihrem mehrwöchigen Urlaub auf den Malediven zurückkommen: Ten Walls hat Homosexuelle mit Pädophilen verglichen und das nicht im kleinen Kreis nach zuvielen Joints – nein –, auf seiner Facebook-Seite. Das hatte einen golfkriegsähnlichen Shitstorm zur Folge und eine Absage sämtlicher Festivals, die er doch noch so gerne bespielt hätte. Zu guter Letzt setzte ihn dann auch noch seine Bookingagentur vor die Tür. Ich wiederhole mich nur ungern aber: Tja, das wars dann wohl.

Das Beispiel Ten Walls ist sinnbildlich für die Hasskultur, die die Anonymität des Internets in der Welt da draußen hervorbringt. Ich erinnere mich gerne an Sebastian Edathy zurück, bei dem irgendwer ziemlich wahrheitsgemäß twitterte: Was können wir Deutschen? Bier trinken und uns Strafen für Pädophile ausdenken. Nicht viel anders ist es mit Ten Walls. Wir werden nie wieder in den Genuss kommen, seine zweifelsohne gute Musik zu hören, denn wir waren es, die ihn geköpft haben. Natürlich sagt man solchen Unsinn nicht, nicht auf Facebook und auch sonst nirgends, man sollte es noch nicht einmal denken. Aber wer sind wir denn, dass wir darüber richten dürfen? Wir Deutschen, die im Stadion mit Plastikbechern nach homosexuellen Fußballspielern werfen? Stimmt, tun wir nicht Es hat sich ja noch keiner geoutet. Warum eigentlich? Ach ja, da war ja was. Und solange „Schwuchtel“ in unserem Sprachgebrauch immer noch als Beleidigung verankert ist, sollten wir mal schleunigst die Klappe halten.

Ich kaufe ihm die schnell zusammengeschusterte Entschuldigung nicht ab, trotzdem frage ich mich, ob seine Meinung nicht änderbar ist. In Dresden hassen sie auch Ausländer, aber eben nur, weil sie keine kennen und damals kein Westfernsehen empfangen konnten. Sind ihre Existenzen nun mehr wert als die eine? Oder relativiert sich das, weil es ja viel zu viele sind, um all ihre kleinen KFZ-Mechaniker- und Busfahrer-Karrieren zu ruinieren? Haben nicht auch sie eine zweite Chance verdient? Hat nicht auch er eine zweite Chance verdient? Ich finde es gut, dass sich Festivals und Booker zu Toleranz bekennen, aber ich bezweifle, dass sich auch nur einer der Veranstalter oder Booker mit ihm in Kontakt gesetzt hat, um zu fragen, was zum Teufel ihn da geritten hat. Das nämlich, hätte ich geiler gefunden als, wie immer, die Social Media-Guillotine anzusetzen.

Wie auch immer, vielleicht lernen wir etwas daraus. Vielleicht zeigen wir nächstes Mal eine etwas menschlichere Geste und lassen Gnade walten, vielleicht quittieren wir das mit einem Kopfschütteln oder auch mit einem sehr ernsten Wörtchen, das mal gewechselt werden muss.

Bis dahin ihr Schwanzlutscher.
(Ooops!) Euer Moses

Mehr Moses: www.fazemag.de/category/kolumnen/moses-hat-gesprochen
www.mosestechno.com