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Moses hat gesprochen #002, FAZEmag 01.2014


Unglaublich. Welche Aftermovie-Flut musste ich denn 2013 über mich ergehen lassen? Es schien, als habe jedes beschissene kleine Festival kein Geld für DJs, weil das gesamte Budget in den Aftermovie-Filmer geschossen wurde. Oder andersrum kein Geld für den Aftermovie-Filmer ausgab, sondern ein lustiges Potpourri aus verkrisselten Handyvideos in schlechter Qualität zu einem übersteuerten Stampftrack verwurstet bei den üblichen Streamingdienstleistern veröffentlichte. Überall prasselten imposante Luftaufnahmen, riesige Boxentürme und sowieso ganz viel Liebe und Slow Motions auf mich ein. Ständig flogen Schmetterlinge im Sonnenlicht, Sonnenblumen wiegten sich im seichten Wind, und überhaupt war Sonne der heiße Scheiß. Aufgehend, untergehend, am Himmel, ganz weg, meine Güte.

Und diese Menschen. Alle schön. Hübsche Frauen, muskulöse Kerle. International natürlich. Stets knapp bekleidet pressten sie ihre wunderbaren Körper in die Kameras. Stets schwenkten diese über opulente Brüste oberhalb nackter, flacher Bäuche. Braungebrannt und die Flagge des jeweiligen Landes über der Schulter. Sowieso ist Internationalität gefragt in den Schmonzetten der Aftermovies.

Musikalisch untermalt von den epischen Tracks des neuen heißen EDM-Scheiß von den Tiëstos, Guettas und Hardwells dieser Welt. Natürlich immer mit den Armen in der Luft. Hände bildeten Herzen oder Vaginas, manchmal ist das schwer zu erkennen. Oder dasselbe – je nach Meinung des jeweiligen DJs. Manchmal dachte ich, die Events wären nur dazu da, um ein Aftermovie zu produzieren. Also quasi die Produktion zum Film. Und wir waren draufzahlende Statisten, ständig überflogen von Kameraarmen und diesen Quadrokoptern. Drohnen auf Festivals – Willkommen Techno 2.0!

 Wo waren die fetten Frauen, die sich in ihre 90er-Jahre-Neonkluft pressen? Wo waren die zahnlosen Gestalten, die in abgewanzter Trainingshose die Hardcore-Floors behakkten? Wo überhaupt waren die Holländer, die einem nachts auf dem Campingplatz mit übersteuertem Speedcore aus kratzigen Boxen den Schlaf raubten? Keine Alkohol- oder Drogenleichen, die schon bevor die Gelände öffnen vor den Toren schimmelten. Keine tiefergelegten Autos, die von Traktoren aus den Bauernwiesen gezogen werden mussten. Und keine schlammigen tiefen Pfützen, die die brandneuen AirMax-Schuhe des geneigten Technokraten versauten. Oh, du perfekte heile Welt.

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