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Moses hat gesprochen #020, FAZEmag 044/10.2015
Die elektronische Kultur darf nicht verkauft werden!

Als vor knapp drei Jahren die SFX Entertainment Gruppe um Vorstandschef und CEO Robert F.X. Sillerman in den weltweiten EDM- Markt stürmte, war das Geschrei groß. Zum einen gab es die Kritiker, zum anderen die vermeintlichen Gewinner dieser Posse. SFX hatte angekündigt, eine Milliarde Dollar in den Dance-Markt zu pumpen. Festivalveranstalter, Ticketing-Unternehmen, Clubs – alle versuchten, sich zu positionieren und anzupreisen, schließlich wartete da eine deftige Cashcow, die man nur melken musste. Der Aufkauf der Downloadplattform Beatport und der fernmündliche Rauswurf eines seiner Entwicklerteams bzw. deren kompletten Büroschließung, gab den Kritikern Futter und zeigte klar, wohin die Reise hier noch gehen wird. Festivals, die sich gegen den Aufkauf wehrten, wurden verklagt, ihrer Plätze verwiesen oder in sonstigem Maße erpresst. Das deutsche Büro des niederländischen Ticketing-Dienstleisters Paylogic wurde kurzerhand in die Beatport-Räumlichkeiten verlegt, um es schließlich komplett zu schließen. Es folgte ein Börsengang und ein beispielloser Absturz des Aktienkurses. Eine versuchte Re-Privatisierung scheitert bisher an den finanziellen Mitteln des schwer krebskranken Robert F.X. Sillerman.

Was passiert jetzt? Wer die 90er-Jahre bewusst wahrgenommen und nicht die Chris Rea-Plattensammlung der Mutti sortiert hat, wird wissen: Das Ganze gab es schon einmal! Scooter ist ein schönes Relikt aus dieser Zeit. Plötzlich waren Techno und Dance der heiße Scheiß. „Viva Club Rotation” berichtete live vom Rosenmontagsrave, übertrug die Loveparade (das übernahm dann später RTLII) und Sony BMG brachte plötzlich Rave-Compilations heraus. Diese Blase platzte schnell, wie alle vor und auch nach ihr.

Die Dance-Kultur ist einfach nicht für einen Ausverkauf geschaffen. Unabhängig ob wir von House, Techno, EDM, augenscheinlichem Kommerz oder klarem Underground sprechen – wir alle sind eine Subkultur, die sich aus sich selbst heraus ernährt hat und erstarkt ist. Wir haben unsere eigenen Regeln, über die eben auch die Investoren gestolpert sind. Ein Festival mit einem Drogentoten macht sich nicht gut im Investmentportfolio. Wie in jeder Dekade sind viele Künstler wieder zu Superstars gehypet worden, wie all die Marushas und Westbams vor ihnen. Nur wenige Guettas und Tiëstos werden bleiben und auch die nächste Jahre überstehen. Wir brauchen keine Lamborghini Boys – wir brauchen Menschen, die aus unserer Mitte kommen und die Musik leben, lieben und verstehen – keine Marionetten von Agenten und Majorlabels. Techno erfindet sich ständig neu, und solange diese Investmenthaie ausschließlich auf die Maximierung ihres Gewinns aus sind, werden sie diesen ste- tigen Wandel und die kulturelle Dynamik nicht verstehen. Die bevorstehende Insolvenz von SFX ist die Quintessenz aus mangelnder Ahnung, Überheblichkeit und Gier.

Natürlich stehen schon die nächsten Schlange. Der mittlere und der ferne Osten lechzt schon danach, die Leichen von SFX von der Straße zu kratzen. Ich hoffe für unsere Festivalkultur, dass eben jene Events, die sich im Strudel des sinkenden Schiffs befinden, wieder zu einer selbstbestimmten Institution erwachsen können. Unsere Kultur gibt sich nicht dem Ausverkauf preis! Wer das riskiert, landet unweigerlich auf der Fresse!

Und wieder einmal: Back the Roots!
Euer Moses

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