moses hat gesprochen
Moses hat gesprochen #022, FAZEmag 046/12.2015
Die Geld-Zurück-Garantie


Events in verschiedenen Größenordnungen gibt es wie Sand am Meer. Da sind die kleinen Open-Air-Tagesevents, die Spezialevents in den örtlichen Clubs und die Massenveranstaltungen über mehrere Tage. Manchmal sind das aufwendige Produktionen, oft mit einfachen Mitteln umgesetzte Partys.

Seit einiger Zeit beobachte ich einen Trend, den ich nicht nachvollziehen kann. Getrieben von sozialen Netzwerken und der Anonymität in eben diesen, wird jeglicher Fehler eines Veranstalters mit einem Shitstorm bestraft. Fällt ein Main-Act wegen eines Krankheitsfalls aus, wird umgehend nach adäquatem Ersatz geschrien. Geht ein Einlass schief, wird sich sofort auf der Fanpage und der Eventseite darüber beschwert und verzweifelt nach Gleichgesinnten gesucht. Es spielt keine Rolle, welche Schuld der Veranstalter dabei trägt – wenn er denn überhaupt eine trägt. Gerade die großen EDM Produktionen mit zehn-, zwanzig- oder dreißigtausend verkauften Tickets stehen immer wieder vor dem Problem, der Erwartungshaltung seines jungen Publikums gerecht werden zu müssen. Allem voran steht der Ticketpreis. Ist der für einige auch nur um zwei Euro zu hoch oder wird im Folgejahr aufgrund gestiegener Kosten erhöht, also angepasst, kann der Beschwerdewahnsinn seinen Lauf nehmen. Ist der Tag des Events dann erreicht, müssen 30.000 Menschen auf das Gelände, in das Stadion, irgendwo ihre Zelte aufschlagen. Crowd Control ist hier das Stichwort. Eins der heißen Eisen im Dialog mit den Ämtern, gerade seit der Loveparade 2010. Wir erinnern uns: Ein schiefgelaufenes Crowd Management führte zu 21 Toten. Gestiegene Sicherheitsanforderungen machen es also nötig, dass ein Bereich vorzeitig schließen muss, obwohl sich noch nicht alle darin befinden, die sich gerne darin befänden. Smartphone raus, Beschwerde auf Facebook ist da für manche eine passende Antwort. Spielt der DJ nicht das Set, das man zum Vorglühen auf der heimischen Anlage gehört hat? Beschwerde auf Twitter. Legitim.

Allen voran galoppieren die Reiter des Geld-Zurück-Clans. In Zeiten von Ticketvorverkauf, hohen Preisen und noch hochpreisigeren Künstlern – speziell im EDM-Bereich – kann man, ja muss man auf jeden Fall sein Geld zurückfordern, wenn auch nur das Bier der Gastro nicht der erwarteten Marke entsprach.

Mich kotzt dieses Kalkül an. Ständig rotten sich verärgerte Gäste zusammen, es werden Facebookgruppen eröffnet, und jeder droht mit seinen Anwälten. Sicherlich gibt es berechtigte Forderungen gegen einige wenige schwarze Schafe da draußen. Jedem Veranstalter den schwarzen Peter der Geldgeilheit und Unfähigkeit, eine Veranstaltung zu organisieren, überzustülpen empfinde ich als falsch. Ich erwarte einfach von jedem Ticketkäufer und Feierwütigen etwas mehr Weitblick und den Intellekt, Dinge zu hinterfragen und zu überlegen, wer wirklich die Schuld an den fehlgelaufenen Abend trägt. Mit etwas Selbstreflexion findet man schnell heraus, dass es oft an einem selbst liegt. Der eigene Alkoholkonsum, die verpeilten Freunde und die verkopfte Erwartungshaltung sind in den meisten Fällen der Auslöser.

Macht euch also nichts vor: Avicii spielt “Levels” einfach nicht mehr. Da kann das Festival auch nichts für.
Eur Moses

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