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Moses hat gesprochen #55, FAZEmag 02.2019
Lösch das FYRE!

Die kalte Jahreszeit zwingt uns in die Clubs, vor unsere Spielekonsolen und an unsere Bücherschränke. Aufgebrühter Tee und dicke Socken auf der Couch, keine Hose, kein Problem. An Open Airs und Festivals mögen wir gar nicht denken, außer wir haben ein Snowboard dabei und es passiert irgendwo auf der Piste. Das perfekte Timing, um das Buch wegzulegen und sich von einer geschmeidigen Dokumentation berieseln zu lassen.

Großartige Empfehlung ist hier „Fyre: The Greatest Party That Never Happened“ auf Net ix oder „Fyre Fraud“ auf Hulu. Letztere ist in Deutschland nicht so simpel zu beziehen, da Hulu hier nicht ausstrahlt. Ländercode dies und das. Die Hulu-Doku empfehle ich eh nicht, dazu aber später mehr.
Das Fyre Festival war der größte Hoax, den die Festivalszene bisher erlebt hat, vorangetrieben durch Influencer und gigantisches Marketing. Was genau ist passiert?

Vor gut zwei Jahren gründete der einflussreiche Tech-Jungunternehmer Billy McFarland gemeinsam mit dem Rapper Ja Rule die Booking-App Fyre über die sich jeder Hans Dampf ganz gemütlich seinen persönlichen Superstar für deine Geburtstagsfete hätte buchen können. Futter für ein Milliarden-Start-up – umgangssprachlich auch Unicorn genannt. Die Investoren sind ausgerastet und das ganze Thema nahm zügig Fahrt auf. Seine erste Kohle hat McFarland mit einer exklusiven Kreditkarte gemacht, die es Millenials ermöglichte, sich zu vernetzen, etwas Exklusives zu besitzen und wilde Partys und Workshops in kleinem Kreise und exklusiven Clubhäusern abzuhalten. So weit, so tight.

Um das ganze Thema so richtig zu befeuern, hat man sich kurzerhand überlegt, ein Festival aus dem Boden zu stampfen. Angeblich hatte Billy die private Insel eines vergangenen Drogenbosses gekauft und wollte diese nun zu einem wahnwitzigen Festivalareal umbauen. Ticketpreise bis 12.000 Dollar sollten exklusive VIP-Packages beinhalten, Partys mit Top-DJs und Top-Models. Bella Hadid, Kendall Jenner und insgesamt knapp 250 Hotties waren teilweise in dem Teasermovie zu sehen oder posteten das Thema auf ihren Social-Media-Kanälen. Schampus, Titten und Sonne sind wie immer ein wundervolles Rezept, speziell dann, wenn es instagrammable ist, um dem Bodensatz der Gesellschaft auch noch das letzte Stückchen Hirnschmalz zu rauben. Die Tickets waren in Sekunden ausverkauft und jedem, der ein wenig in der Szene drin ist war klar: Das kann so nicht funktionieren.
Ich möchte nicht spoilern, daher empfehle ich an dieser Stelle, sich die Net ix-Doku reinzusemmeln. Die Doku von Hulu ist teilweise gesponsort von der ehemaligen Marketingagentur des Fyre Festivals und die Produzenten haben Billy McFarland für Interviews bezahlt, daher unterstelle ich der Nummer mangelnde Authentizität.

Schlussendlich habe ich in den Jahren, in denen ich im Festivalbereich arbeite schon viel erlebt. Das reicht von einem Veranstalter, der ein großes Live-Event verkaufte und sich mit den Einnahmen absetzte, über 90er-Partys, die nie stattfanden, bis hin zu den üblichen Booking-Problemen. Es geht irgendwie immer ums Geld und um Verzweiflung. Ein Festival wächst gesund und langsam. Mit Leidenschaft.

Immer wieder gibt es diese Menschen, die glauben, sie können mit Geld alles regeln. Ich kann euch sagen: Dem ist nicht so, denn die Probleme entstehen in der Produktion und bedürfen eines grandiosen Teams und Leute die hinter dem Projekt stehen.

Ich wünsche euch allen einen geruhsamen Fernsehabend.
Euer Moses

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