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Moses hat gesprochen #008, FAZEmag 031/09.2014


DJ-Lifeporn und seine Auswüchse

Es gab Zeiten, in denen ging es um die Musik. Das Konzept war simpel: Gute Musik führte zu guten und bald besseren Auftritten. Irgendwann kam das erste Album, die erste internationale Tour und der verdiente Erfolg. Die Basis des Ganzen war aber eben gute Musik und sicher auch immer ein guter Draht zu seinen Fans. Die wiederum schätzen die Bodenständigkeit und Nahbarkeit der Leute zu deren Musik sie jedes Wochenende feiern konnten. Der Unterschied zu den in den Pophimmel gelobten Rockstars der kommerziell ausgeschlachteten Musikwelt lag eben genau da: in der Anfassbarkeit. „Der ist ja einer von uns“, konnte man sagen.

Dieses Thema ist ja nicht neu, dennoch brennt es mir immer wieder in meinem kognitiven 3,5 Fingerschreibsystem. Wir wissen mittlerweile wirklich alle, dass Paul van Dyk die meisten Lufthansa-Meilen der Welt hat, Dubfire ein Gourmet ist und Raphael Dincsoy gerne in der ersten Klasse des ICEs sitzt – und überhaupt freut sich jetzt einer ganz doll, hier genannt zu werden. Afrojack fliegt in seinem Afrojet und Tiësto postet das x-te Selfie mit seinen Kumpels Aoki und Avicii. Letzterer feierte sich Anfang des Jahres öffentlich in seiner 15 Millionen-Dollar-Villa. Nach keiner Afterhour meines Lebens brauchte ich jemals sieben Badezimmer, aber nun denn. deadmau5 verfügt bekanntermaßen über eine üppige Sportwagensammlung und hat sich letztlich einen seiner Ferraris mit der Nyan Cat bedrucken lassen. Auch schön.

Facebook und Twitter öffnen Türen und kleine Fenster in die uns doch eigentlich so fremden Leben. Wir dürfen daran teilhaben, wie selbst unbekannte und kleine Künstler jedes noch so unwichtige Detail bildlich festhalten und uns auf die Nase binden, ob gewollt oder nicht. Die Jungs und Mädels, die im Business die vermeintlich große Rolle spielen, belästigen mich mit Bildern, die ich einfach nicht sehen muss. Sollte ich jemals in meinem Leben die Ehre haben, eine Senator Lounge der Lufthansa besuchen zu können, finde ich mich blind zurecht. Ich benötige keinen Werbeprospekt für die erste Klasse eines A380, mir reicht Twitter. Ich brauche nur ein paar Artists zu folgen und spare mir den Michelin-Führer für die besten Gourmet-Restaurants. Und den Backstage-Ausweis für das Tomorrowland klemme ich mir direkt. Ich weiß ja eh schon, wie er und wie es dahinter aussieht. In meiner Berliner Wohnung fühle ich mich wohl. Sie hat ein Badezimmer und ein Schlafzimmer. Mein persönlicher Luxus ist die Tatsache, dass ich mein Auto in dieser unsäglichen Parksituation auf einen festen Parkplatz stellen darf. Ich glaube, ich sollte das twittern. Dieser ganze Lifeporn hat mittlerweile unfeierliche Ausmaße angenommen.

Kurzum: Es geht mir gehörig auf den Sack. Ihr verleugnet euch alle selbst und das was ihr tut, kappt die Verbindung, die ihr zu denen hattet, die euch in eure 5-Sterne-Restaurants, First Classes, Privatjets und Luxusvillen gebracht haben. Ihr feiert auf euch selbst und das nächste „unbelievable“ schmeckende japanische Restaurant. Alles ist „amazing“ und „stunning“ und sowieso „catcht“ ihr „some sleep“ zwischen vier Gigs auf den besten Festivals der Welt in eurem Privatjet. Danke, denn ich weiß, dass ihr uns eine Kunstwelt vorgaukelt. Eine Welt, in der eben jener Jet ein gecharterter Jet ist, der nicht viel teurer ist als ein Linienflug. Eine Welt in der das tolle Restaurant auch nur mäßiges Essen hat und eine Welt, in der die Massen an „Friends“ an eurem „Table“ auch nur die Auswüchse sind, die sich an euch bereichern wollen. Eine Welt in der sieben Badezimmer und 18 Schlafzimmer auch benutzt werden möchten.

Ich bin neide euch nicht den Erfolg oder die Statussymbole, die ihr euch erarbeitet habt. Es wäre mir nur wesentlich lieber, wenn ihr auf eben jene verzichten könntet, denn das sollte niemand nötig haben. Reibt mir den ganzen Mist nicht ständig unter die Nase und macht das, was euch eure Daseinsberechtigung gibt: Musik. Dann nämlich klappt das auch mit den wahren Fans, Freunden und allem was dazugehört.

 Danke.

 

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