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Moses hat gesprochen #009, FAZEmag 032/10.2014


Berlin Music What?

Nicht, dass ich schon wieder Berlin Bashing betreiben möchte, das habe ich bereits ausgiebig vor ein paar Ausgaben getan. Aber zu den Dingen, die Berlin einfach nicht kann, gesellt sich neben der S-Bahn, dem Flughafen und der Asylpolitik eine weitere schwerwiegende Nummer hinzu: Die Berlin Music Week.

Als geneigter Szenegänger, -Aktivist, -Dienstleister oder einfach -Mitschwimmer weiß man ganz genau, wo der Zucker seinen Guss erhält: In Amsterdam auf dem Amsterdam Dance Event zum Beispiel. Jedes Jahr im Oktober trifft sich das Who is Who der Szene, um sich gegenseitig die Ohrläppchen zu knabbern, die Groupie-Bitches zu tauschen oder einfach um Geschäfte zu machen. Da wird das nächste Festival mit Künstlern bestückt, da wird der nächste Hype ausklabüsert, und da werden Hände geschüttelt – ob unwichtig oder nicht. Nebenbei wird kollektiv ziemlich hart zelebriert, und zwar jeden Abend in einem der unzähligen Events in dieser kleinen, im Vergleich zu Berlin, eher unbedeutenden Stadt. Die goldene Regel lautet: Erledige deine Geschäfte immer am ersten Tag, dem Mittwoch, denn zu späterer Woche bleiben die Sprachkenntnisse auf der Strecke, die Verständigung hapert an der Gesichtskirmes deines Gegenübers oder frühe Termine werden einfach verschlafen. Abgesehen davon: What happens on ADE, stays on ADE. Eine alljährliche Klassenfahrt voller Exzesse also. Am Sonntag bringen dann die „Deutsche Bahn“ und diverse Flieger von KLM oder Easyjet die tüchtigen Geschäftsmänner nach Berlin, um den 5-tägigen Exzess im Berghain zu beenden. Alleine die Klimaanlage der Flugzeuge verbreitet da soviel toxische Ausdünstungen, dass ein eigener Drogenkonsum gar nicht nötig ist.

Damit wären wir wieder in der Hauptstadt. Die Stadt, die sich selbst darauf feiert so innovativ, anders und vor allen Dingen szeneaffin zu sein. Die Hauptstadt, die mit Beatport, Soundcloud, MTV, Universal und über 60 Clubs DEN Nährboden für Kultur inne hält. Die Stadt, die es nicht gebacken bekommt einen allumfassendes Szeneevent und damit eine Basis für eben jene Kultur zu stellen. Auf der Eröffnungsveranstaltung war das Kakerlakenrennen mit batteriebetriebenen Plastikkakerlaken das Spektakulärste – und wer jetzt aufhört zu lesen, dem kann ich es weiß Gott nicht verübeln. „First we take Berlin“ und „First we take the Streets“ waren die begleitenden Veranstaltungen drumherum, für den gemeinen Pöbel zugängig. Leider wurde hier gar nichts „getaked“ und vor allen Dingen nicht Berlin. Das ausverkaufte Berlin Festival geriet im Nachhinein zu einer Farce, denn die neue Location verfügte über einen derart schlechten Sound, dass ab der dritten Reihe links kein wirklicher Mehrwert für den Kartenpreis mehr erkennbar war. Selbst die internationale Funkausstellung, die parallel stattfand, hatte das alles irgendwie besser drauf. Elektronikhersteller luden in ausgefallene Locations zu uninteressanten Produktpräsentationen, begleitet von massentauglichen DJs wie Avicii. Nicht, dass ich den ausgemergelten Schweden jetzt als den heißen Scheiß empfinde, aber es ist eben etwas mehr Avantgarde als ein Kakerlakenrennen.

Lange Rede, wenig Sinn. Nächstes Jahr wird die Berlin Music Week im Berghain stattfinden. Das ist kein Scherz, und gerade deswegen bekniee ich hiermit Steffen Hack, Inhaber des Watergate, seine Veranstaltung Berlin Music Days wieder ins Leben zu rufen, um uns aus der Szene heraus eine Alternative zu der – in meinen Augen – völlig versägten Berlin Music Week zu geben. Ich müsste dann auch nicht das Berghain bei Licht ertragen.

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