Das Funkhaus Nalepastraße in Berlin-Oberschöneweide ist ein Ort, dessen Geschichtsträchtigkeit man schon beim Betreten wahrnimmt. Auf wunderbare Weise scheinen die denkmalgeschützten Gebäude ihre eigene Vergangenheit konserviert zu haben. Beim Durchschreiten der langen Flure hat man das Gefühl, in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Der Rundfunk der DDR war von 1956 bis 1990 hier ansässig. Heute bietet der Ort Künstler, Medienschaffenden und Musiker kreatives Quartier. Eins der vielen Tonstudios ist seit zwei Jahren die neue Heimat von Jan St Werner und Andi Toma, kurz: Mouse on Mars. Denn das einst im Köln-Düsseldorfer Raum lebende Duo hat es längst nach Berlin verschlagen. Dort entstand auch das neue Album „Parastrophics“, das gerade auf Monkeytown herauskam.

Bei euren Produktionen als Mouse on Mars hat man oft das Gefühl, dass ihr unzählige Klänge übereinander schichtet und viele kleinteilige Sachen erschafft. Wie schwierig ist es, sich nicht in Details zu verlieren?

Jan: Es ist ja nicht so, dass jeder Aspekt, der in unseren Songs passiert, stets auch ein eigenes Element ist. Meistens sind es Samples, die in sich diese Komplexität entwickeln. Das passiert, indem man Teile processt. Aber das ist dann ein Sound, der teilweise komplex ist. Wenn er integriert ist und andere Teile dazukommen, klingt es eben manchmal etwas voll.

Welchen Anspruch habt ihr denn, wenn ihr ein neues Album aufnehmt?

Jan: Wir arbeiten im Grunde genommen hier wie in einem Labor oder in einer Werkstatt. Irgendwann sammelt sich ein Haufen Stücke an, der immer ein Bild ergibt. Da muss man auch erkennen, woran man die ganze Zeit arbeitet. Dann wird es immer klarer, es ergibt sich eine Geschichte. Man erkennt durch die Musik und darüber hinaus Ähnlichkeiten, Beziehungen, Themen. Vielleicht auch Strömungen innerhalb der Zeit, in der man gerade ist. So ein Album bringt auch stets sehr viel zu uns in Zusammenhang. Ein Teil davon spiegelt uns wider, aber es trägt ebenso eine Geschichte in sich.

Also hat ein Album Tagebuchfunktion?

Jan: Ja, da sind schon bestimmte Momente drin, die wichtig sind. Aber es eher fast losgelöst von uns persönlich. Wir sehen es als eine Art von Erzählung. Wir sind da Autoren, die im Sinne der Geschichte das Ding weitererzählen. Wo wir auch erkennen müssen: Das passt jetzt echt nicht in die Erzählung, oder vom Sound her, oder ist zu aufdringlich oder zu ravig. Oder wenn man alle Stücke hat und feststellt, dass man es von der Produktion ruhig weicher halten kann. Dann mischen wir ein paar Sachen einfach noch mal, bis wir das Gefühl haben, dass es einen roten Faden gibt. So etwas bekommt man nicht von Anfang an hin. Es ist nicht eine Struktur, sondern viele Aspekte, die man hat. Für uns sind das aber nicht überbordend viele, denn wir sehen auch die Welt als etwas, das aus einzelnen Elementen zusammengesetzt ist und nie als etwas Ganzes. Das ist unser Verständnis von Realität.

Habt ihr eigentlich Angst davor, euch zu wiederholen oder die Leute nicht mehr so zu überraschen wie früher?

Jan: Nein, die Angst haben wir nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob wir es so auf Überraschungen anlegen. Was wir wollen ist, dass man in die Musik richtig einsteigt. Das ist so, wie mit einer Arschbombe in den Pool zu springen, oder wie ein reichhaltiges Buffet, das genug von dem, was du magst, anbietet. Und du kannst dann so richtig fressen, bis du satt am Boden liegst. Wir haben keine Ahnung, was die Leute mit unserer Musik machen und wir wissen echt überhaupt nicht, wofür sie gut ist. Wir wollen sie nur einfach so ausstatten, dass sie in sich möglichst ehrlich und möglichst kohärent und so stabil aber auch beweglich gebaut ist, dass man immer wieder hineinkann und dass sie sich immer wieder anders zusammenbaut.

Langweilt euch denn dann „normale“ elektronische Tanzmusik eher?

Jan: Wenn die Sachen sehr offensichtlich sind und sich immer gleich wiederholen, dann verlieren wir schon relativ schnell das Interesse. Jedoch gibt es auch Musik, die durch Wiederholung eine hypnotische Qualität erreicht, die auch geil sein kann. Aber oft sind es die kleinen Veränderungen, die es wirklich spannend machen. Es ist lustig, denn einerseits findet man so stoische Beats relativ langweilig, andererseits hält man Jaki Liebezeit für den besten Drummer der Welt. Er ist ja auch total stoisch, ohne Ausschmückungen.

Vielleicht liegt es bei ihm aber auch daran, dass er aus einer ganz anderen Tradition kommt?

Jan: Ich glaube, es ist die Dynamik, die er in jeden einzelnen Schlag legt, die man spürt. Das ist doch bei allem so. Nicht nur bei Musik. Auch bei einem mechanischen Gebilde, bei der Malerei, im Theater, beim Auto – jedes Detail muss so bewusst und so gut gemacht sein, dass man direkt erkennt: Diese Schraube ist genau da, wo sie sein soll und es war auch wirklich die beste Schraube, die dafür gefunden wurde. Bei Jaki ist sozusagen jeder Bassdrumkick und jeder Snareschlag wie der letzte seines Lebens und auch wie der erste. Bei Maschinen, die Dinge automatisch ausführen,  ist manchmal das Problem, dass man sich fragt, ob man in der Warteschleife hängt, ob sich was aufbaut, oder ob nur der Zustand gehalten werden soll. Da tröpfelt die Euphore dann raus. Es gibt aber auch minimalistische Sachen, die extreme Energie haben. Für uns als Mouse on Mars ist die Variation eine Herausforderung. Mit einer Dichte und Intensität und natürlich auch Wiederholung. Aber gerade die Variation gefällt uns. Wenn man meint, es ist das gleiche, aber es ist dann doch einen Tick anders. Das ist so eine Freude, die man hat, wenn sich die Dinge verändern.

Welchen Einfluss hat denn live das Publikum auf euch?

Jan: Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit Kristof Schreuf. Der hat auch so seine Geschichte in der Hamburger Schule mit Kolossale Jugend war aber immer ein speziellerer Typ. Er macht jetzt solo Musik. Ein ganz brillianter Kopf und toller Typ. Er meinte nun, er spiele ganz viele Soloshows nur noch mit Gitarre. Am Anfang fühlte er sich was unwohl dabei, mittlerweile hat er sich daran gewöhnt. Was er aber toll findet ist, dass ihm so immer wieder etwas einfällt, womit er vorher selbst nicht gerechnet hätte. So dass der Abend ganz anders wird, als angenommen. Wenn er auf der Bühne merkt, dass es nicht ausgemacht ist. Alles kann sich ändern. Das ist der Moment, den man immer sucht. Ab heute kann alles anders werden. Du hast einen Zusammenbruch, du wächst über dich selbst hinaus … Es kann alles passieren. Und das überträgt sich auf das Publikum. Diese Spannung, dass es der geilste Abend wird, den man je hatte, den suchst du. Wenn du ein gutes Publikum hast, dann fordert es das auch. Deshalb klingt der Sound auch jeden Abend anders, weil du immer mit dem Publikum arbeiten musst. Das ist etwas, womit sich elektronische Musik leider etwas schwer tut, wenn die Kreise der Klangerzeugung geschlossen sind. Sobald du aber ein Mikrofon hast, öffnet sich alles in Richtung Raum. Damit wird diese Geschlossenheit aufgebrochen. Es kann ein Pick-up einer Gitarre sein, oder ein Mikrofon, das den Raum aufnimmt.

… was zum Beispiel Matthew Herbert erfolgreich praktiziert.

Jan: Genau. Deswegen funktioniert es ja. In dem Moment, in dem du nur ein bisschen vom Raum hast, der durch alle, die drin sind, mitgestaltet wird. Jeder Kopf, jeder Körper verändert ihn mit. Das ist ultraein, aber das darf man nicht unterschätzen. Auch das bezieht sich wieder darauf, ob wir viele Details sehen und uns darin verlieren. Wir akzeptieren einfach eine sinnliche Wahrnehmung. Du berührst zum Beispiel mit dem Finger das Knie einer schönen Frau. Klar, es ist nur die Fingerkuppe auf das Knie gekommen, aber was da gleichzeitig abgeht. Deine Fantasie spielt verrückt, du denkst: Oh Gott, was denkt die Person.? Was denkst du was sie denkt … Das zischt alles ab, obwohl es nur ein Mini-Moment war. Und so ist es auch, wenn ein Mikrofon greift. Man kann damit so viel machen, es gibt eine riesige Bandbreite an Möglichkeiten. Du kannst den ganzen Raum alleine durch Feedbacks zum Knallen bringen. Oder durch bestimmte Frequenzen, die du hervorhebst. Das ist es, was wir auch versuchen, wenn wir spielen. Wir suchen dann den Moment, in dem alle loslassen und sich alles von alleine bewegt. Wenn das Publikum uns zeigt, wo es langgeht. Da ist so ein Euphoriemoment, den wir mögen: Ihn lange halten, kleine Ecken und Kerben hineinmachen, von hinten nochmal rangehen und extraklein vielleicht noch was Euphorie draufschieben oder mal unterbrechen. Das wird einfach immer irrer. Wenn man darüber nachdenkt, versteht man nicht wie es funktioniert. Wenn man nicht darüber nachdenkt, geht plötzlich alles.

 „Parastrophics“ ist am 24. Februar bei Monkeytown erschienen.

 www.mouseonmars.com