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Denk ich an Deutschland in der Nacht – Move D


Als Heinrich Heine 1843 im Pariser Exil seine Gedanken schweifen ließ und in einem Gedicht zu Papier brachte, ahnte er vielleicht, wusste aber nicht, dass kurze Zeit später, 1848, Revolutionsbewegungen Europa erschüttern würden – geschweige denn, dass im Jahr 2017 eine Film-Dokumentation über Techno und artverwandte Stile die erste Zeile seines Gedichts „Nachtgedanken“ als Titel tragen würde: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“

So beginnt die erste Strophe, die weiter folgt: „Dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine heißen Tränen fließen.“ Was große Lyrikkunst der Romantik ist, mutet heute für eine Musik-Lifestyle-Doku auf den ersten Blick vielleicht ein wenig kitschig an. „Der Titel ist ‚wagnerianisch bedeutungsschwanger‘ und würde mir spontan eher Angst machen“, verrät David Moufang aka Move D seine ersten Assoziationen – er ist neben Ricardo Villalobos, Roman Flügel, Ata Macias und Sonja Moonear einer der fünf Protagonisten der Doku, die ab dem 11. Mai in den Kinos läuft. „Der hätte mich damit erst mal nicht direkt vorm Ofen vorgeholt, weder um da mitzumachen noch später als potenzieller Kinogänger.“ Umso größer ist dann der Kontrast zwischen dem, was der Titel verheißt, und dem, was man bekommt – ein unprätentiös reduziertes, entschleunigtes Umherschweifen zwischen Reflexionen der fünf Musiker und einigen Aufnahmen in Clubs und Studios. Keine Schnörkel, keine Ornamentik, zugleich auch keine pragmatisch einordnenden Kommentare aus dem Off.

Drehbuchautor und Regisseur Romuald Karmakar lässt in seinem neuen, vierten Dokumentarfilm Bilder und Worte für sich stehen. In kleinen Episoden erzählen Sonja Moonear, Ricardo Villalobos, Roman Flügel, Move D und Ata mehr fragmentarisch als stringent von ihrem Zugang zu elektronischer Musik, von ihren Anfängen, ihrem Werdegang, von Erfahrungen und Erlebnissen als Jugendliche und später als Produzenten und DJs – und heben in ganz persönlichen Gedankenflügen zu elektronischer Musik und Musik im Allgemeinen ab. Alle Protagonisten sind schon seit den Neunzigerjahren im Geschäft, mit dementsprechend weitem Horizont blicken sie zurück, in die Gegenwart und nach vorne. Regie und Schnitt lassen dabei viel Raum für den Zuschauer, einfach zu schauen, selbst querzudenken, weiterzudenken, mit zu fabulieren oder auch mal zwischendurch unruhig auf dem Stuhl hin und her zu rutschen – etwa bei besonders langen Einstellungen wie einer minutenlangen Sequenz mit Ricardo Villalobos bei der Arbeit in seinem Studio, wo er weder etwas sagt noch in dramaturgischer Hinsicht etwas passiert. „Man kann genauso sagen, dass er langweilig ist“, konstatiert David Moufang über den Film, durchaus jedoch positiv gemeint: „Seit ich ihn das erste Mal gesehen habe, kann ich wertschätzen, wie viel gute Gedanken und wie viel feines Gefühl Romuald da aufgebracht hat, um einen Film zu machen, der einfach einen ganz anderen Flow hat als alle anderen Musikfilme, die ich bisher gesehen habe, die immer in einer gewissen Art und Weise von Schnelligkeit und Szenenwechsel leben und wo oft über einen Song, der maximal 20 Sekunden läuft, drübergequasselt wird. Das ist ein wohltuendes Gegenteil davon.“

Bis zur Premiere auf der Berlinale hatte auch David den Film nicht gesehen: „Dementsprechend hatte ich die Hosen voll hoch zehn und habe mir meinen älteren, 19-jährigen Sohn zur Verstärkung mitgenommen. Ich war aber total positiv überrascht.“ Denn anfangs war der Heidelberger eher skeptisch. Roman Flügel hatte David am Amsterdamer Flughafen mit Romuald Karmakar bekannt gemacht, nachdem Ricardo Villalobos ihn zuvor schon ins Spiel gebracht hatte. David hielt es nur für einen Airport-Small-Talk, nahm die Sache nicht ernst: „Ich war jetzt gar nicht so wild darauf, weil ich grundsätzlich eher nicht so der Kameratyp bin. Und über Musik reden finde ich grundsätzlich auch eher schwierig.“ Als er erfuhr, dass es um die deutsche Technoszene gehen sollte, „… ist mir dann noch viel weniger eingefallen, weil ich ja mittlerweile eigentlich die ganze Zeit im Ausland und selten in Deutschland bin.“ Für einen Dreh bei einem Gig in Deutschland musste David auch entsprechend erst einmal suchen, es wurde dann ein Auftritt in Köln. Seine Vorbehalte baute er nur langsam ab, bis das Filmteam ihm plötzlich beim Gottwood Festival in Wales praktisch gezielt vor die Füße lief: „Das hat mich schon beeindruckt. Nach der Aktion war das Eis gebrochen. Die meinen das ernst.“ Aufnahmen in Berlin und seiner Heimatstadt Heidelberg folgten. Dort, an einem Apfelbaum stehend, mit Blick auf das Stadtpanorama, entwickelt David aus seinen Kindheitserinnerungen an den Klang des Luftzugs unter einer Tür beispielsweise eloquent eine ganze Kosmologie der Musik.

Die Genferin Sonja Moonear verbindet ihre eigenen Erfahrungen als Clubgängerin, die viel nach Deutschland fuhr, weil es in der Schweiz praktisch kaum Angebote mit elektronischer Musik gab, mit ihren eigenen Ambitionen, diese Art von Musik in ihre Heimat, in ihr Zuhause zu holen – der Anfang ihres eigenen musikalischen Schaffens. Der Frankfurter Ata Macias erinnert sich daran, wie ihn die Musik von Kraftwerk und die Platten eines schwarzen G. I. aus der Nachbarschaft geprägt haben. Heute hat er seine Vinylsammlung verkauft, fühlt sich frei – kann einfacher umherschweifen in der riesigen Vielfalt an Musikgenres und -Stilen, die er mit einem Teppich vergleicht. „Techno atomisiert sich in lauter kleine Verästelungen“, meint auch David Moufang. „Das ist auf jeden Fall erneuernd, aber der Sturm ist sozusagen mehr in der Schneekugel, als dass er öffentlich wahrgenommen wird. Die Musik ist absolut lebendig, da passiert auch Revolutionäres im Hintergrund. Aber wenn man Wahrnehmung mit dem Adjektiv revolutionär in einen Kontext setzt, dann kann man nicht davon sprechen, dass Techno jetzt revolutionär ist. Techno ist auf Musik und andere Musikgenres bezogen revolutionär – aber nicht gesellschaftlich. Auch weil Musik einfach insgesamt nicht mehr so Identifikationsfaktor oder Lebensmittelpunkt oder gesellschaftliches Ausdrucksmittel ist, wie sie eben noch bis in die Neunziger war. Heute ist das wesentlich entspannter. Musik ist heute einfach nicht mehr diese Religion.“ Wohl also auch keine Revolution wie zu Heinrich Heines Zeiten, aber immerhin bereitet sie schlaflose Nächte – in den Clubs. Dort, wo sich Menschen aus Einsamkeit zusammenfinden, wie Ricardo Villalobos im Film fast beiläufig erwähnt, oder um aus dem Alltag zu entfliehen, wie Roman Flügel meint. Was also ist Deutschland in der Nacht? Die Gedanken der fünf Musiker sind so unterschiedlich wie ähnlich und eines eint sie besonders: Sie sind oft rückwärtsgewandt. „Durch die Auswahl an Protagonisten hat sich Romuald auf Leute festgelegt, die viel aus der Vergangenheit erzählen.“ Dennoch seien Gegenwart und Vergangenheit gleich wichtig, betont David Moufang – die Gegenwart ist schließlich das Ergebnis der Vergangenheit. „Deutschland wird ja auch zu großen Teilen über Berlin definiert und an Berlin kann man auch großartig das Ausmaß an Geschichte verfolgen, was synchron mit der Wiedervereinigung und dem Ende des Kalten Kriegs, Glasnost und Gorbatschow quasi eingesetzt hat, und wie dann auch plötzlich die Erfahrung im Osten kreativ genutzt werden konnte, weil da so ein Vakuum entstand und viele Dinge brach lagen und man überall reingehen, einen Generator reinstellen und Party machen konnte.“

Ein temporärer Flash, eine Andersartigkeit, die das ganze frühe Berlin, die deutsche Techno-Szene in einem besonderen Licht erscheinen lässt – man fühlt es nach. „Berlin ist bis heute einzigartig, aber aus ganz anderen Gründen. Jetzt geht’s darum, dass es so ein Melting-Pot geworden ist, wo sich Kulturen treffen und wo viel Kultur geboten wird“, David denkt nach, von Ambivalenz deutlich geprägt. „Aber in der Gegenwart finde ich es nicht so superspannend.“ Am Ende des Films muss der Zuschauer versuchen, die Antwort selbst zusammenzupuzzeln auf die Frage: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, denk ich an …?“ – oder sie offen lassen. Denn auch Roman Flügel hat am Ende keine abschließende Antwort: „Darauf fällt mir nichts Griffiges ein.“
Text: Csilla Letay
Aus dem FAZEmag 063/05.2017

HIER findet ihr eine Liste mit den Städten, in denen der Film läuft.

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