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„Get A Move On“ war der Welthit von Mr. Scruff, auch schon einige Jahre her und einer der prägenden Hits der 90er-Jahre. Nach einigen Jahren Albumpause ist der passionierte Teetrinker Andy Carthy nun wieder in Bewegung gekommen und präsentiert uns sein neues Album „Friendly Bacteria“. Neben House-Vokalist Robert Owens und Vanessa Freeman, mit der eine langjährige Freundschaft besteht und ist der Singer/Songwriter Denis Jones die herausragende Stimme auf dem Album. Tobi Kirsch sprach mit dem Künstler über diese unerwartete
Zusammenarbeit, das schwierige im Einfachen und Veränderungen von Clubmusik.


Dein letztes Album ist jetzt auch schon fünf Jahre her. Warum hast du so lange nichts gemacht?

Ich habe viel aufgelegt, zwischendurch habe ich ein paar Maxis bei Ninja Tune veröffentlich. Aber wenn du viel unterwegs bist und auflegst, kommst du nicht so viel zum Produzieren. Außerdem bin ich inzwischen Vater einer dreijährigen Tochter. Das ist natürlich auch eine zeitraubende Angelegenheit, aber ich genieße es sehr und verbringe natürlich gern Zeit mit ihr.

Hat die Vaterschaft deine Art des Musizierens verändert?

Das kann schon sein, dass man auch etwas anders an die Musik herangeht. Insgesamt spielen da viele Faktoren eine Rolle. Ein reines Listening-Album ist es aber ja auch nicht geworden. Viele der Tunes sind für den Club gedacht, sind nur vom Tempo her nicht so schnell.

Auf deinem aktuellen Werk sticht eine Zusammenarbeit heraus, weil sie so unerwartet ist: Du machst auf mehreren Tracks zusammen mit dem Songwriter Denis Jones Musik. Wie kam es dazu?

Wir sind seit sechs Jahren Freunde, ich habe viele seiner Liveshows gesehen. Ich mag die Art, wie er Ebenen übereinander schichtet, er arbeitet ja live auch mit Loops. Bei meinen Produktionen habe ich ihm manchmal gesagt, er kann eine Aufnahme so behalten, auch wenn sie vielleicht nicht hundertprozentig saß. Mit den richtigen Mitteln umgesetzt kann etwas, das für sich allein stehend, nicht perfekt ist, einen sehr guten Eindruck machen.

Wie war das mit den Texten, hat er die geschrieben oder ihr zusammen?

Zum größten Teil hat er die geschrieben. Bei dem Tune „Catch That Sound“ sind es gar keine richtigen Lyrics, das sind mehr Wörter, die gut zum Sound passen. Im Übrigen hab ich ihn kaum gefragt, was er da singt, ich lasse das lieber offen und lasse auch den Hörern gerne Raum für ihre eigene Interpretation.

Hat der Titel „ Friendly Bacteria“ eine Bedeutung?

In dem Sinne eigentlich nicht, wie schon erwähnt, lasse ich bei Benennungen von Tunes gerne Spielraum. Ich fand den Titel aber ganz passend, weil ich auf dem Album sehr viel kleine Tools verwendet habe, die sich auf den Gesamtsound auswirken. Kleine Hilfsmittel, die sich auf das große Ganze positiv auswirken, so ungefähr. Der Titel ist garantiert nicht wörtlich zu verstehen, wie ich auch generell meine Tunes benenne. Es ist doch viel schöner, wenn nichts so eindeutig festgelegt ist. Das mache ich ganz bewusst so.

Insgesamt ist das Album deeper geworden, die Tracks sind größtenteils kürzer als früher und es sind nur wenige Tunes darunter, die man nach den ersten Eindrücken in Clubs spielen würde. Wie kam es zu dieser Veränderung?

Die Zusammenarbeit mit Denis hat einiges verändert, aber ich habe schon immer ruhigere Tunes auf den Alben gehabt. Mitunter ist auch ein sehr mächtiger Bass-Sound dabei, den ich mir in den richtigen Kontext gesetzt auch gut im Club vorstellen kann.

Mir kommt es so vor, als wüsstest du ganz gut, wie man Hörer einfach erreichen kann mit eingängigen Hooks und Melodien, aber darunter liegen immer auch komplexere Ebenen, die man immer erst bei weiteren Hördurchgängen erkennt. Bei aller Komplexität bleibt das Endergebnis dann aber angenehm verspielt. Liege ich damit richtig?

Mir sagen vielen Menschen, dass meine Musik auf eine angenehme Weise verspielt klingt. Oder sie sagen, dass es bestimmt Spaß gemacht haben muss, das Stück so zu produzieren. Stimmt, aber mitunter ist es auch gar nicht so einfach, wie es anfänglich aussieht. Und ja, ich baue ja auch aus vielen Einflüssen meine Stücke zusammen. Mich hat schon immer interessiert, wo Musik herkam, wo ihre Ursprünge liegen. Erst kürzlich habe ich ein Buch zu Ende gelesen über die kubanische Musikkultur. Da tauche ich dann richtig ab und erschließe mir gerade eine große Menge kubanischer Musik.

Du hast mit „We Are Coming“ eine Nummer dabei, die voller Referenzen an Acid steckt. Die Nummer ist im Gesamtkonzept des Albums durchaus passend, von den Klängen her sticht sie aber auch etwas raus. Wie kam es dazu?

Ich habe neben meiner Hiphop-Sozialisation einfach die Rave-Kultur interessiert verfolgt und damals sehr viele Platten gekauft. Da ist es nur logisch, dass ich auch mal so ein Stück produziere. Insgesamt ist aber auch dieser Tune gut in das Gesamtalbum eingebaut.

Du bist seit 30 Jahren DJ, bist du immer neugierig auf neue Produktionen?

Klar, sonst könnte ich den Job nicht machen. Du musst heiß drauf sein, wie du die Leute gut unterhalten kannst. Wenn du nicht mehr für die Musik brennst, ist es nur ein Job, aber wir alle im kreativen Bereich sehen unsere Arbeit eher nicht so. Klar, bin ich jetzt auch nicht so wild auf lauter digitale Downloads, da bin ich altmodisch und hab lieber Vinyl. Aber neue Platten hör ich nach wie vor gern.

Wie hat sich die Clubkultur verändert in letzter Zeit?

Ich sehe einige positive Entwicklungen darin, dass es nicht immer die Kickdrum sein muss, damit die Leute abgehen. In den richtigen Zusammenhang gesetzt ist heute im Club vieles möglich, was vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre. Tracks ganz ohne Drumbeat beispielsweise. Das finde ich erfreulich und kommt auch meiner Vorstellung von Experimentierfreude entgegen.

Du wirst dein Album Ende Mai in London mit vielen Gästen vom Album präsentieren. Wie können wir uns das vorstellen?

Ich bin kein Freund davon, eine Albumproduktion schlecht live aufzuführen. Ich bin der Typ, der gut Platten auflegen kann, aber nicht unbedingt ein Liveprogramm auf die Bühne bringen will. Aber ich gebe den Menschen, die mit mir zusammen am Album gearbeitet habe, genug Raum bei dieser Veranstaltung, sich dort angemessen zu präsentieren. Ich mag diese Events nicht, bei denen alle nur eine halbe Stunde auftreten. Die Bands dürfen alle mindestens eine Stunde spielen und als DJ lege ich auch lieber zwei bis drei Stunden am Stück auf. Ich habe mir sehr viele Gedanken zu dem Abend gemacht, und der Prozess ist auch noch nicht abgeschlossen. Schon mal bestätigt ist eben Denis Johnson und das Portico Quartet.

Im Infoblatt wird erwähnt, dass eine ganze Anzahl von Live-Musikern wie Phil France (Cinematic Orchestra) an dem Album beteiligt waren, als Feature konkret genannt werden aber nur die Sänger. Wie kommt das?

Das ist soweit richtig, einige Musiker waren zu Gast bei mir im Studio oder haben anderswo etwas eingespielt. Ich gebe den Beteiligten auch immer die Credits, aber ich wollte jetzt nicht bei jedem Stück die Beteiligten nennen. Das Album ist zu einem großen Teil ein Ergebnis vieler Menschen, und ich bin sozusagen der Mastermind. Ich habe insgesamt weniger mit Samples gearbeitet als früher und mehr live einspielen lassen.

 

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