Der Münchener DJ David Muallem ist schon seit vielen Jahren Teil der elektronischen Szene. Er tourt nicht nur durch die gesamte Republik, sondern sorgt auch auf internationaler Ebene regelmäßig für Hochgefühle auf der Tanzfläche. Muallem agiert jedoch auch abseits von DJ-Booth oder Studio: Als Mitbegründer des Clubs BLITZ fördert er die House- und Techno-Kultur und lockt zahlreiche großartige Musiker in die bayerische Landeshauptstadt – getreu dem Motto „Love is the message“. Nun hat er für uns die Platten zusammengetragen, die ihn schon früh geprägt und auf seinem Weg begleitet haben.


„Der Gedanke, zehn wegweisende Platten auszuwählen, ist purer Stress. Habe ich was vergessen? Da fehlt doch noch so viel! Die Limitierung macht es einem hier sicherlich nicht einfach. Ich überlegte kurz, mich auf ein Genre zu beschränken – ausschließlich auf Dance-Music zum Beispiel oder auf Musik, die in direktem Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als DJ steht. Dann müsste ich aber zum einen Platten ausblenden, die wegweisend auf meiner musikalischen Reise waren, und zum anderen wäre dieser Ansatz viel zu gekünstelt – denn manchmal verfehlt man das Ziel, wenn man zu viel nachdenkt. Daher habe ich mich einfach für die ersten zehn Platten entschieden, die mir beim Gedanken an das Thema in den Kopf geschossen sind. Daher also: zehn wegweisende Platten von so vielen anderen.“

Massive Attack – Blue Lines (1991)
„Blue Lines“ war für mich wie ein Portal in eine neue Welt. Vollkommen abseits von Genres hat das Album enorm viele Referenzpunkte, über die ich damals auf Entdeckungsreise gegangen bin. Durch „One Love“ bin ich zum Beispiel sowohl auf Isaac Hayes als auch auf Horace Andy gestoßen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich pausenlos das Cover studiert und alle Infos, die ich darüber bekommen konnte, aufgesaugt habe. Es gibt wahrscheinlich kein Album, das ich öfter gehört habe. Gibt es ein Album, das cooler ist als dieses?

De La Soul – 3 Feet High And Rising (1989)
Hip-Hop hat in meiner Jugend eine große Rolle gespielt. Mitunter war „3 Feet High And Rising“ für mich der Einstieg zu Eastcoast-Rap. Im Gegensatz zu einem eher rebellischen Ansatz hatten die drei Schulfreunde von De La Soul einen komplett anderen. Ihre Musik war extrem lustig, machte einfach nur Spaß und war dabei auch noch extrem smart. All das kommt auch auf dem extrem guten Cover zum Ausdruck. Ich habe erst vor Kurzem das Album, das sich wie ein Hörspiel hören lässt, als Tape geschenkt bekommen. Jetzt verstehe ich wenigstens all die Ausdrücke, die als Kind für mich pure Fantasiesprache waren.

Alex Reece – Pulp Fiction (1995)
Mitte der Neunziger habe ich mich extrem viel mit Drum ’n’ Bass beschäftigt. Meine erste Veröffentlichung, damals noch unter dem Pseudonym Force, war tatsächlich eine Drum-’n’-Bass-Scheibe. Diese Musik war damals so anders, so fresh, so neu. Metalheadz war von Anfang an eines der Labels, um die es ging. Als ich „Pulp Fiction“ das erste Mal im Club gehört habe, konnte ich es kaum fassen. Ich war wie weggeblasen. Dieser sexy Minimalismus in Kombination mit diesem bösen Bass – bis heute: wow! Ich habe mal versucht, ein Edit davon zu machen, damit ich den Track mit der Art und Weise vereinen kann, wie ich heute spiele. Aufgrund des zu hohen Tempounterschieds habe ich es aber einfach nicht hinbekommen.

69 – Desire (2011)
Über „Desire“ habe ich meine Liebe zu Techno entdeckt. Eigentlich ist es gar keine Techno-Nummer, sondern eher Downbeat oder Ambient. Ich habe die Scheibe in der Sammlung vom älteren Bruder eines Freundes entdeckt. Das muss 91 oder 92 gewesen sein. Das rote Label mit der weißen 69 darauf hat mich wahnsinnig angezogen. Das Besondere an der Nummer sind die Strings. Ich habe jahrelang versucht, Strings so hinzubekommen. Bis heute zählt Carl Craig zu meinen absoluten Lieblingsproduzenten, wenn es um Detroit-Techno geht.

Barbara Streisand – Guilty (1980)
Meine Eltern haben mir eigentlich keine Musik mit auf den Weg gegeben. Das spielte bei uns zu Hause keine Rolle. Die einzige Platte, an deren konstante Präsenz ich mich erinnere, war „Guilty“ von Barbara Streisand. Das Album läuft bis heute bei mir zu Hause rauf und runter und ich kaufe es bei jeder Gelegenheit – denn wenn ich jemanden wirklich mag, dann verschenke ich genau diese Platte. Ich habe das Gefühl, dass sie viel über mich erzählt.

iO – Claire (1994)
iO war ein Alias der Wiener Produzenten und DJs Patrick Pulsinger und Erdem Tunakan. Ich kannte die beiden als DJs, da sie zum Auflegen schon recht früh nach München kamen. „Claire“ wurde als Teil einer Doppel-12Inch auf Cheap veröffentlicht. Ich aber entdeckte die Nummer via Mo Wax, das für mich damals wie heute eines der wegweisendsten Labels ist. Auf diesem erschienen zwei „Excursions“-Reihen, eine Bezug nehmend auf Hip-Hop, die andere auf Techno. „Claire“ war offensichtlich Teil der letzteren. Jede „Excursions“-Reihe bestand aus fünf Singles. Beim Kauf der dritten bekam man eine Sammlerbox. Was mich an „Claire“ bis heute umhaut, sind die Hi-Hat- und Snare-Changes. Durch „Claire“ wurde mir bewusst, wie man mit den minimalsten und simpelsten Veränderungen im Arrangement enorm viele Emotionen erzeugen kann.

Soul II Soul – Club Classics Vol. 1 (1989) One
Ich erinnere mich noch genau daran, wie mein Bruder Ende der Achtziger mit diesem Album nach Hause kam. Ich glaube, es lief dann auch erst mal zwei Jahre pausenlos. Das Album vereint viele Stile – von R&B über Dub zu Soul und wieder zurück –, verliert aber nie den Fokus auf den Dancefloor. Kaum ein Albumtitel ist wohl mutiger als dieser. Man muss aber sagen: Selbst 30 Jahre später wird es diesem mehr als gerecht. Mit „Club Classics Vol. One“ entstand meine Fantasie über Clubs, über diese ganz spezielle Welt, in die ich eintauchen wollte.

Soft Cell – Non-Stop Erotic Cabaret (1981)
Musikalisch empfand ich es immer als großen Vorteil, einen älteren Bruder und eine ältere Cousine zu haben. Letztere war ein großer New-Wave-Fan, über sie habe ich Depeche Mode und eben auch Soft Cell entdeckt. Im Gegensatz zu der Musik, mit der ich mich sonst beschäftigt habe, war ich hier sehr von der kühlen Sexyness fasziniert. Mich haben aber auch der Vibe der Jungs, das Artwork, die Fashion, einfach das ganze Drumherum enorm angesprochen. „Non-Stop Erotic Cabaret“ war mitunter für meinen Einstieg in die Synthesizer-Musik verantwortlich. Natürlich ist hier der Überhit „Tainted Love“ auch mein Favorit, wobei ich beim Auflegen die Impedance-Version des Northern-Soul-Klassikers von Gloria Jones bevorzuge.

N.W.A. – Straight Outta Compton (1988)
Was mich an Rap von Anfang an fasziniert hat, war die rohe, rebellische Gewalt, die von dieser Musik ausging. Musik, die politisch war, die den Aufschrei einer Generation schwarzer Kids aus den Ghettos der USA darstellte. „Straight Outta Compton“ kam wie ein Hammerschlag, mitten ins Gesicht. Die Energie des Albums sucht ihresgleichen. Beats, genauso roh und kantig wie funky, kombiniert mit Lyrics, die wie Waffen abgefeuert werden. Genau dieser rebellische Ansatz zog mich damals als Kind wie auch heute als Erwachsenen in den Bann. Durch „Straight Outta Compton“ habe ich begonnen, mich mit dem Thema Sampling auseinanderzusetzen.

Horace Andy – Money Is The Root Of All Evil
Ich habe schon sehr früh begonnen, Dub, Roots & Reggae zu hören. Das lag hauptsächlich an einem befreundeten Skater, der, im Gegensatz zu allen anderen, großer Bob-Marley-Fan war. In meinem Freundeskreis machte ein Mixtape die Runde, das wohl an die hundertmal überspielt wurde. Bis heute weiß keiner den Namen oder von wem das Tape wirklich ist. Wir nannten es nur „Raggamuffin Tape“. Es gab immer wieder Gerüchte, dass es von Mushroom von Massive Attack sei. Meine Lieblingsnummer darauf war „Money Is The Root Of All Evil“, das für mich den Einstieg in diese Welt darstellt.

 

Weitere Wegweiser:
Perel
Maya Jane Coles
Marcus Worgull
Emmanuel Top
Dusty Kid