Musik als Zeitmaschine: Rico Puestel denkt Tetzlaff neu

Am 3. April 2026 ist mit „Automatenhalle“ das neue Album von Rico Puestel unter seinem Projektnamen Tetzlaff erschienen – ein Name, den er bereits als Kind entwickelte. Nach dem 2021 veröffentlichten Album Asphalt führt er dieses Projekt nun weiter und erweitert es um eine zusätzliche Ebene: „Automatenhalle“ basiert auf seiner eigenen Erzählung Die Unbekannte, die zeitgleich als Buch erscheint. Im Zentrum steht die Geschichte eines 16-Jährigen, der in einer Spielhalle der 80er-Jahre eine außergewöhnliche Reise erlebt. Aus dieser Vorlage entwickelte sich ein größeres Konzept, das über ein einzelnes Album hinausgeht: „Automatenhalle“ bildet den Auftakt zu einer Trilogie, die im Laufe der nächsten Monate fortgesetzt wird. Auch in der Produktion geht Puestel einen klaren eigenen Weg. Die Musik entstand mit analogen, teils jahrzehntealten Geräten und folgt einem bewusst reduzierten Ansatz. Das Album erscheint als Vinyl, CD, Kassette und digital, begleitet von der literarischen Vorlage. Wir haben mit Rico Puestel über die Ursprünge von Tetzlaff, die Verbindung von Musik und Geschichte und die Idee hinter dem Werk gesprochen.

Dein Projekt Tetzlaff wirkt wie eine sehr persönliche, fast lebenslange Vision – kannst du uns mitnehmen zu den Ursprüngen dieser Idee und wie sie sich über mehr als 30 Jahre entwickelt hat?
Die Ursprünge von Tetzlaff liegen weit in meiner Kindheit und markierten eine gewisse Flucht in den grenzenlosen Fantasmus elektronischer Klangwelten, auch aus einem Gefühl von Isolation und Vereinsamung. Meine damaligen Perspektiven und Wahrnehmungen schienen mir bereits als Kind teils spezieller Natur zu sein, traditionell unkommunizierbar und die Konfrontation mit manchen jener „Unerklärlichkeiten des Lebens“ schlugen sich besonders repräsentativ in der Gestalt elektronischer Klänge nieder. In Faszination mit dem Namen „Tetzlaff“ (angelehnt an eine Rolle von Heinz Schubert) erdachte ich mir ein Projekt (eins von vielen), um unterschiedlichste Aspekte des alltäglichen Lebens und meine Rolle darin in Tonform bringen zu wollen. Doch dafür waren meine spärlichen technischen Möglichkeiten zu arg begrenzt – ich „erdachte“ es eben vorläufig, sog jedweden Input auf und experimentierte mit allem, was ich überhaupt bekommen konnte. Erst über viele Jahre hinweg ließ sich das einst nur erdachte wirklich realisieren, was bis zur Veröffentlichung des ersten Tetzlaff-Albums „Asphalt“ im Jahr 2021 gut und ernsthaft 25 Jahre dauerte. Natürlich war das alles etwas sehr Persönliches, ist es weiterhin und wird es auch immer bleiben. Das, was vor allem elektronische Klänge vermögen, empfinde ich weiterhin als vollkommen entkoppelt von jeglicher Zeit- und auch Raumvorstellung – es klingt für mich bestenfalls stets nach Vergangenheit, Gegenwart und unbestimmter Zukunft zugleich.

„Automatenhalle“ funktioniert nicht nur als Album, sondern auch als eine Art Soundtrack zu deiner Erzählung „Die Unbekannte“ – wie wichtig ist dir dieses Zusammenspiel von Literatur und Musik?
„Ich möchte mit meinem Set/Track/usw. eine Geschichte erzählen…“ Wie oft habe ich das schon gehört oder gelesen und mich doch so oft fragen müssen, was denn diese Geschichte genau sei? Und genau an diesem Scheideweg wollte ich ganz konkret zwei Welten zusammenbringen, die letztlich mit langer Tradition in einer einzigen wohnen – denn auch ohne Libretto keine Oper. Da ich in den letzten Jahren unter dem Pseudonym Kristine von Ehler-Siebert diverse Bücher geschrieben hatte, blieb ein dreizehntes Buch übrig: „Die Unbekannte“. Ohne diese Erzählung wären „Automatenhalle“ und die Folge-Trilogie nie entstanden. In der Geschichte gibt es ein Szenario, in dem ein noch unbekanntes Lied im Radio gespielt wird – und ich stellte mir die Frage: Wie könnte dieses Lied klingen? Und könnte es Bezug zur Geschichte selbst nehmen? So entstand alles.

Die Geschichte rund um Florian und die Spielhalle „Arcadewelt“ hat etwas sehr Atmosphärisches und Zeitloses – was fasziniert dich an dieser Welt der 80er-Jahre und wie übersetzt du das musikalisch?
Mich fasziniert die farbenfrohe, lebendige und mutige Lebensrealität jener Zeit und meine Verwurzelung mit diesem Jahrzehnt. Was mich weniger fasziniert, ist die aalglatte Retro-Aufarbeitung aus heutiger Perspektive. Diese überglorifizierenden Darstellungen nehmen der Vergangenheit ihre Ecken und Kanten. Deshalb sind „Automatenhalle“ und vor allem die Folge-Alben auch als Kritik an einer ungesunden Nostalgie zu verstehen. Es geht mir um universelle Themen des Menschseins. In der heutigen Komplexität kann die Vergangenheit helfen, Ursprünge von Fehlern zu erkennen und klarere Antworten zu finden. Wir leben nicht mehr unbedingt im Fortschritt, sondern teilweise in einer Perversion davon – und genau diese Gedanken treiben die Trilogie an.

Du beschreibst das Album als Neuinterpretation einer zeitlosen, minimalistischen Ästhetik – was bedeutet Minimalismus für dich heute, gerade im Kontext moderner elektronischer Musik?
Minimalismus ist für mich nicht nur ein Stil, sondern eine grundsätzliche Haltung. Mit klaren Ideen und begrenzten Mitteln sinkt die Gefahr, sich in unendlichen Möglichkeiten zu verlieren. Mit jedem neuen Tool entfernt man sich potenziell weiter vom eigentlichen Ausdruck. Wenn Reibung verloren geht, geht auch die Wärme verloren. Wer mit einer einfachen Sinus-Schwingung arbeitet, hat oft einen spannenderen Weg vor sich als im Überangebot digitaler Presets. Weniger ist mehr – und genau dort setzt Tetzlaff an.

Ein spannender Aspekt ist dein Fokus auf analoge Klangquellen, die du teilweise restauriert und gesammelt hast – was geben dir diese Instrumente, was digitale Tools nicht leisten können?
Es geht mir weniger um Trends oder Nostalgie, sondern um Atmosphäre und Zeitlosigkeit. Analoge Geräte geben mir Ecken, Kanten und nicht reproduzierbare Momente. Viele Stücke sind mit einfachen Geräten wie alten CASIO-Keyboards oder dem Speak & Read entstanden. Diese Maschinen haben auch nach Jahrzehnten eine unglaubliche Präsenz. Sie erzeugen Klänge, die digital oft nur imitiert werden. Meine Einflüsse reichen bis in die 1930er Jahre zurück, zu frühen Formen elektronischer Musik – da wurde bereits enorm viel geschaffen.

Mit „Die Unbekannte“ gibt es ein zentrales Stück, in dem deine Stimme besonders präsent ist – warum hast du dich entschieden, genau hier diesen persönlichen Zugang zu öffnen?
„Die Unbekannte“ ist der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte. Das Buch steht für den menschlichen Puls innerhalb der Erzählung und des Albums. An dieser Stelle brauchte es etwas eindeutig Menschliches – und das ist die Stimme. Nach vielen englischsprachigen Songs war es zudem mein erstes Stück auf Deutsch, was sich sehr unmittelbar und verletzlich anfühlte. Alles kam genau im richtigen Moment zusammen.

„Automatenhalle“ ist als erster Teil einer Trilogie angelegt – wie sehr denkst du die kommenden Kapitel „Interkontinental“ und „Konsumwelt“ schon jetzt mit, und wie unterscheiden sich diese inhaltlich und musikalisch?
Die kommenden Teile werden die Spannung zwischen Minimalismus und Maximalismus weiter ausbauen. Die Klangquellen bleiben ähnlich reduziert, aber die erzählten Welten werden größer. „Interkontinental“ erweitert das Thema Reisen bis ins Kosmische, während „Konsumwelt“ sich mit Konsum, Umwelt und Abhängigkeiten beschäftigt. Alle Teile sind miteinander verbunden – musikalisch, thematisch und visuell. Es gibt viele Verweise und Ankerpunkte zwischen den Alben.

Du bist vielen noch durch deine Releases auf Cocoon bekannt – inwiefern ist Tetzlaff für dich ein bewusster Bruch mit deiner bisherigen Karriere oder eher eine konsequente Weiterentwicklung?
Es ist kein Bruch, sondern eher ein alternativer Zeitstrahl. Tetzlaff gibt mir künstlerische Freiheit ohne äußere Rahmenbedingungen. Die Arbeit mit analogen Maschinen fühlt sich unmittelbar und ursprünglich an. Auch nach der Trilogie wird es weitergehen – sowohl mit Tetzlaff als auch mit anderen Projekten. Manche davon werden vielleicht bewusst im Verborgenen stattfinden.

Tetzlaff – Automatenhalle ist am 3. April auf dem Label Melodien der Ewigkeit erschienen.