
Fast drei Jahre ist es nun schon her, dass ich mit Maik Tiedtke aka Myk Derill über sein damaliges Album „Touching Lie“ und wie es zu der Zusammenarbeit mit Alex Bau kam, sprechen durfte. Seit 2022 hat sich auf dem Planeten so einiges getan. Schaltet man die Nachrichten ein, bekommt man das Grauen. Also doch lieber Kopfhörer auf und frische Musik an. Auf persönlicher Sicht konnte Maik in dieser Zeit ein paar nette Releases auf Flash, Credo oder auch Complexed Records raushauen und seine Diskografie glanzvoll erweitern.
Mir hängt vor allem noch „Hard Smoke“ derbe in den Ohren, das vor fast genau einem Jahr auf Knotweed Records veröffentlicht wurde. Nun kehrt Myk Derill auf Philippe Petits Label zurück und kredenzt „Automatic Theory“, womit Knotweed Records noch dazu seine Katalognummer 060 feiert. Vier gnadenlose Bretter, die nur darauf warten, die Meute in Wallung zu bringen. Ich durfte schon einmal reinhören und mich überzeugen – Grund genug, um Maik erneut zum Gespräch zu bitten.
Servus, Maik! Schön, dass du dir wieder die Zeit nimmst. Wie geht es dir und was hat sich in der vergangenen Zeit bei dir getan?
Servus! Vielen Dank, dass ich wieder hier sein darf. Mir geht es super, danke der Nachfrage. Es hat sich in der letzten Zeit einiges getan, sowohl privat als auch beruflich. Ich habe mir einen Hund zugelegt, was mein Leben total bereichert hat – es ist echt spannend, wie viel Freude so ein Vierbeiner mit sich bringt. Musikalisch war ich ebenfalls ziemlich aktiv. Ich habe für Knotweed Records, Flash Recordings und Drumcomplex produziert, was eine tolle und kreative Zeit war. Es macht mich echt glücklich, dass ich meine Musik weiterhin über so großartige Labels veröffentlichen kann. Alles in allem läuft es echt gut und ich freue mich auf alles, was noch kommt.
Eines der Releases von Myk Derill auf Knotweed Records aus dem letzten Jahr, die EP „Hard Smoke“:
Laut Beatport feierst du nächstes Jahr deine musikalische Volljährigkeit. Wie fing das damals bei dir an? Wieso hat ausgerechnet die Musik dich von anderen teuren Hobbys ferngehalten?
Das stimmt, nächstes Jahr wird meine musikalische Reise tatsächlich volljährig – ein verrücktes Gefühl, wenn ich darüber nachdenke. Meine Leidenschaft für elektronische Musik hat angefangen, als ich zwölf Jahre alt war. Damals hat mich diese Welt sofort in ihren Bann gezogen und ich konnte einfach nicht mehr loslassen. Mit 15 Jahren habe ich mir dann nach harter Arbeit in den Ferien endlich meine ersten Plattenspieler leisten können. Das war ein absoluter Meilenstein, weil ich dadurch endlich aktiv in die Musik eintauchen konnte. 2005 habe ich dann den nächsten Schritt gemacht und angefangen, selbst Musik zu produzieren. Das hat meine Verbindung zur Musik noch einmal auf ein ganz neues Level gehoben, weil ich von da an nicht mehr nur Musik gespielt habe, sondern auch meine eigenen Ideen und Emotionen in Tracks umsetzen konnte.
Andere Hobbys standen für mich ehrlich gesagt nie wirklich zur Debatte. Zum einen, weil ich in eher bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen bin und mir teure Alternativen gar nicht leisten konnte. Zum anderen hat mich Musik einfach so sehr erfüllt, dass ich nichts anderes gebraucht habe. Sie war immer meine Leidenschaft, mein Antrieb – und das hat sich bis heute nicht geändert.
Würdest du behaupten, dass sich dein Sound über die Jahre extrem verändert hat? Ist deine Musik quasi mit dir gealtert?
Auf jeden Fall hat sich mein Sound über die Jahre verändert – das ist wohl ganz normal, wenn man über so eine lange Zeit Musik macht. Meine Musik ist tatsächlich, wenn man so will, ein Stückweit mit mir gealtert. Was sich aber vor allem verändert hat, ist die Qualität meiner Produktionen. Als ich anfing, hatte ich nur sehr begrenztes Equipment: ein Korg-Synthesizer, ein Laptop, ein bisschen Software und recht günstige Studio-Monitore. Das war natürlich nicht mit dem zu vergleichen, was ich heute zur Verfügung habe. Im Laufe der Jahre habe ich meine Technik und mein Studio kontinuierlich verbessert, was meinem Sound definitiv zugutekommt. Die Entwicklung meines Sounds liegt also nicht nur an meiner persönlichen Reife, sondern auch an der besseren Technik und dem Wissen, das ich mir über die Jahre angeeignet habe. Trotzdem versuche ich immer, eine gewisse Handschrift in meiner Musik zu behalten – die Leidenschaft und der Drive von damals sind immer noch da.
Auf globaler Sicht passiert momentan ja so einiges, was man am liebsten einfach ausblenden möchte. Bist du der Typ, der Nachrichten förmlich aufsaugt und Dinge nah an sich heranlässt oder lässt dich der ganze negative Bullshit schlichtweg kalt?
Ich glaube, es wäre nicht menschlich, wenn das alles einen komplett kalt lassen würde. Gerade bei den vielen negativen Nachrichten, die uns täglich erreichen, ist es schwierig, komplett abzuschalten. Natürlich nehme ich das wahr und denke oft darüber nach, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Für mich ist es wichtig, eine Balance zu finden: Ich informiere mich, aber ich versuche gleichzeitig, mich nicht von der Negativität überwältigen zu lassen.
Die Nachrichten aus aller Welt können durchaus demotivierend wirken. Clubs schließen, Kriege und Konflikte, wo immer man auch hinschaut, und über Trump braucht man kaum sprechen, weil im eigenen Land der Nationalsozialismus seine Reinkarnation feiert. Woher nimmst du die Motivation und die Geduld, der Musik treu zu bleiben und einfach weiterzumachen?
Ich kann nachvollziehen, dass die aktuellen Nachrichten und die globale Situation demotivierend wirken können. Es gibt so viel Negatives und es ist schwer, dem zu entkommen. Aber genau in diesen Zeiten ist es, meiner Meinung nach, umso wichtiger, etwas Positives zu schaffen – und das tue ich durch Musik. Für mich sollte Musik nichts Politisches werden. Musik ist ein universelles Mittel, das helfen und heilen kann. Sie bringt Menschen zusammen, unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Einstellung. Musik hat die Fähigkeit, Emotionen zu transportieren und Trost zu spenden – gerade in schwierigen Zeiten. Das ist für mich die wahre Motivation weiterzumachen. Ich lasse mich nicht von der Weltlage entmutigen, sondern versuche, durch meine Musik ein kleines Stück Positives zu schaffen. Sie ist meine Art, mit all dem Negativen umzugehen – sie gibt mir Kraft und hilft mir, meine Gedanken und Gefühle auszudrücken.

Warst du jemals an dem Punkt, die Musik an den Nagel hängen zu wollen, und wenn ja, was war der Grund und was hat dir den Anstoß gegeben weiterzumachen?
Ja, natürlich war ich auch schon an dem Punkt, darüber nachzudenken, der Musik den Rücken zu kehren. Gerade in Phasen, in denen Bookings ausbleiben, ist es wirklich schwierig – vor allem, weil man natürlich hofft, durch die Einnahmen über Bookings die Ausgaben, die man für Equipment, Software und das ganze Drumherum tätigt, wieder reinzuholen. Wenn das nicht so läuft, wie man es sich wünscht, ist das suboptimal und kann einen schon mal zweifeln lassen. Was mich aber immer wieder antreibt weiterzumachen, ist das Feedback von anderen – sei es von Hörern, anderen Künstlern oder Veranstaltern. Zu hören, dass meine Musik jemandem etwas bedeutet, motiviert mich ungemein. Solche Momente erinnern mich daran, warum ich überhaupt angefangen habe: weil Musik für mich eine Leidenschaft ist, die ich nicht einfach aufgeben möchte.
Die Szene hat sich, vor allem nach der Corona-Pandemie, doch ein wenig gewandelt. Große Events werden fast ausschließlich von immer den gleichen Namen bespielt und kleine Clubs können die übertriebenen Gagen kaum noch zahlen und schließen vermehrt ihre Türen. Nimmst du diese Veränderung in deinem persönlichen Umfeld wahr, und wenn ja, wie verändert das deine Sicht auf die Szene?
Ja, ich nehme diese Veränderung definitiv wahr. Damals war es oft ganz simpel: Ein Keller, ein Stroboskop und massive Lautsprecher – und schon war die Party perfekt. All das ging mit einem kleinen Budget, und es waren vor allem die Energie und Leidenschaft, die zählten. Heute sehe ich, wie viele kleine Clubs, die eine Stadt und ihre Szene ausmachen, nach und nach ihre Türen schließen, weil sie mit den finanziellen Anforderungen nicht mehr mithalten können. Das finde ich extrem schade, denn diese Clubs sind nicht nur Orte für Musik, sondern auch für Kultur, Begegnungen und kreative Freiheit. Sie sind das Herzstück der Szene und prägen das, was elektronische Musik ausmacht. Ich hoffe wirklich, dass wir diese Entwicklung nicht weiter in Richtung einer reinen Kommerzialisierung treiben. Wir sollten alles dafür tun, dass kleine Locations und unabhängige Veranstalter weiterhin bestehen können – denn ohne sie verliert die Szene einen großen Teil ihrer Seele.
Du bleibst deinem Sound ja schon recht treu. Treibt dich der Beat auch gelegentlich in andere Genres, und was hörst du privat für Musik, wenn du mal nicht selbst den Takt vorgibst?
Ich bleibe meinem Sound grundsätzlich treu, aber ich lasse mich auch gerne in andere Richtungen treiben. Das merkt man zum Beispiel auf einigen meiner Alben und EPs, wo ich auch ruhigere, „atmosphärischere“ Stücke eingebaut habe. Es macht mir Spaß, diese andere Seite zu zeigen und zu experimentieren – Musik hat schließlich so viele Facetten. Privat höre ich tatsächlich oft etwas ganz anderes. Ich liebe Filmmusik, weil sie eine unglaubliche emotionale Tiefe hat und Bilder im Kopf entstehen lässt. Auch Klänge von Künstlern wie Sigur Rós begleiten mich oft – diese Mischung aus Melancholie und Euphorie fasziniert mich total. Das ist eine schöne Abwechslung und gibt mir immer wieder neue Inspiration für meine eigene Musik.
Du bist Wiederholungstäter auf Knotweed Records. Erzähl mal, wie es zu der ersten Zusammenarbeit mit Philippe Petit kam und was Knotweed Records für dich so speziell macht.
Die Zusammenarbeit mit Philippe und sein Label Knotweed Records waren von Anfang an etwas Besonderes für mich. Über soziale Netzwerke kamen wir ins Gespräch und wir haben uns sofort super verstanden. Kurz darauf haben wir gemeinsam die KW002 in Angriff genommen. Das war ein richtiger Meilenstein für mich und der Beginn einer langen, vertrauensvollen Zusammenarbeit. Über die Jahre ist Philippe nicht nur ein wichtiger Partner, sondern auch ein echter Freund geworden. Was Knotweed Records für mich so einzigartig macht, sind zum einen Philippes klare Vision und die künstlerische Freiheit, die das Label bietet. Es geht nicht um Hypes oder Trends, sondern um zeitlose und authentische Musik – und das ist genau das, was ich schätze.
Was hat dich bei deinem aktuellen Release inspiriert?
Bei meinem aktuellen Release waren vor allem die Zeit und die Erlebnisse, die ich während des Entstehungsprozesses durchgemacht habe, sehr prägend. Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mich von persönlichen Erfahrungen, Emotionen oder sogar von Dingen, die sich um mich herum bewegen, inspirieren lasse. Oft lasse ich mich auch von den Sounds und Klängen, die ich in meinem Studio entdecke, leiten – wenn ich an neuen Geräten oder Software arbeite, entstehen oft völlig unerwartete Ideen, die dann ihren Weg in die Tracks finden. Für dieses Release habe ich aber auch viel mit experimentellen und atmosphärischen Elementen gearbeitet, um eine besondere Stimmung zu kreieren.
Wie lange hast du an dem Release gesessen? Oder produzierst du im Voraus und bedienst dich nach Bedarf quasi aus deinem „Lager“?
Ich würde sagen, es ist eine Mischung aus beidem. Einerseits arbeite ich intensiv an einem Release und setze mich oft für längere Zeiträume mit den einzelnen Tracks auseinander. Andererseits produziere ich auch regelmäßig und habe sozusagen ein „Lager“ an Ideen und unvollständigen Tracks, aus dem ich bei Bedarf schöpfen kann. Es kommt immer darauf an, wie die Inspiration fließt. Manchmal entsteht ein Track in wenigen Tagen, manchmal arbeite ich über Wochen an einem Stück, bis es genauso klingt, wie ich es mir vorstelle. In jedem Fall versuche ich immer, weiter zu produzieren, damit ich eine stetige Quelle an Ideen habe, aus der ich mich bei Bedarf bedienen kann.
Das aktuelle Release von Myk Derill, „Automatic Theory“, erscheint am 21. Februar 2025 via Knotweed Records:
Vor allem „Back To Memory“ hat es mir schwer angetan. Der Einfluss von Alex Bau lässt sich nicht leugnen. Welche Künstler*innen inspirieren dich aktuell?
Es freut mich, dass dir „Back To Memory“ so gut gefällt. Der Einfluss von Alex Bau ist tatsächlich spürbar, aber auch viele andere Produzenten inspirieren mich. Es gibt keinen bestimmten, der mich momentan direkt prägt, aber ich lasse mich von der Arbeit anderer Produzenten und von deren Sounds immer wieder motivieren. Die Vielfalt an Ideen, die man von verschiedenen Produzenten aufnimmt, spornt mich an, mit meinem eigenen Sound weiter zu experimentieren und neue Wege zu gehen. Es ist faszinierend zu sehen, wie jeder Produzent bzw. jede Produzentin einen eigenen kreativen Prozess hat, und das inspiriert mich, immer weiter zu wachsen und Neues auszuprobieren.
Hat der Track-Titel eine nähere Bedeutung?
Der Titel „Back To Memory“ hat definitiv eine persönliche Bedeutung für mich. Ich habe dabei an meine Jugend und die ersten Techno-Erlebnisse gedacht. Es ist diese nostalgische Erinnerung an die Zeit, als alles neu und aufregend war – die ersten Partys, das Entdecken elektronischer Musik. Du kennst das sicher: Wenn man älter wird, neigt man dazu zu sagen: „Damals war alles besser.“ Der Titel spiegelt dieses Gefühl wider, diese Rückkehr zu den Erinnerungen, die einen geprägt haben. Es geht um das Gefühl, das Techno damals in mir ausgelöst hat und wie sich diese Erinnerungen auch heute noch in meiner Musik widerspiegeln.
Arbeitest du mit Hardware oder nutzt du vorwiegend Software für deine Produktionen? Wie schaut es in deinem Studio aus?
Ich arbeite sowohl mit Hardware als auch mit Software, die meistens die Oberhand in meinen Produktionen übernimmt. Ich habe zwar einige Hardware-Geräte, die mir bei bestimmten Soundkreationen oder zum Experimentieren helfen, aber die Flexibilität und Vielseitigkeit, die Software bietet, sind einfach unschlagbar. In meinem Studio findet man eine Mischung aus beidem – ein paar analoge Synthesizer, Drummachines und natürlich meine DAW, in der ich die meiste Arbeit erledige. Aber letztlich kommt es für mich nicht so sehr auf das Equipment an, sondern auf den kreativen Prozess und darauf, welche Werkzeuge am besten zum gewünschten Ergebnis führen.

Was können wir von dir in naher Zukunft erwarten?
In naher Zukunft gibt es tatsächlich einiges, auf das man sich freuen kann. Neben der KW060 sind noch zwei weitere EPs in der Pipeline, die auf Labels erscheinen werden, bei denen ich schon zuvor veröffentlicht habe. Es fühlt sich großartig an, weiterhin Teil dieser Labels zu sein und die Zusammenarbeit fortzusetzen. Ich habe vor Kurzem eine Anfrage von einem weiteren Label erhalten, mit dem ich in Zukunft zusammenarbeiten werde. Ich bin schon sehr gespannt auf diese neue Partnerschaft und darauf, was sich daraus entwickeln wird. Es stehen also einige spannende Dinge bevor, die ich schon bald mit euch teilen kann.
Gibt es noch etwas, das du unseren Leser*innen mit auf den Weg geben möchtest?
Bleibt gesund, respektvoll miteinander und immer authentisch. Die Musik ist ein Spiegel unserer Zeit, also lasst uns weiterhin positiv und voller Energie vorwärtsgehen.
Sehr weise Worte! Besten Dank für deine Zeit. Wir wünschen dir alles Gute – bleib gesund und dir selbst weiterhin treu.
Vielen Dank! Euch auch alles Gute. Man hört sich bestimmt bald wieder – bis dann!
Aus dem FAZEmag 156/02.2025
Text: Michael Schwarz
Credit: Leonie Wessel
Web: www.instagram.com/myk_derill/