Drum’n’Bass und Dubstep sind in Belgien seit einigen Jahren auf dem Vormarsch und können sich hier in Sachen Popularität durchaus mit Großbritanniens Szene messen. Was einst in kleinen Undergroundclubs begann, kann heute Festivals – wie das Blackout in Brüssel Ende Juni – mit vielen Tausend Besuchern vorweisen. Ein Mann, der diese Entwicklung mit seinem Sound forciert hat, ist Boris Daenen – innerhalb und längst auch außerhalb Belgiens als Netsky bekannt. 2010 veröffentlichte er auf dem renommierten D’n’B-Imprint Hospital sein selbstbetiteltes Debütalbum und konnte damit in den einschlägigen Blogs und Magazinen wahre Liebesbekundungen der sich vor Freude überschlagenden Rezensenten einfahren. Zu diesem Zeitpunkt war Boris gerade einmal 21 Jahre alt. Jetzt, zwei Jahre und ein bewegtes Tourleben später, ist sein neues Album unter dem schlichten Titel „2“ – ebenfalls auf Hospital/Universal – erschienen, und mit seinen 23 Jahren gehört Netsky heute zur Speerspitze des Drum’n’Bass. Seit dem Release seines Erstlings wird der Belgier weltweit gebucht. Mit druckvollem Sound, großartigen Melodien und abwechslungsreichen Vocals schafft Netsky ein musikalisches Gesamtbild, das auch Menschen zu begeistern weiß, die bisher für gebrochene Beats nur bedingt ein offenes Ohr hatten. Netsky macht Drum’n’Bass salonfähig und mitunter sogar radiotauglich.


Boris’ Liebe zum Drum’n’Bass entstand bereits im Teenageralter auf den ersten undergroundigen Kellerpartys in seinem Heimatland … „So richtig infiziert wurde ich aber, als ich in einem Club stand und der DJ zunächst das Original von ‘Gold Digger’ (Kanye West feat. Jamie Foxx) spielte, ehe das Ganze dann in eine D’n’B-Version überging. Der Soul und die Musikalität des Originals blieben erhalten und wurden angereichert mit wahnsinnig energetischen Bassdrums … Das war die Art von Musik, die ich machen wollte. Das war so etwas wie die Initialzündung für mich.“ Dass Netsky gleich mit seinen ersten Produktionen die Macher von Hospital Records von sich überzeugen konnte, war ein weiterer Meilenstein auf seinem Karriereweg. „Da mir besagte Musikalität im Drum’n’Bass wichtig ist, kam für mich als Label von Beginn an nur Hospital in Frage. Seinerzeit war MySpace noch groß, und ich stand in Kontakt mit einigen D’n’B-Artists aus UK, die mir den Tipp gaben, mit meinem Stuff an gewisse Leute heranzutreten. Hospital bot jedem die Möglichkeit, sein Zeug einzusenden, und das habe ich dann auch getan. Sie checken tatsächlich alles, was sie bekommen, und so hörten sie meinen ersten Demos und traten mit mir in Kontakt. Das lief also alles so ganz ohne Vitamin B.“

In den vergangenen Jahren hat sich mit der Popularität des Styles auch die Vorgehensweise der Labels geändert. Musik ist mehr und mehr zu einem Politikum geworden. „Heute wird mehr geredet, es geht meist nur darum, groß zu werden, deinen Namen bekannt zu machen, einen Deal mit einem Majorlabel einzusacken, in Amerika zu spielen … Das macht es alles nicht einfacher für jeden einzelnen. Aber nach wie vor ist das Internet eine gute Möglichkeit, seine Musik nach außen zu tragen.“ Dieser Tage tragen Drum’n’Bass und Dubstep beinahe mainstreamige Züge, nachdem sie viele Jahr ein Dasein im Untergrund fristeten. Etwas, das Boris nur bedingt interessiert: „Beide Genres sind populärer geworden und haben dann auch Verwendung in der kommerziellen Werbung gefunden. Für mich ist all das aber nicht wichtig. Das ist nicht das, wo ich hin will. Ich freue mich, dass Drum’n’Bass und Dubstep größer werden und danke ihren Vertretern dafür, wie ich auch David Guetta dafür danke, elektronische Musik in Amerika groß gemacht zu haben. Am Ende ist es immer wichtig, das zu tun, womit man selbst glücklich ist, anstatt einer bestimmten Gruppe, einem Trend hinterher zu laufen oder zu versuchen, fürs Radio zu produzieren.“ Und doch hat „2“ durchaus Tracks vorzuweisen, die einer gewissen Radiotauglichkeit nicht entbehren. Der größte Unterschied zwischen diesem und seinem ersten Album liegt für ihn selbst in der Entstehungsweise. Bestand Album #1 noch aus einer Reihe einzelner Singles, ist Album #2 ganz bewusst als solches entstanden. „Ich bin viel getourt in den letzten zwei Jahren, und vieles von ‘2’ ist auf Reisen u.a. in den USA entstanden. Ich hasse das Wort ‘Inspiration’, aber ich muss dennoch sagen, dass mich das ganz sicherlich bei der Produktion beeinflusst hat. Und ich konnte tolle Vokalisten wie Selah Sue, Dynamite MC, Jimmy Jams und Bridgett Amofah gewinnen, worüber ich sehr froh bin.“

Für Boris ist ein echtes Album eben ein durchdachtes Werk und nicht die schlichte Aneinanderreihung von Tracks. „Ich betrachte meine Musik nicht als reine Musik für den Club. Und bei einem Album kannst du wesentlich mehr mit verschiedenen Sounds herumexperimentieren. So sind am Ende sechs der Stücke gar nicht zwingend clubkompatibel. Und ich denke, es ist die Idee eines Albums, eine kleine Geschichte zu erzählen. Das gibt einem so viel mehr Freiheit, als nur eine Tanzplatte zu produzieren.“ Neben Eigenproduktionen waren es insbesondere seine Remixe für Acts wie Pendulum, Leftfield oder die Audio Bullys, die Boris dorthin gebracht haben, wo er heute ist. Etwas, das er für die Zukunft zwar nicht gänzlich ausschließt, aber doch massiv einschränkt. „Ich konzentriere mich derzeit lieber auf die Arbeit mit meiner Live-Band, anstatt Zeit für Remixe aufzuwenden. Klar, wenn ich mal wieder etwas mehr Zeit habe, mache ich sicherlich mal wieder etwas in die Richtung, aber nur, wenn ich von dem Track zu 100 Prozent überzeugt bin und mich damit wohl fühle.“ Die nächste Gelegenheit, Netsky samt Band live zu erleben, gibt es am 16. August beim Pukkelpop Festival im belgischen Hasselt, bei dem er neben Künstlern wie Björk, Bloc Party, The Stone Roses, Foo Fighters, The Black Keys und Feist auf der Bühne steht. Im Herbst geht es dann auf große Live-Tour, für etwaige Termine in eurer Nähe solltet ihr regelmäßig seine Homepage checken.

 www.netskymusic.com