
Wenn am 23. Januar mit „Kneecap“ von Regisseur Rich Peppiatt die Geschichte des gleichnamigen irischen Hip-Hop-Trios in den deutschen Kinos anläuft, dann verschwimmen Realität und Fiktion zu einem wahnwitzigen, energiegeladenen Abenteuer voller Sex, Drugs, Klamauk, Rap – und: Kritik am britischen Establishment. Sowohl Kneecaps Musik als auch ihr Film, in dem die Bandmitglieder an der Seite von Hollywoodstar Michael Fassbender spielen, sind von einer universellen politischen Motivation getrieben, die sich gegen den Status quo auflehnt, mit konservativen Strukturen brechen will und ein wiedervereinigtes Irland herbeisehnt. Wir haben mit der Band über ihren Film, der beim Sundance Film Festival 2024 den Publikumspreis gewonnen hat und von Irland als Beitrag für die Oscarverleihung 2025 als „Bester Internationaler Film“ eingereicht wurde, gesprochen, um Antworten auf die wichtigsten Fragen zu erhalten.
Auf der Bühne standen Móglaí Bap, Mo Chara und DJ Próvaí, so die Künstlernamen des nordirischen Trios, mit ihren provokanten Texten und pulsierenden Hip-Hop-Beats schon zuhauf. Oder aber sie flogen von ihr herunter, wie einmal bei ihrer eigenen Headliner-Show in Dublin. Die Verbannung aus der irischen Rundfunkanstalt ATE, die öffentliche Verurteilung durch die politische Partei DUP oder eben jener Bühnenrauswurf geben einen guten Überblick darüber, mit wem wir es hier zu tun haben: einer Gruppe von Freunden, die kein Blatt vor den Mund nimmt und eine ganze Generation junger Menschen in Irland und darüber hinaus inspiriert.
Vor der Kamera stand das Dreiergespann hingegen noch nie, und tut so, als sei es das Normalste auf der Welt: „Wir wissen wirklich nicht, was der ganze Wirbel um die Schauspielerei soll, es ist easy. Wir haben es geliebt, abgesehen von all dem Herumlungern und den frühen Morgenstunden, aber wir hatten unsere eigene kleine Kneipe in einem Wohnwagen, das hat geholfen“, so die Band, die als wichtige Einflüsse für ihr Kino-Debüt unter anderem „Hunger“, „Intermission“ und „The Wind That Shakes the Barley“ angibt – irisch-britische Filme mit einer starken (politischen) Message, die auch „Kneecap“ zu entnehmen ist: „Wir glauben nicht, dass die Anwesenheit Großbritanniens in Irland den Menschen in Irland (Nord oder Süd) dient. Wir wollen eine Vereinigung der Arbeiterklassen und ein vereinigtes Irland, aber wir unterstützen keine Gewalt, um dies heute zu erreichen“, erklären sie.
Wer sich in den Kinosessel begibt, den erwartet aber nicht nur Kritik am britischen Establishment. „Kneecap“ entführt die Zuschauer*innen auf einen durchgeknallten, high-energy Sex-, Drugs- & Hip-Hop-Trip durch die nordirische Hauptstadt Belfast, dessen viele Szenen beinahe zu skurril, um wahr zu sein, erscheinen. Über die Balance zwischen Realität und Fiktion sagen die Bandmitglieder: „Wir wollen die Magie des Films nicht zerstören, indem wir jede Szene durchgehen und sagen, dass sie echt war oder nicht. Wahr ist, dass die verrücktesten Elemente des Films alle tatsächlich passiert sind. Die Eröffnungsszene, in der Naoise auf einem Felsen in einem Wald außerhalb von Belfast getauft wird und die britische Armee mit einem Hubschrauber auftaucht, ist zum Beispiel wirklich passiert. Sie dachten, sie hätten ein IRA-Ausbildungslager gefunden.“
Ob nun wahr oder nicht, „Kneecap“ ist ein höchst authentischer und unterhaltsamer Film, der alle Kriterien eines gelungenen Kino-Abenteuers erfüllt und mit Michael Fassbender als Nebendarsteller eine echte Schauspiel-Ikone in den Reihen hat, die laut der Band um ihre Rolle nahezu betteln musste: „Michael hat uns angefleht, die Rolle zu spielen und wir konnten ihn nicht hängen lassen. Er ist ein stolzer Ire und hatte zuvor Bobby Sands (einen unserer Helden) in ,Hunger‘ gespielt. Es gibt gewisse Ähnlichkeiten in den Rollen, also ist er die perfekte Besetzung für die Rolle.“
Der deutsche Trailer zu Kneecap:
„Kneecap“ ist ab dem 23. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.
Aus dem FAZEmag 155/01.2025
Text: M.T.
Credit: Kneecap Films Limited
Web: www.kneecap.ie