Es soll schon früher Zeiten gegeben haben, als Musik zu Müll wurde. Motown hat Fließbandhits produziert, die so oft den Refrain wiederholten, dass man bereits in den 70ern von Klingeltonsongs sprechen konnte. Doch in jenen Zeiten wurden wenigstens Singles und LPs unterschiedlich abgemischt. Die Bässe für die Clubs, die moderate Fassung für den LP-Heimgebrauch. Heute hört man Hochtonkrüppel auf Mobiltelefonen. Und „was ist ein DJ Bobo? Ein Discjockey? Sicher nicht.“ Dieses Essay ist in altmodischer Wut verfasst. Die beiden Autoren, Musiker, DJs, Autoren in Personalunion, trauern auf verzweifelte Weise den alten Zeiten hinterher. Sie sind schockiert, dass „der deutsche Ballermann-Sound, diese Mischung aus Herrenwitz-Spießerschlager und unfunky teutschem Tekkkno nie aufzuhören scheint. Das dauert jetzt ja schon länger an, als die gesamten 80er und 90er, auf die er sich bezieht.“ Musik ist Müll, weil ein Fünf-Euro-Abo für 1 Million Songs bei Spotify bedeutet, dass kaum ein Künstler in Zukunft ausreichend Geld verdienen kann. „Um die in Österreich geltende Armutsgrenze von monatlich 773 Euro zu überschreiten, müsste ein Produzent im Monat 258 Millionen Hörer erreichen.“ Denn das Geld landet nicht komplett bei ihm. Songs werden in die Cloud geladen, um nicht einmal die WAV-Speichergröße auf der eigenen Festplatte zu belegen. Teures Geld wird höchstens für ein retrospektives Bob-Dylan-Konzert verlangt. Platzgumer und Neidhart scheinen verärgert, dass jetzt, wo sie die Popmusikgeschichte intus haben, Alben und Hits die Jugendkultur verlassen haben. Schnell gehört. Schnell vergessen. Nächster Track. „Musik=Müll“ fragt leidenschaftlich, welchen Wert wir den Hits und Indies, den Produzenten, Instrumentalgenies, dem Genre Pop zusprechen wollen, und was bei der mp3-Komprimierung eines Lieds zusätzlich zum Sound verlorengeht. Grandios. / Jan Drees

Hans Platzgumer, Didi Neidhart – Musik ist Müll
Limbus, 124 Seiten, 10 EUR

www.limbusverlag.de