Es war 2012, als der Wahl-Berliner Nhan Solo die Idee für ein eigenes Label hatte, das er noch im gleichen Jahr ins Leben rief. Sieben Jahre später gehört Mother Recordings zu den angesehensten und anerkanntesten Imprints der Szene und kann zahlreiche erfolgreiche Releases und Chartplatzierungen vorweisen – darunter Superlovers „Love Machine“, Martin Waslewskis „Gerd“ oder „Swipe The Card“ von Mat.Joe. 2016 landete jedes der sechs (!) Releases von Mother in den Top 10. Dieser Tage wird mit einer Remix-EP Katalognummer 100 zelebriert, und das gleich in mehreren Parts: Die erste Edition umfasst zwei Titel, einen Danny-Howards-Remix von „Everything“ von Nhan Solo und Robert Owens sowie eine Ghetto-Dub-Version von Phil Weeks zu Superlovers und Simions „Unky People“. Ein Interview.



Nhan, wie ist die Lage?

Großartig, ich darf auf ein paar tolle Highlights in diesem Jahr zurückblicken, so zum Beispiel meine erste „Mother Recordings Australien & Neuseeland“-Tournee, die ich mit meinem langjährigen Freund und Stammkünstler Superlover teilen durfte. In der Regel reise ich allein, aber ich habe das Positive an einer gemeinsamen Tournee kennenlernen können. Es macht Spaß, die Eindrücke und Erfahrungen zu teilen. Auch die Hangover am nächsten Tag sind nicht so schlimm, halbes Leid ist geteiltes Leid. (lacht) Zudem steht bei Mother Recordings das 100. Release an, auf das wir uns sehr freuen. Mein zweites Baby Superfett Records wird dankend und respektvoll angenommen, was mir auch unglaublich viel Freude bereitet. Musikalisch hatte ich mein Traum-Feature mit der grandiosen Jem Cooke, wir coverten offiziell einen meiner Lieblingssongs, Kosheens „Hide U“. Ich durfte auch David Penn remixen, von dem ich ein Riesenfan bin. Und hey, das Jahr hat ja noch paar Monate!

Dein Label Mother feiert aktuell, wie du schon sagst, die 100. Katalognummer. Gratulation zu diesem tollen Jubiläum!

Danke! Dieses Jubiläum bedeutet mir sehr viel, weil es mir rückblickend wie gestern vorkommt, dass ich das Label gestartet habe. Wie sagt man so schön: Wenn man etwas genießt, dann vergeht die Zeit wie im Flug. Und so ist es für mich tatsächlich. Ich habe in den letzten sieben Jahren sehr viel gelernt. Ich vergleiche es gerne mit einer gesunden Ausbildung! Beim 100. Release darf man sich auf jeden Fall Geselle nennen und ich freue mich schon auf Katalognummer 200, nach der ich mich dann Lehrmeister nennen darf!

Lass uns am Anfang beginnen. Mit welcher Intention hast du 2012 das Label gegründet?

Es war zum einen mein persönliches Interesse an dem Aufgabengebiet der Labelarbeit, die Suche nach einer neuen Herausforderung – hinter die Kulissen gucken, das Gefühl haben, Spannendes, „Eigenes“ zu kreieren, und auch gleichzeitig eine Plattform schaffen für ehrliche Zusammenarbeit mit gleichgesinnten und motivierten Kollegen.

Welche Philosophie bzw. Idee hattest du damals?

Wir haben in unserem Freundes- und Künstlerkreis oft den Visionen und Gedanken freien Lauf gelassen und 2012 war der richtige Zeitpunkt, um anzufangen, einiges davon mit meinem Team umzusetzen. Für mich war es sehr wichtig, auch gegen den Strom der digitalen Welt zu schwimmen; wir setzen weiterhin auf Vinyl, auf tolles und einzigartiges Artwork, qualitativ hochwertige Produktion. Ich erfahre es über das Feedback unserer Fans und den internationalen Support, der das auch widerspiegelt und unsere Philosophie bestätigt, dass wir mit unserer Idee auf dem richtigen Weg sind.

Wie hat sich das Label in deinen Augen seit dem Start entwickelt bzw. verändert?

Es hat auf jeden Fall viel Positives bewirkt – durch die kontinuierliche und enge Labelarbeit mit demselben starken Team hat sich unser Netzwerk ausgeweitet und wir wurden zusammengeschweißt; der künstlerische Austausch und Input ist bunter, internationaler und mein Verständnis für das Musikbusiness hat sich auf mehr Blickpunkte neben dem alleinigen Standpunkt des Künstlers erweitert, was in der Kommunikation und Zusammenarbeit bei Projekten Spaß und Produktivität fördert. Am Anfang waren wir nur ein kleines Team aus Stammkünstlern, einem Labelmanager und mir als Kopf. Mittlerweile sind wir ein schönes großes Independent-Label geworden, das seinen eigenen Verlag hat, seine eigene Inhouse-Booking-Agentur Everest Artists. Dazu haben wir gute Praktikanten und Assistenten ausgebildet, eine von ihnen ist jetzt sogar in der Junior-Position bei Beatport. Ja, ich bin wirklich stolz, dass wir einiges bewegt haben in unserem Kreis.

Welche Releases stechen in deinen Augen am meisten aus dem Katalog heraus und welche würdest du heute so nicht mehr machen?

Oh nein, das ist wirklich eine „gemeine“ Frage. Ich liebe jedes Release wie mein eigenes Kind. Ich denke, Musik ist wie Essen – der eine mag Fleisch, der andere Fisch und es gibt Personen, die essen nur Gemüse, und jeder hat zu seiner Zeit sein Lieblingsgericht. So ist es auch mit Releases; jedes Release hat seinen besonderen Stellenwert und passt in seine Zeit. Zur Art und Weise, da gibt es eine Sache, die ich tatsächlich heute nicht mehr machen würde: leichtsinnig Geld verschwenden für überteuerte Videodrehs oder überflüssige Werbeaktionen.

Zur großen 100 erwartet uns ein besonderes Release. Erzähl uns mehr darüber.

Wir releasen in der Regel nur Originale, weil ich erlebe, dass im allgemeinen Remixe nur die Veröffentlichung verwässern, und dazu finde ich es persönlich etwas unfair gegenüber den Künstlern, wenn der Künstler nicht die 100-prozentige Aufmerksamkeit bekommt – wenn man was herausbringt, dann sollte auch der Artist im Mittelpunkt stehen, finde ich. In dem Fall der Nummer 100 dachten wir uns allerdings, dass wir eine Ausnahme machen und den Fokus nur auf Remixe und die Zahl 100 legen. Und es sind tolle Remixe geworden, von Künstlern, die wir sehr respektieren und die Mother seit der ersten Stunde spielen und unterstützen: Danny Howard, Phil Weeks, Roger Sanchez und Pirupa.

Die Musiklandschaft wandelt sich mehr denn je. Wie hat sich das Labelinhaber-Dasein in den letzten Jahren verändert?

Ich denke, es ist sinnvoll, mit der Zeit zu gehen. Alles ist in Bewegung, so auch die musikalische und technologische Entwicklung. In der modernen digitalen Welt wird vieles vereinfacht, nach dem Prinzip „Höher, schneller, weiter“. Ich persönlich finde es super, ich mag die Facebook-Social-Media-Generation. Natürlich hat jede Medaille zwei Seiten: Für die Musikindustrie ist es natürlich katastrophal, was die illegalen Downloads anbelangt; auch uns als Künstler trifft es knallhart – mit den regulären Musikverkäufen verdienst du leider heutzutage nicht mehr dein täglich Brot, außer du landest einen Überhit, aber auch der ist im Vergleich zu früher viel weniger wert, leider. Es tut mir sehr leid, es so beschreiben zu müssen; ich gehöre auch schon zu der Generation, die auf dem bröckelnden Fundament der alten Industriestandards ein neues aufbauen musste. Persönlich denke ich, wir können das nur meistern, indem wir uns an die neuen Aufgaben und neuen Herausforderungen anpassen. Der Download-Markt ist im Keller, der Streaming-Bereich als Beispiel hingegen öffnet ganz neue Türen und Möglichkeiten, für die ich sehr dankbar bin.

Nach welchen Kriterien suchst bzw. signst du neue Musik für deine zwei Labels?

Ich packe ungern Musik in Genres, es gibt jedoch eine klare Trennlinie zwischen Mother Recordings und Superfett Records. Mother wird immer groovy, funky und locker bleiben. Bei Superfett veröffentlichen wir funktionalere, rauere und härtere Clubmusik.

Viele Acts sind dem Label treu, du gibst aber auch neuen Künstlern eine Chance. Wie versuchst du, hier die Balance zu halten?

Ich verdanke meinen Freunden und Stammkünstlern sehr viel! An dieser Stelle ein dickes und herzliches Dankeschön an alle! Ich bin sehr froh, Künstler wie Dilby, Mat.Joe und Superlover zu haben, wir kennen uns schon seit über einem Jahrzehnt und es ist toll, zu sehen, wie wir zusammen wachsen. Klar stolpern wir auch mal zusammen oder jeder für sich, aber ein Team trägt einen auch durch diese Zeiten und so werden sie immer ein Zuhause bei Mother haben. Und klar, das ist richtig, wir öffnen auch Türen für engagierte, junge und neue Künstler, weil ich überzeugt davon bin, dass das frischen Wind reinbringt – das ist wie das Salz in der Suppe!

Den Ableger Superfett gibt es seit 2018. Welche Idee verfolgst du hier und warum die Abgrenzung?

Der Name Superfett entstand aus meiner Partyreihe in meiner Heimatstadt Landshut heraus, die ich mit und in dem wundervollen Club Flux organisiere. Persönlich hat es mir schon immer Spaß gemacht, schneller und clubbiger zu spielen. Die Idee, ein Sublabel zu gründen, kam, weil wir unendlich viele tolle Demos von Freunden und Kollegen auf dem Tisch liegen hatten und haben, die zu Mother nicht zu 100 Prozent passen, die wir der Welt aber trotzdem präsentieren möchten. Es wäre zu schade, wenn sie „im Keller verschimmeln“ und unentdeckt bleiben würden.

Welche Pläne und Ideen hast du für die Zukunft, sowohl für Mother als auch für Superfett?

Wir sind nicht die Art von Label, die von einem Hype-Zug auf den nächsten aufspringt. Wir versuchen, unserer Linie und unserem Geschmack treu zu bleiben und weiterhin tolle Housemusik für den Club zu veröffentlichen. Wir sind nun mal ein Musiklabel und es geht bei uns primär um Musik – und ja, genau, das ist der Plan und die Idee für die Zukunft: tolle Housemusik releasen!

Du bist als Künstler ebenfalls schon sehr lange aktiv. Was steht bei dir persönlich an in der Zukunft?

Danke für die Aufmerksamkeit! Ja, ich bin froh, mit meinem Hobby die Miete bezahlen zu können. Unglaublich, wenn ich daran denke, dass ich als Jugendlicher im Kinderzimmer angefangen habe und jetzt die Möglichkeit habe, mit Musik und meiner Passion die Welt zu bereisen. Ich hoffe, dass ich das noch ein paar Jahre machen darf. Was ansteht: Es kommen natürlich meine eigenen Produktionen auf Mother und Superfett raus. Ich habe ein zweites Projekt mit meinem langjährigen Freund, dem talentierten Musikerkollegen Dilby, gestartet; wir haben schon ein Album fertig produziert und Veröffentlichungen gesignt – also Augen und Ohren offen halten für 2020!

In Sachen Shows und Tourneen bist du sehr oft in Südamerika unterwegs. Wie kommt es zu dieser engen Verbindung dorthin?

Oh ja, ich liebe Südamerika und habe tatsächlich das Glück, jedes Jahr in Mexiko, Panama, Ecuador, Kolumbien, Guatemala, Peru und Brasilien zu touren. Ich denke, es liegt zum einen daran, dass ich ein paar lateinamerikanische Volkslieder gesampelt habe, die dort gut ankamen, und zum anderen bin ich für Südamerika exotisch genug, um da gut anzukommen. (lacht)

Was sind deine Pläne für die kommenden kalten Wintermonate?

Ich gehe jetzt für vier Wochen nach Mexiko, um zu touren. Ich wurde für die Formel 1 zum Auflegen gebucht. Ich war noch nie auf einem offiziellen Rennen der F1 – das wird eine tolle Erfahrung. Zudem darf ich ein Panel in Mexiko-Stadt für das 20. Jubiläum der DJ World Music Conference halten. Im Januar gehe ich zum ersten Mal nach Asien und darf auf Bali spielen. Als begeisterter Surfer geht damit für mich ein kleiner Traum in Erfüllung!

Aus dem FAZEmag 093/11.2019
Text: Triple P
Foto: David Wright