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Das Berghain – über keinen anderen Technoclub wurde in den letzten zehn Jahren international so viel geredet und geschrieben wie über das architektonische Monstrum in Berlin-Friedrichshain. Das hat der Club auch diesem Mann zu verdanken: Nick Höppner. Heute 43 war er es, der als A&R des Labels Ostgut Ton und Resident ein prägendes Element des Projekts Berghain war und ist. Vor etwas mehr als zwei Jahren dann stieg Nick Höppner aus dem Tagesgeschäft aus. Zwar blieb er dem Club als Resident erhalten, doch legte er seinen Fokus lieber auf seine DJ- und Produzentenkarriere. Ein Schritt, der mit über 40 sicher nicht alltäglich ist. Höppner, der bereits früher mit dem Projekt MyMy Erfolge feierte, hat jetzt seines ersten Soloalbum „Folk“ releast – natürlich auf Ostgut Ton. Und das ist wohl schon jetzt eins der spannendsten Technoalben des Jahres.


Es ist Mittwochnachmittag, als ich das Berghain über den Hintereingang betrete. Drinnen herrscht geschäftiges Treiben. Es wird aufgeräumt und aufgebaut, umgebaut und aufgefüllt. Eine gut geölte Maschine, die auch unter der Woche gepflegt werden will. Ganz oben im Berghain-Bau befindet sich das Office von Ostgut Ton, und hier treffe ich den Mann, der nicht wie ein rampenlichtgeiler Selbstdarsteller wirkt. Vielmehr ist Techno seine Berufung, etwas, das ihn – den zweifachen Familienvater mit dem noch immer hörbaren Hamburger Schnack – umtreibt und nicht mehr loslässt. So wie den Hörer auch seine neun Tracks auf „Folk“ nicht mehr loslassen. Hypnotisch, besonders, clubaffin aber ebenso alltagstauglich. Damit gelingt ihm ein Spagat zwischen den Welten – der realen am Tage und der oft surrealen der Nacht.

„Schön, dass du das so siehst, denn das war eins meiner großen Ziele bzw. Hoffnungen. Das ist etwas, das mich generell am Musikmachen interessiert: die richtige Balance. Als das mit MyMy vorbei war, war klar, dass ich jetzt nur noch ich bin und versuchen wollte, auf eigenen Beinen zu stehen. Ein paar Soloveröffentlichungen hatte ich ja schon. Die Idee eines Albums gab es schon früher, aber auch da fehlte wieder die Zeit. Und ich habe meinen Fähigkeiten noch nicht so ganz über den Weg getraut.“ Über die Jahre hat Nick die mal mehr mal weniger rare Zeit im Studio genutzt, um dazuzulernen und sich schlussendlich überhaupt befähigt zu fühlen, so etwas Großes wie ein Album anzugehen. Was es dafür in erster Linie brauchte, war der Faktor Zeit. „Ich habe mir Anfang letzten Jahres drei Monate dafür freigehalten. Das ging auch sechs Wochen lang gut, dann ist allerdings mein Vater krank geworden und zwei Monate später verstorben. Ich bin damals wöchentlich nach Hamburg gependelt und musste mich erst mal um seine Belange kümmern. Erst im Frühsommer war ich wieder bereit, an Studioarbeit zu denken.“ Dennoch hat er in dieser Zeit seinen Blick auf das Projekt Album nicht geändert. „Zu Anfang habe ich mir gar nicht so viele Ziele steckt. Ich wollte einfach bei meinen Leisten bleiben. Es sollte aber ein echtes Albumerlebnis werden. Ich wollte, das es einen schönen Fluss hat und unter einer Stunde bleibt.“ Das hat er geschafft, und nun geht es mit „Folk“ im Gepäck auf Tour durch Europa inklusive eines Ausflugs nach Japan. „Dieses Jahr würde ich gerne im Fahrwasser des Releases die Chance nutzen, mehr auf mich aufmerksam zu machen.“ Und auch das sollte ihm damit gelingen. / Nicole Ankelmann

www.ostgut.de

Foto: Katja Ruge