Sie ist zweifelsfrei eine der erfolgreichsten und bekanntesten Künstlerinnen im elektronischen Kosmos. Doch so positiv die Dinge heute für sie laufen, genauso schwer hatte sie es in den Anfangszeiten. Denn nur wenige Karrieren bergen einen so politischen Hintergrund, wie es bei ihrer der Fall ist. In Nigeria geboren und aufgewachsen, startete die Tochter von Libanesen ihre Karriere in Beirut. Mit immensen Folgen. Doch genau diese gaben ihr den Antrieb, es bis ganz nach oben zu schaffen. Heute ist Nicole Moudaber DJ, Produzentin, Label-Inhaberin sowie Radio-Host und veranstaltet darüber hinaus noch eigene Events auf dem gesamten Globus. Mit ihrer charismatischen, voluminösen Lockenpracht tourt Moudaber seit rund einem Jahrzehnt auf sämtlichen Kontinenten und bespielt dabei legendäre Venues und Festivals wie das DC 10 auf Ibiza, das Space in Miami sowie das Glastonburry und Coachella Festival. Dabei ist Moudaber immer auf einer Art Mission, denn gerade mit diesem Hintergrund bedeutet der Job im Musikbereich für sie weitaus mehr. Ein Interview.


 

Nicole, wie war das Jahr 2019 für dich bislang?

2019 war für mich eine tiefe Offenbarung, um ehrlich zu sein. Ich bin spiritueller und erleuchteter geworden. Ich war in diesem Jahr weniger auf Tour, habe mehr „persönliche“ Pausen eingelegt und mehr Zeit im Studio verbracht, um Musik zu machen. Diese persönliche Zeit zu haben, hat mir geholfen, mehr bei mir zu sein und zu erkennen, wer ich eigentlich bin. Daraus resultierend war es ein auf vielen Ebenen auch hartes Jahr. Ich habe viele Dinge, meine Persönlichkeit betreffend, erstmals sehr klar gesehen und damit auch die tiefer, dahinter liegenden Probleme. Ich hatte einen Prüfsteinmoment in Neuseeland und sah zum ersten Mal mit einer unglaublichen Klarheit, dass ich rückblickend viel zu stark reagiert statt agiert habe.

Lass uns über deine musikalischen Wurzeln sprechen, die einen wesentlich politischeren Hintergrund haben, als sich viele Leute überhaupt vorstellen können. Du hast elektronische Musik auf einem Dancefloor in New York kennengelernt. Danny Tenaglia hat aufgelegt. Erzähl uns mehr über diese Zeit.

Ich bin in Nigeria aufgewachsen und habe daher eine gehörige Portion Rhythmus im Blut. Musikalisch wurde ich mit Afro-Beats und Sounds von Fela Kuti bis Tony Allen sozialisiert. Als ich auf der Tanzfläche vom Tunnel Club in New York stand und Danny Tenaglia hörte, hatte ich überall Gänsehaut. So viele Dinge sind in diesem Moment zusammengeschmolzen und haben Sinn ergeben, dass ich in der gleichen Nacht den festen Entschluss gefasst habe, DJ und Produzent zu werden. In dieser Nacht wurde der Künstler in mir geweckt. Mit der Botschaft, auf mich selbst zu hören und mich zu verwirklichen.

Nach deinem Abschluss in London und deiner Rückkehr nach Beirut hast du dies getan. Du warst die erste, die dort Partys veranstaltete. Bei einem Event an Halloween hattest du Journalisten dort, die anschließend einen Artikel mit Schlagzeilen wie „Nicole Moudaber fördert Perversion und Homosexualität“ veröffentlichten. Dafür wollten sie dich verhaften. Wie hat dich dieser Umstand als Person sowie als Künstlerin beeinflusst? Du hast es in einem Interview kürzlich als den Wendepunkt in deinem Leben bezeichnet.

Zunächst war es ein großer Schock. Sie haben ein paar Monate später einen fünfseitigen Bericht veröffentlicht, der mich wirklich verärgert hat, da es letztlich genau das Gegenteil von dem bewirkt hatte, was ich erhofft hatte. Doch im Nachhinein habe ich diese Wut in positive Energie gewandelt und war noch entschlossener, für Kunst und Kultur zu kämpfen. Und dieses Thema ist derzeit allgegenwärtig. Ich habe damals gegen dieselbe Regierung gekämpft, gegen die 2,5 Millionen libanesische Bürger heute kämpfen, wie man in den Nachrichten sehen kann. Damals war ich quasi allein an der Front und ich bin mehr als begeistert, wenn ich meine Landsleute für ihre Identität kämpfen sehe! Und Frauen stehen dabei immer mehr an vorderster Front und treten in immer mehr Ärsche!

Würdest du sagen, es hat dir auf deiner Mission geholfen, die Dinge im Libanon ein Stück weit zu verbessern?

Ja, ich habe das Gefühl, dass all die Wut, die auf mich gerichtet war, sowie all die Scheiße, die meine Familie ertragen musste, sich zu einem stolzen Moment für mich und mein Land gewandelt haben. Ich wünschte nur, mein Vater wäre am Leben, um das alles selbst zu sehen. Er war eine solche Inspiration für mich, auch wenn wir sehr oft aneinander geraten sind wegen mir.

Wie ist generell das politische Klima im Libanon im Moment und was waren die größten Veränderungen in den letzten Jahren?

Das Land ist aktuell voll von Protesten und Aktivismus nach einer Menge Gleichgültigkeit in den letzten 25 Jahren. Die Social Media haben Libanesen aus allen Lebensbereichen und Religionen zusammengeführt. Ähnlich wie meine Party vor über zwei Jahrzehnten, die 1000 Gleichgesinnte zusammengeführt hat, sind heute 2,5 Millionen Menschen über soziale Kanäle verbunden und im Austausch. Dass die Regierung versucht hat, Steuern für die Nutzung von WhatsApp zu erheben, hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Regierungen wie diese können nur mit dem alten „Divide & Conquer“-Modell überleben. Aber das funktioniert nicht mehr. Schau dir nur mal den Iran an, wo einfach über Nacht das komplette Internet abgeschaltet und behauptet wird, die Demonstrationen seien vorbei. Was für ein Wahnsinn. Die junge Generation durchschaut das allerdings.

Was hat sich in deinen Augen dadurch am dramatischsten verändert und was ist aus deiner Sicht unverändert geblieben?

Die größte und positivste Veränderung war der Austausch von Ideen über Social Media, diese Vernetzung hat dieses Land gebraucht, um voranzukommen. Was wirklich schlimm geblieben ist, ist die Regierung mit ihren patriarchalischen Ansichten und die Konzentration des gesamten Reichtums auf nur äußerst wenige Glückliche. Ähnlich wie in der Musikindustrie mit ihren alten Managern in den letzten zwei Jahrzehnten werden diese Jungs bzw. Regierungen mit heruntergelassenen Hosen erwischt und haben keine Ahnung, wie der Rest der Welt vorangekommen ist.

Vor drei oder vier Jahren, nach 20 Jahren Abstinenz, bist du in den Libanon zurückgekehrt – heute genießt du dort einen legendären Status als Superstar und Kämpferin. Wie fühlt sich das an?

Ich nehme den Kämpferstatus gerne an, aber nicht den des Superstars. Das Leben hat mich vor langer Zeit zu diesem Moment geführt und manchmal ist es eben so: Wenn du der Erste bist, der über Ungerechtigkeit laut spricht, wirst du von der herrschenden Macht einfach ignoriert und gar unterdrückt. Als sich jedoch die Mehrheit der Bevölkerung darüber im Klaren war, dass nicht genügend Ausrüstung zur Bekämpfung von Bränden, nicht genug sauberes Wasser oder sogar Strom vorhanden war, wurden diese Schreie unvermeidlich und um ein Vielfaches lauter.

Was hat sich besonders in Bezug auf Kultur und Kunst im Libanon verändert?

Die libanesische Kultur war schon immer reich und voller Talente. Aber wir hatten keine Möglichkeit, sie dem Rest der Welt zu vermitteln. Der Welt wurden leider nur Themen zum Elend in unserem Land zum Diskutieren gegeben – die lebendige Kultur, die wir haben, wurde gar nicht gesehen. Aber das ändert sich aktuell. Es gibt großartige libanesische Designer, an denen ich mich ergötze, wie Elie Saab, Reem Acra und Zuhair Murad, die mit ihren Kreationen die roten Teppiche in Hollywood dominieren. Ich empfinde pure Zufriedenheit und Stolz.

Wie stark können Musik und Kultur im Allgemeinen deiner Meinung und Erfahrung nach komplizierte politische Situationen beeinflussen?

Musik hatte bei Revolutionen schon immer einen großen Einfluss. Vor Jahrhunderten waren es Trommeln und Gesänge, die dem Kampf um die Freiheit den Rhythmus gaben, gefolgt von Blechbläsern und anderen Instrumenten. Künstler wie Queen haben Sport-Teams und dergleichen ihre Kampflieder gegeben. Musik war der Kern meiner Party vor 20 Jahren und ich hoffe, dass die Musik, die ich heute produziere, Teil des Soundtracks für die Revolutionen der Menschen wird, an denen sie heute teilnehmen, sowohl beruflich als auch privat.

In einem Interview hast du kürzlich gesagt, dass Musik das einzige Mittel ist, das dich im Leben heilt. Würdest du sagen, dass es durch deinen Erfolg eine deiner Aufgaben ist, deinen Landsleuten und allen anderen, die dir zuhören, ebenfalls zu dieser Heilung zu verhelfen?

Zu 110 Prozent. Das Auflegen und Produzieren von Musik hat mich in eine Position gebracht, die ich als heilig erachte. Wenn alles im Einklang ist, fühle ich mich wie ein spiritueller Heiler und bekomme von meinen Landsleuten auf der ganzen Welt bekräftigende Botschaften, die mir das bestätigen. Musik hat die Kraft, uns auf so viele Arten zu berühren. Wir alle erleben Einsamkeit, Krankheit, Liebe, Selbstzweifel sowie große Fragen zum Leben und zur persönlichen Freiheit. Musik ist für alle Bereiche da und deshalb nehme ich meinen Job sehr ernst.

Was sind deine größten Träume in Bezug auf politische Erfolge?

Es würde mir nichts ausmachen, in naher Zukunft eine Party an der libanesisch-israelischen Grenze zu organisieren. Let’s make it happen!

Das klingt nach einem guten Plan. Du bist nicht nur im Bereich Musik wirklich aktiv, sondern auch in Sachen Charity und für Menschenrechte im Einsatz. Erzähl uns mehr darüber.

Der Lower Eastside Girls Club in NYC ist eine Wohltätigkeitsorganisation, mit der ich eine der tiefsten Verbindungen habe. Bitte schaut sie euch an und helft, wenn ihr könnt. Sie bilden ein großes, gesundes, wunderschönes Stück Gerechtigkeit in der heutigen Welt. Ich hatte die Ehre, ihre jüngste Ausstellung „Water Is A Women’s Issue“ in Photoville in NYC vor zwei Monaten zu unterstützen. Es gibt diesen jungen Mädchen sowie ihren Schwesterorganisationen Las Fotos Project (Los Angeles), Club Balam (Chiapas, Mexiko), A VOICE (Flathead Nation, Montana) und YAYA’s (New Orleans) eine Stimme. Sie alle erkunden die Kämpfe um Wasser in ihren jeweiligen Hinterhöfen. Die Mädchen entwerfen ihre eigenen visuellen, ethnografischen Fotoprojekte, um die aufkommenden Krisen im Zusammenhang mit extremer Wasserknappheit, Überfluss, Umweltverschmutzung und Kontamination zu thematisieren.

Ebenfalls ein großes Sprachrohr ist deine Radiosendung. Sie wird bei über 80 FM-Sendern in über 50 Ländern ausgestrahlt und erreicht so jede Woche rund 25 Millionen Menschen. Ist das eines deiner wichtigsten Medien, um auch außerhalb des Dancefloors Menschen zu erreichen?

Mein Podcast ist absolut das größte Medium und ich darf alle meine Musikrichtungen präsentieren. Ich liebe es, von Housemusik bis hin zu Techno-Knallern alles zu spielen. Die Leute beschäftigen sich wirklich mit mir und dem, was ich spiele. Ich liebe es, mit den Zuhörern zu twittern und mit ihnen zu interagieren. Ich bin auch überglücklich, dass British Airways anfangen wird, meine Musik zu spielen. Auch dieses Interview mit diesen wahnsinnig guten Fragen gibt mir die Möglichkeit, meine Leute dort draußen, die vielleicht nicht die Möglichkeit haben, eine meiner Shows zu besuchen, zu erreichen. Und dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Danke, FAZE!

Wir danken dir, dass du Zeit für uns hast. In dem gleichen Interview, das ich bereits erwähnt hatte, hast du verraten, dass dein voller Tour-Kalender, den du in den letzten sechs Jahren hattest, von so etwas wie Wut und Schmerz erfüllt war und dass du jetzt ausgeglichener bist. In genau diesen sechs Jahren bist du jedoch extrem erfolgreich gewesen. Aber wie sah es in deinem Inneren aus?

In den letzten sechs Jahren habe ich mich schlichtweg an einen unfassbar engen Zeitplan gehalten. Ich hatte keine Zeit, die ich mit mir selbst verbringen konnte, und ich denke, ich habe das unbewusst absichtlich getan. Ich war buchstäblich auf der Flucht vor mir selbst. Seltsamerweise waren es die Gigs und meine Fans, die mich zu meinen Momenten der Klarheit und des Selbstbewusstseins führten. Diese Momente des Hochgefühls mit Tausenden von Fans, die applaudieren, und die Tiefen, die das Alleinsein danach mit sich bringt, lehrten mich, wer ich wirklich bin. Ich weine buchstäblich immer noch nach vielen meiner Shows, aber die Tränen haben eine neue und ungezügelte Freude, die sie antreibt.

Wie hast du jetzt dieses Gleichgewicht gefunden und was hast du im Vergleich zur hektischen Zeit davor verändert?

Ich habe gelernt, besser mit diesem Stress umzugehen. Ich gönne mir öfter meine Me-Time, in der ich in Stille lebe. Ich schätze auch die Zeit, die ich mit meiner Geistheilerin Aliza Einhorn verbringe. Danach kann ich Dinge wie die Arbeit an der Musik in meinem Studio genießen und einigen großartigen spirituellen Podcasts lauschen, von denen ich wirklich begeistert bin.

2019 ist quasi vorbei. Wie feiert die „neue“ Nicole Moudaber Weihnachten und Silvester?

Weihnachten war schon immer eine sehr besondere Zeit für mich. Neben der üblichen Freude, die Familie zu sehen, ist es auch der Geburtstag meiner Mutter, der diese Zeit so besonders macht. Sie ist einer meiner Lieblingsmenschen, also ist es ein doppeltes Gefühl der Freude, nach Hause zu kommen. An Silvester werde ich in Los Angeles spielen, ehe es anschließend für den Urlaub nach Costa Rica während des BPM Festivals geht. Ich liebe die Sonne!

Wie sehen deine Planungen für die nächsten Monate aus, was die Musik, dein Label und weitere Projekte angeht?

Mein größter Vorsatz für 2020 ist es, Menschen auf dem Dancefloor eine immense interaktive, spirituelle Erfahrung zu geben. Das Debüt ist für Herbst 2020 mit einigen großen Shows geplant.

Aus dem FAZEmag 094/12.2019
Text: Triple P
Foto: Ruan van der Sande
www.facebook.com/officialnicolemoudaber