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Mit seinem neuen Album führt Niconé das titelgebende Wort Luxation der Ästhetik zu, die diesen Klang verheißt und verdient – das Schmerzhafte, für das es steht, in gespannte Schönheit transformierend. Als nämlich Alexander Gerlach, so der Berliner DJ, Produzent und Designer mit echtem Namen, letzten Sommer mit einer Lisfranc-Luxation an einem Fuß für zwei Monate an Krücken und Wohnung gefesselt war, war das alles andere als eine schöne Sache: Die anmutige Vokabel meint eine Verdrehung/Verrenkung plus Bruch der Mittelfußgelenkknochen, die nicht nur weh tat, sondern zu der sich noch nebenwirkungsartig Lagerkoller und die Sorge, nicht mehr laufen zu können, ins Krankenlager gesellten. Große Kunst entsteht aus Leid, kennt man ja. Floskel hin oder her. Aber tatsächlich sind die Tracks aufgeladen von der vor der Verletzung aufgestauten sommerlichen Energie und getragen von dem stets latent spürbaren Drang loszutanzen, dem langen Stillsitzen entspringenden Verlangen nach Bewegung. Entstanden aus der Fuß-Verdrehung seines Erschaffers, wird das Album nicht nur die Köpfe, sondern in erster Linie auch die Füße der Clubjünger verdrehen. Die elf stilistisch vielseitigen Tracks sind der perfekte Soundtrack zu einer Nacht, die nicht Nacht ist und zu einem Tag, der kein Tag ist – und schon gar keinen Anfang oder Ende kennt. Sie alle eint das genuin Tanzbare – ein manchmal nur subtiler Druck, aber präsent genug, manchmal intensiv pushend, unausweichlich im Sog einer Schlaflosigkeit aufgehend. So wie etwa „In Other Words“ „Like How“ oder „Dawner“. Letzterer treibt dämmernd in Hell-Dunkel-Schüben den Übergang vom Tag zur Nacht und von der Nacht zum Tag vor sich her. Zu der atmosphärischen Dichte und Vielschichtigkeit tragen auch die Vocals diverser illustrer Gäste bei, wie etwa beim seidig startenden Opener „Real Me“ mit einem Feature von Aquarius Heaven. Melancholisch verträumter geht „Still Young“ mit Vocals von der Berliner Band Abby rund fünfeinhalb Minuten lang unter die Haut. Malonda killt es beim HipHop-lastigen „Kill The Groove“, die Dantze-Newcomerin Danroeschen gibt dem trippigen „Imagine“ einen besonderen Charakter und natürlich hat auch Niconé-Partner-in-Crime Sascha Braemer mitgemischt, beim letzten Track des Albums, auf dem Ivy singt – dem mit Weltmusik angehauchten und sich Niconés Hits „Una rosa“ oder „Caje“ zuneigenden Slow-House-Stück „Camille“, dem zuvor der hymnische Titeltrack „Luxation“ über fast zehn Minuten ein warmes Sonnenaufgangssetting vorlegt. Niconé hat unzählige Male in den Katermukke-Hausclubs „Kater Blau“ und „Kater Holzig“ bzw. „Bar25“ gespielt, bis es hell wurde. „Luxation“ ist nun auf Katermukke als das erste Artist-Album überhaupt erschienen. Eine Premiere, die für beide Seiten schlüssig ist, weil das Label in all seiner Vielschichtigkeit genauso wie Niconé dafür steht, das zu machen, was gefällt. Und darum gehts auch hier zum guten Schluss: In other words: I love it.
Like how? Like that. 10/10 Csilla Letay