Niereich –
 Die Mischung macht’s
Sequences“ – so lautet der Titel des zweiten Albums des Österreichers Niereich, das seit dem 1. Juli mit insgesamt zwölf neuen Tunes auf nonlinear systems in den Läden steht. Es folgt auf das erst 2014 erschienene, viel gefeierte Debüt „Ghosts & Flowers“. Heute präsentiert sich Peter Linsberger aus Graz noch einmal gereifter und in zahlreichen Techno-Facetten. So gibt es ruhigere, groovige Stücke ebenso, wie ordentliche Clubabfahrten – wobei das eine das andere natürlich auch in Kombination nicht ausschließt. Tracks wie „Hyperballad“ und „Black Spider“ finden schon jetzt bei diversen Kollegen ihren Platz in den Sets, und auch auf gesamter Albumlänge kann Niereich überzeugen. Vor allem wohl, weil er sich der Bedeutung des Formats Album absolut bewusst ist.

„Ich finde, ein Album hat einfach mehr Aussagekraft und bleibt länger erhalten. Man spricht davon auch noch nach ein, zwei Jahren. Ich möchte nach dem Longplayer weniger Einzelproduktionen und/oder Remixe veröffentlichen, um ihn bewusst länger wirken zu lassen“, erzählt mir Peter im Interview zu „Sequences“ und dessen Zukunft. „Wichtig war es mir außerdem, eine gewisse Linie zu verfolgen. Was bei ‚Ghosts & Flowers‘ noch etwas Kraut und Rüben war, ist auf ‚Sequences‘ gut gelungen. Ich bin damit richtig zufrieden.“ Absolut zu Recht. Die Resonanz darauf ist schon jetzt riesig, und Niereich zeigt, wie viel in ihm steckt. Dabei ist er noch nicht am Ende, sondern sieht sich einer steten Entwicklung unterzogen. „Studioarbeit ist immer ein Lernprozess. Man kann da nie den Status Quo erreichen, sondern erfindet sich immer wieder neu durch die unendlichen Möglichkeiten, die sich einem bieten. Ich habe im Vergleich zum letzten Album sehr viel mit analogem Equipment gearbeitet. Ich habe meine Liebe zu Synthesizern und alten analogen Geräten entdeckt und denke, man kann das sehr gut hören.“ Niereichs so entstandener ’neuer‘ Sound ist reifer, von hoher Qualität und dürfte ihm gerade auf internationaler Ebene noch mal die eine oder andere Tür mehr öffnen. Dabei hat schon „Ghosts & Flowers“ hier so einiges für ihn getan. Niereich ist weltweit unterwegs, spielt die größten Festivals und die besten Clubs. Das tat er schon vor dem Debütalbum dank guter Releases auf Labels wie Research, Sleaze Records, Decoy, Overdrive und Nachstrom Schallplatten, auf dem auch „Ghots & Flowers“ erschien. Doch seither ging es noch mal ein ganzen Stück bergauf. „Ehrlich gesagt hat mich der Erfolg selbst überrascht. Ich bin da ja kein großes Risiko eingegangen. Es war einfach sehr floortauglich. Aber vielleicht war gerade das der Schlüssel zum Erfolg?! Viele Fans wurden häufiger von Alben ihrer Heroes enttäuscht, weil sie zu experimentell waren. Ich denke, die Mischung muss einfach stimmen.“


Doch birgt ein erfolgreiches Debüt durchaus auch seine Tücken. Hat man den Mumm, beim nächsten Mal alles anders zu machen oder setzt mal lieber auf Altbewährtes und sich selbst damit der Gefahr aus, sich zu wiederholen? „Das mit dem Erfolgsdruck ist immer so eine Sache. Er macht die Arbeit im Studio nicht immer zu dem, was sie eigentlich sein sollte. Auch wenn man sich nicht darum kümmern mag, er sitzt einem trotzdem immer ein bisschen im Nacken.“ Peter hat das Beste draus gemacht, wie auch aus einem gesundheitlichen Rückschlag während der Produktion: „Ich hatte Anfang des Jahres eine hartnäckige Wirbelentzündung im unteren Rücken. Ich konnte kaum Gigs spielen. Sitzen oder langes Stehen waren unmöglich. Zu der Zeit strotzte ich aber nur so vor Ideen, die ich unbedingt umsetzen musste. Also habe ich mir eine Matratze ins Studio geschleppt, alle Geräte auf den Boden gestellt und mein Album zu 90 Prozent in Bauchlage produziert.“ Und obendrein ist auch der eigene Anspruch an sich selbst gewachsen: „In erster Linie wollte ich anders klingen und meinen eigenen Sound weiterentwickeln, um ausgereifter und am Puls der Zeit zu klingen.“

Dabei geht es Niereich allerdings nicht zwingend und Ruhm, eher schon ein bisschen um Ehre. „Der Fame interessiert mich genauso wenig wie zuvor. Ich bin sehr froh, dass das alles etwas abgenommen hat. Ich habe bewusst meinen Sound verändert und weiterentwickelt, viel experimentiert und auch unter anderen Alias Musik produziert. Ich möchte diese neuen Einflüsse in meinen zukünftigen Produktionen kombinieren. Sagen wir es so: Ich habe mich neu erfunden und mir somit selbst den Druck genommen, irgendjemandem gerecht werden zu müssen – außer mir selbst natürlich.“ Peter ist bekannt dafür, sich recht bescheiden durch die Nacht zu bewegen und niemand zu sein, der extrem laut auf die Pauke haut – höchstens im musikalischen Sinne. Eine Typfrage, die es womöglich immer schwieriger macht, sich in dem oft doch sehr extrovertierten Geschäft zu bewegen? „Ja, das stimmt, ich bin eher ein introvertierter Mensch. In einem dunklen Club fühle ich mich wohler als auf einer riesigen Bühne mit Feuerwerk. Grundsätzlich leben wir in einer Welt, in der alles größer, lauter und spektakulärer sein muss als zuvor – was für die Rock- und Popszene auch völlig in Ordnung ist. Ich finde aber, dass wir das im Techno nicht nötig haben. Viele junge ‚Raver‘ wollen DJs am Pult tanzen sehen und sich anfeuern lassen. Leider machen einige Künstler den Techno gerade genau so ‚populär‘. Diese Entwicklung gefällt mir gar nicht.“ Kaum vorstellbar, dass das auch Österreichs Szene betrifft. Doch liegt hier auch gar nicht Niereichs Fokus, denn so alt der Spruch auch scheint, der Prophet im eigenen Land zählt meist nichts. „Das kann ich so unterstreichen. Mir geht es in Österreich leider nicht anders. Zwei oder maximal drei Gigs im Jahr sind das höchste der Gefühle. Da kommen dann oft die Klassiker wie: ‚Ach komm scho Peda, früher host ba uns a für 100 Euro und gratis Getränke aufglegt. Warum müssn ma di jetzt über a Agentur buchen?’“ Dafür gibt es Gründe genug. Seit geraumer Zeit betreibt er das Label Audio Stimulation und hat bereits die nächsten großen Pläne angeschoben: „Ich arbeite mit meinen Freunden Bo und Ernst (Hackler & Kuch) am neuen Label- und Event-Projekt Collision. Am 25. Juli hosten wir die Main Stage am Puur Festival im niederländischen Leiden. Und im September kommt hoffentlich unser erstes Vinyl auf den Markt. Leider verzögern sich solche Pilotprojekte meist durch diverse Umstände mit Vertrieben etc.“ Doch selbst dann kommt bei Peter Linsberger sicherlich keine Langeweile auf, denn der Sommer ist quasi durchgebucht. „Ich spiele das eine oder andere Festival in Spanien, Holland, Frankreich und Deutschland. Amnezik in Montpellier, Dreambeach in Villaricos, das schon kurz erwähnte Puur Festival in Leiden, NATURE ONE in Kastellaun und 4 Elements in Koblenz am Fort Asterstein …“ Es gibt also diverse Gelegenheiten, Niereich und seine neuen Tracks auf dem Floor zu hören. Es lohnt sich allemal. / Nicole Ankelmann

Aus dem FAZEmag 041/07.2015

www.niereich.com