Niereich ist eine Konstante in der Technoszene. Mit seinen harten Produktionen konnte der gebürtige Österreicher Releases auf Imprints wie Abstract, Micro.fon, nonlinear Systems, Second Stae, Sleaze oder Herzschlag landen, um nur einige zu nennen. Kurz bevor es für ihn nach Südamerika auf Kolumbien-Tour geht, treffen wir uns zum Gespräch über seinen künstlerischen Neuanfang und die daraus resultierende Entwicklung.


Es ist wieder etwas Zeit vergangen, seit du das letzte Mal bei uns zu Gast warst. Wenn ich auf dein zurückliegendes Jahr blicke, scheint es mir sehr erfolgreich gewesen zu sein: Zwei Beatport-No.1-Hits und zahlreiche Produktionen, die in den Techno-und Hardtechno-Charts gelistet waren, sprechen eine eigene Sprache. Wie erklärst du dir das und was bedeuten dir solche Zahlen?

Nach meinem letzten Album gab es bei mir persönlich und musikalisch einen Wandel: Ich war über sieben Jahre Teil des Bookings von Abstract, wo viele Acts mit einem etwas härteren Sound immer etwas weicher und trendiger wurden. Am Anfang war ich mit diesem Kurs völlig einverstanden, doch dann kam mein Album „Insomnia“ und eine harte Australien-Tour. Das Album war der Höhepunkt dieses immer weicheren Stils und das Feedback meiner Fans war nicht sehr beglückend für mich. Danach war es Zeit für einen Wandel, zurück zu meinen Roots. Anfang dieses Jahres fing ich wieder an, den Sound zu produzieren, für den ich eigentlich stehe. Von da an war ich deutlich schneller und produktiver im Studio, alles ging mir ziemlich einfach von der Hand.

Meine Chartings hatte ich früher gar nicht auf dem Schirm. Solche Zahlen waren mir ziemlich egal. Jetzt werde ich sehr motiviert davon und bin angefixt, mehr Tracks rauszuhauen. 

Wir beide wohnen im Schwabenländle, also lass uns kurz über Geld reden. Zwischenzeitlich sind über 25 Tracks von dir in den Top-100-Rankings auf Beatport zu finden: Welche finanziellen Perspektiven ergeben sich da für einen Act wie dich und welchen Einfluss hat das auf deine Bookings?

Monetär lohnt sich ein gutes Charting nicht sehr, damit wird man nicht reich. Für einen Nummer-eins-Platz in den Hardtechno-Charts beispielsweise sind nicht mehr als 200 bis 500 Euro drin. Auch für die großen Drumcode-Acts, die in den gesamten Beatport-Charts ganz weit oben stehen, sind die Releases nicht wirklich lukrativ. Anders verhält es sich beim Einfluss auf die Bookings: Während sich große Acts hier eine goldene Nase verdienen können, kommen kleine Künstler, die auch ihr gesamtes Leben in die Musik und ihren Werdegang stecken, nur schwer über die Runden. Für mich geht es gefühlt stark nach oben, auch im Ausland, und durch die Chartplatzierungen bleibt man im Gespräch.

Welche Acts sind aktuell deine Techno-Heroes und bei wem freust du dich am meisten, wenn er deine Tracks supportet?

Das ändert sich bei mir immer wieder mit den Jahren. Früher sah ich Chris Liebing und DJ Rush ganz weit vorne. Als ich letztens gehört habe, dass Enrico Sangiuliano meine Kollaboration mit Shadym „Turn Your Back“ beim Burning Man gespielt hat, war ich schon sehr erfreut. Viel weiter als er kann man in der Technoszene nicht kommen.

Shadym ist ein Künstler, mit dem du sehr oft im Studio bist und viel Output produzierst. Wie kam es zu dieser Kollaboration und was macht sie für dich aus?

Ich releaste zu Beginn des Jahres eine EP auf einem kolumbianischen Label. Der Labelbesitzer brachte dann Shadym als Remixer ins Gespräch. Nach dem Release battelten sich mein Original und sein Remix wochenlang um Platz zwei und drei der Harttechno-Charts. So sind wir aufeinander aufmerksam geworden, schickten uns Tracks hin und her und trafen uns dann endlich. Wir merkten, dass wir sowohl im Studio als auch menschlich sehr gut miteinander harmonierten, und wurden so zu Studiopartnern. 

Nach mehr als sieben Jahren bei Abstract wechselst du nun deine Booking-Agentur und gehst zu YAM, wo auch Acts wie Victor Ruiz, Spektre oder SHDW & Obscure Shape zu Hause sind. Was erwartest du von einer Booking-Agentur im Allgemeinen?

Ein Künstler ist bei einer Booking-Agentur, weil sie ihm eine Last abnimmt, sich nämlich darum kümmert, dass es genügend Bookings für den Künstler gibt. So kann der sich auf das Produzieren von Musik konzentrieren und zusammen mit der Agentur wachsen. Eine gute Booking-Agentur repräsentiert einen guten Künstler und andersrum, wodurch diese Beziehung sehr familiär ist. Abstract war wie eine Ehe, aus der die Luft raus ist, und ich war auf der Suche nach einer neuen. Das ist absolut nicht böse gemeint; wir haben uns beide einfach weiterentwickelt und verändert. 

Für dich persönlich war 2018 ein Wendepunkt, der einiges bewirkt hat.

Es war einfach Zeit, wieder neue Wege zu gehen und Niereich neu zu denken. Als ich mich auf den Kurs der Agentur eingelassen habe, immer softer zu werden, trieb mich im Studio immer weniger meine ursprüngliche Passion. Als die Gigs weniger wurden und das Feedback der Fans immer bescheidener ausfiel, brauchte es nicht mehr viel. Nach meiner Australien-Tour, die echt sehr hart war und von Schlafmangel und einem ungesunden Lebensstil geprägt war, hatte ich dann ein Burn-out.

Hast du daran gedacht, aufzuhören?

Nein, der Plan war, eine Pause einzulegen. Mit Ende 30 kann man einfach nicht mehr ewig durchmachen. Ich habe meine Gigs deutlich reduziert und gebe das auch jüngeren Kollegen als Impuls gerne mit. Denn die Gier nach immer mehr Business treibt viele in einen ungesunden Zustand und holt einen dann irgendwann ein. Darüber hinaus wird jetzt gesünder gegessen und genug Sport gemacht.

Was können wir in nächster Zeit aus deinem Studio erwarten? Ich habe etwas von einer „Hardtechno-Boyband“ gehört: Du warst mit Linus Quick, A-Brothers und Andreas Kramer zusammen im Studio.

Genau, es gibt eine Kollaboration mit den Jungs, mit denen ich schon früher tolle Erfolge hatte. Wir werden da auch mit Künstlern wie Torsten Kanzler oder Sven Wittekind zusammenarbeiten. Ansonsten steht eine Solo-EP auf einem meiner Lieblingslabels an, Octopus Warehouse. Bei der Kollaboration verschicken wir oft Tools untereinander: Es gibt fertige Tracks mit einem Drum-Gerüst, die der andere dann komplettiert, indem er Synthesizer und Effekte auf dieses Gerüst schichtet. 

Ab Anfang Dezember spielst du einige Shows in Kolumbien, wo du schon mal auf Tour warst. Wie sind deine Erinnerungen aus der ersten Tour und was macht die Szene dort so reizvoll für dich?

Kolumbien ist sehr interessant für mich, nicht nur aufgrund der bezaubernden geografischen Lage. Die Menschen sind sehr freundlich und sehr dankbar für Sachen, die hierzulande als selbstverständlich gelten. Bei den Partys wird es oft sehr intensiv, es herrscht eine gute Stimmung und die Leute tanzen dort anders, als wir es hier kennen. 

Was sind die Top-5-Clubs für deinen Sound in Deutschland?

Der perfekte Club für mich ist der Tresor in Berlin, wo ich paradoxerweise lange nicht mehr gespielt habe. Ansonsten nenne ich lieber Eigenschaften statt Namen: Ich mag dunkle, roughe Clubs, die voll auf Techno ausgerichtet sind. Ich bin DJ und bringe der Crowd meine Musik näher. Dabei geht es nicht um irgendeine komische Performance oder albernes Entertainment.

 

Aus dem FAZEmag 094/12.2019
Text: Bastian Gies
Foto: Niereichs Onkel
www.niereich.com