Selten hat mir ein Test weniger Freude bereitet. Denn ein Test bedeutet auch immer wieder, einen gerade liebgewonnenen Synthesizer nach dem Schreiben zurückzuschicken. Und außerdem hält das Schreiben auch einfach davon ab, an Sounds zu schrauben. Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als eins der am sehnlichst erwarteten Instrumente des Jahres in meinem Studio steht. Die Rede ist von der AFX Station von Novation, die zusammen mit dem legendären Aphex Twin entwickelt wurde – genau genommen ist die AFX Station ein Update der Bass Station II in einer auf 500 Stück limitierten Auflage. Und genau deswegen müssen wir kurz einen Exkurs zu Bass Station II machen, die schon 2013 erschienen ist.

 

Als die Bass Station II auf dem Markt erscheint, folgt sie einem legendären Synthesizer und damit einer der größten Erfolgsgeschichten von Novation – nämlich der ersten Bass Station von 1993.

Die Bass Station II, eine analoge, paraphone Synthese-Urgewalt kommt mit drei Oszillatoren, zwei Envelopes, zwei LFOs, einem komplexem Arpeggiator und vor allen einem unglaublich fettem und roughen Sound daher. Das liegt nicht zuletzt an den Overdrive-, FM- und Distortion-Reglern, welche den satten Sound des Filters noch verstärken. Gesteuert wird der Synth über die 25-Keys-Tastatur, MIDI oder USB – also willkommen im 21. Jahrhundert Bass Station. Der nächste Zeitsprung geht zum Anfang dieses Jahres, als langsam die Gerüchteküche über eine Kollaboration von Richard D. James aka Aphex Twin und Novation hochkocht. Doch was genau geplant war, bleibt unklar, bis erste Renderings im Umlauf sind und der Name AFX Station auftaucht.

Diese verleihen der Bass Station II neue Features und einen neuen Look, doch die Klangerzeugung selbst bleibt unberührt. Alles über die Klangerzeugung könnt ihr gerne in einer Bass-Station-II-Review recherchieren, ich konzentriere mich hier ganz auf die neuen Möglichkeiten der AFX Station.

Rein optisch macht die AFX Station richtig was her, sieht sie doch aus, als stamme sie aus einem der futuristisch-abgedrehten Musikvideos von Aphex Twin à la „T69 collapse“. Die markantesten optischen Unterschiede zur Bass Station sind das Gehäuse in Schwarz-Violett sowie die typische AFX-Schrift, die den Synth allein visuell herausstechen lässt. Während bei der Bass Station II die aktuelle Position der schwarzen Drehregler mit einem weißen Anzeiger kontrastiert ist, bleibt dieser Zeiger nun schwarz. Das mag sich nicht nach einer großen Änderung anhören, doch lädt das zu einem neuen, experimentelleren Workflow ein. Für absolute Aphex-Twin-Fans sei noch hinzugefügt, das die Verpackung von seinem Visual-Gestalter Weirdcore gestaltet ist und dementsprechend glitchy aussieht. So, jetzt aber genug Oberflächlichkeit:

Die AFX Station expandiert nämlich die Klangwelt eines „normalen“ Synthesizers beträchtlich mit dem AFX-Mode. Dieser macht verschiedene Dinge, die ich bisher für unmöglich in einem Synthesizer dieser Preisklasse gehalten habe: Mit einem Klick auf „Function“ und zwei Klicks auf „Swing“ verwandelt sich die AFX Station wahlweise in eine Drummachine, ein Sounddesign-Labor oder eine Bass-Schleuder der Extraklasse. Denn nun kann man im Bereich von zwei Oktaven ein anderes Patch legen. Was heißt das im Studioalltag? Man startet einfach den AFX-Modus, drückt auf das C und fängt an sich eine Kickdrum zu bauen. Ist man damit fertig, drückt man auf C# und baut sich noch eine weichere Alternative zur Haupt-Kickdrum. Auf dem D fangen wir nun mit einem zischenden Snare-Sound an und haben in kurzer Zeit ein komplettes Set an interessanten Drumsounds zusammen. Diese können nun perfekt über den eingebauten Arpeggiator oder externe Steuersignale wie DAWs, Keyboards oder Sequenzer abgefeuert werden. Wenn man gute Sounds gebastelt und zusammengestellt hat kann man diese speichern und editieren. Am besten funktioniert das über die kostenlose Components-Software von Novation.

Eins der praktischsten Features im Zusammenhang mit Drumsounds ist definitiv, dass man im AFX-Modus auf jede Taste eine beliebige Note mappen kann. Es lässt sich also für alle Tasten zum Beispiel G als Notenwert einstellen. So kann man seine gesamten Drums in einer Tonart zusammenstellen und somit zur Harmonie kompatible Rhythmus-Klänge erzeugen. Oder eben absichtlich inkompatible Klänge, wenn man nach Aphex Twin geht. Die zweite Funktion, die bei Drumsounds perfekt funktioniert, ist Fixed Sustain. Hier kann man jeder Taste des AFX-Modus eine eigene Sustain-Dauer geben, die immer ausgehalten wird, auch wenn die Taste nicht mehr gedrückt wird. So kann man extra lange Cymbal-Sounds, boomende Kickdrums und sehr kurze Percussionklänge einfach abfeuern und sie klingen genauso lange aus, wie man es eingestellt hat.

Doch der AFX-Mode war mir nicht nur behilflich bei Drumpatterns, sondern auch bei melodischen Klängen wie Basslines. Man fängt hier einfach an, einen passenden Grundsound zu programmieren. Hat man ihn dann gefunden, schmeißt man den AFX-Modus an und erstellt für jede Note eine kleine Variation des Grundsounds: Mal wählt man eine andere Wellenform, mal wird der Sound deutlich kürzer, mal etwas verzerrter. Somit kreiert man einen unglaublich abwechslungsreichen Patch, der sich deutlich von Standard-Presets absetzt.

Abseits des AFX-Modus habe ich vor allem zwei neue Funktionen zu schätzen gelernt. Zum einen kann man mit Klicks auf „Function“ und „Input Gain“ einstellen, dass Oszillator 2 eine langsamere Glide-Funktion als Oszillator 1 und 3 hat. Stellt euch nun eine Fläche aus zwei Sägezahn-Wellen vor, die langsam von einem Ton zum anderen gleitet. Wenn jetzt ein Oszillator etwas langsamer gleitet, driftet und reibt der Sound unheimlich aneinander, was ziemlich cool kommt. Vor allem wen man die AFX Station paraphon statt monophon spielt.

Manchmal erklärt sich mir das Konzept von monophonen Synthesizern nicht ganz und ich kann mir die Einstimmigkeit nur als Preisargument verständlich machen. So ist es aber doch ein Lichtblick, dass man den Sub-Oszillator im neuen Novation-Tool unabhängig von den Hauptoszillatoren stimmen kann. Somit ist es kein Thema, Chord erklingen zu lassen. Zum Sub-Oszillator-Tuning kommt ihr, wenn ihr auf „Function“ drückt und die Tonhöhe von Oszillator 1 dabei einstellt.

 

Das Projekt AFX Station entstand der Legende nach übrigens dadurch, das Aphex Twin den Kundensupport von Novation kontaktiert hat. Er fragte dabei nach einer Möglichkeit, statt mit „normalen“ Skalen mit Mikrotunings zu arbeiten. Erst daraufhin setzten sieh die Entwickler mit dem Studio-Wizzard zusammen und arbeiteten an dem Remix der Bass Station II. Und am Ende gibt es auch das Wunschfeature von Richard D. James: Acht Mikrotuning-Skalen stehen bereit für Ausflüge in experimentelle Gefilde. Perfekt für deepe Techno-Sequenzen, tonale Percussion-Pattern und spacige Effektsounds.

Für mich ist die AFX Station ein Synth, der einerseits absolut zu verfrickelten Klang-Experimenten einlädt und somit auch extrem viel zum Entdecken bietet. Andererseits klingt das, was raus kommt, aber auch wirklich brauchbar und ist nicht nur als Experimentierkasten und Sound-Wundertüte zu verstehen. Außerdem ist er einfach auch ein Sammlerstück, eine Perle für jedes Studio. Mal sehen, ob ich ihn wirklich zurückschicken werden.

 

Aus demFAZEmag 106
Test: Bastian Gies
www.novationmusic.com