Seit Tagen zögere ich, etwas zu schreiben. Warum? Weil ich Zweifel habe. Weil ich nicht sicher bin, was richtig oder falsch ist. Wem kann man noch glauben? Unsere Welt hat sich verändert. Nein, noch schlimmer: Unsere Welt wurde ausgelöscht, innerhalb von nur wenigen Tagen. Bei mir ging es schon Anfang März los. Da flogen die ersten Absagen ins Haus: Messen und eigene Corporate-Events. Erst wollte man es nur verschieben, dann folgten die Clubs und Festivals. Stand jetzt wurden alle Veranstaltungen bis Ende Mai abgesagt – vorerst. Da wären wir also: Events, Clubs, Bars und all ihre Protagonisten stehen auf einmal ohne Arbeit da. Die gesamte Unterhaltungs-Branche wurde stillgelegt – und das auf unbestimmte Zeit.

Innerhalb der letzten Tage hatte ich große Mühe, meine Gedanken zu ordnen. Ich bin hin- und hergerissen: Zum einen ist da die die Angst, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war und zum anderen ist da die die Ruhe, die plötzlich eingetreten ist. Man muss der Situation auch etwas Positives abgewinnen können, denn ganz ehrlich: die Welt, wie sie vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie war, war mir zu schnelllebig.

Oftmals hatte ich das Gefühl, dass unsere Gesellschaft selbst ein Virus ist. Viele Shows der letzten Jahre waren keine richtigen Shows. Der DJ mutierte mehr oder weniger zu Etwas, was er eigentlich gar nicht ist – ein Clown, der sich mehr Sorgen um Likes und Social-Media-Awareness macht, als um gute Musik. Von Musik wollen wir gar nicht erst sprechen. Was war das denn bitte? Innerhalb einer Woche habe ich circa 400 Promos und zahlreiche Mailouts geschickt bekommen. Jedes Mal, wenn ich die Tracks durchgehört habe, bekam ich schlechte Laune. Bei den meisten Einsendungen handelte es sich um Aufgewärmtes aus früheren Tagen. 08/15-Tech-House-Tracks, die man innerhalb von zwei Stunden auf dem Laptop zusammenbastelt? Ich bitte euch. Wo bleiben Innovation und Kreativität? Was war nur aus dem DJ geworden? Ein Selbstdarsteller ohne Selbstwert. Diese “Artisten” des Musik-Zirkus’ wechseln ihr Genre öfters als ihre Unterhosen, nur um eine noch größere Rolle in diesem Event-Affentheater zu spielen. Ihr wisst, ich war nie ein Fan von diesem Schubladen-Denken, das ist schließlich unfair. Aber: Wenn die Musik keine Aussagekraft mehr hat, dann besitzt sie auch keine Identität. Die Rolling Stones machen doch auch nicht plötzlich Heavy-Metal.

Und so ging es dahin mit dem DJ … Er wurde zu einer Witzfigur. Er war nicht mehr Dirigent des Abends, sondern ein Mitläufer oder gar ein Statist. Niemand beachtete ihn mehr. Er war kein “Headliner” mehr, sondern ein völlig überbewerteter und überbezahlter Narzisst. Wie weit soll das alles noch gehen?

Vor dem Bildschirm sehe ich jeden Tag die Bilder aus Italien und die Schreckensmeldungen aus aller Welt, wie die Welt im Chaos versinkt. Ich fühle mich klein und bin traurig, habe wieder Angst. Angst, nicht um den DJ, sondern um uns alle: meine Familie, meine Kinder, meine Freunde und den Rest der Welt. Ich frage mich, ob wir das zusammen überstehen werden. Ich frage mich, ob sich unsere Gesellschaft ändern wird. Werden wir umdenken? Werden wir erkennen, was wichtig ist? Wird es in unserer Branche einen Reset geben, der uns da anfangen lässt wo wir aufgehört haben, zuzuhören, wo wir aufgehört haben, miteinander zu feiern? Es kommt auf die Menschen und das Miteinander an – der endlose Narzissmus muss endlich gestoppt werden.

Falls wir das wirklich gemeinsam überstehen, dann sollten wir uns überlegen, wie wir den Neustart angehen. Ein Neuanfang kann auch eine Chance sein, die Dinge besser zu gestalten – auch wenn zahllose Künstler, Unternehmer, Branchenbeteiligte, Festivals und Clubs an dieser Katastrophe zu Grunde gehen werden.

Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ein gestreamtes Live-Set aus dem Kinderzimmer der falsche Ansatz ist in diesen Tagen. Innovativ geht anders, so etwas gibt es schließlich schon seit etlichen Jahren. Wie kommt ihr auf die Idee, dass euch noch jemand dabei zusehen will oder gar dafür bezahlen will?

Die aktuelle Lage ist mehr als kritisch, aber ich hoffe, dass sie sich nicht noch weiter verschlimmern wird. Ich bin keiner, der diesen ganzen Verschwörungs-Mist glaubt. Ich hoffe, dass die Menschen zusammenstehen und ihr Sein überdenken werden. Ich wünsche mir von Herzen, dass die Leidenschaft für die wichtigen Dinge im Leben zurückkehrt.

Bitte, nutzt die Entschleunigung und überdenkt eure Handlungen, reflektiert und analysiert sie. Auf in eine neue Zukunft voller Gemeinschaft und voller Miteinander! Auf in eine neue Zukunft voller neuer und guter Musik und voller Emotionen! Ich wünsche es mir für uns alle.

 

Bleibt gesund, bleibt zuhause, so lange es nötig ist.
Ich hoffe, dass wir bald wieder alle zusammen tanzen können.

Euer Tom

 

Mehr Novys Welt:
Novys_welt_Hinweis
Mark Spoon (27.11.1966 – 11.01.2006)
Ich beende jetzt die Diskussion um das Clubsterben

Grüße von der Love World Peace Parade
Die digitale Seuche
All you need is love
Hört ihr noch was?
Rettet den Spirit
Clubs not dead
Technomodel
 
Digital Detox

Die Festivaltheorie und „Tanzmusik leicht gemacht“
 
Nur ein böser Traum

So schmeckt der Sommer
Willkommen zur IMS
Die Musik geht erst wieder an, wenn ich Brüste sehe! 

GEMA nach Hause, du alte Scheiße
Resi, i hol di mit meim Traktor ab …