Und wieder eine Woche vorbei. Wieder eine Woche mit Corona. Ich bin selbst so genervt, dass es mir schwerfällt, richtig klar zu denken. Zwischen Homeschooling, Kinderbetreuung, Finanzbuchhaltung und dem ganzen Corona-Mist, den man so machen muss, sind die Stunden der Glückseeligkeit wirklich selten. Zum Glück habe ich eine Woche Social-Media-Pause hinter mir. Es war zu viel los Zuhause und ich war erschrocken von dem blinden Hass der Kommentare, der Verzweiflung und der Inkompetenz von vielen. Die Gesellschaft ist gespalten. Corona hat mir schon geholfen, mein Social Media zu säubern. Ich bin vielen entfolgt und habe viele geblockt. Und ich muss feststellen: Ich schreibe hier seit fast 20 Jahren und habe mittlerweile ein dickes Fell. Aber was gerade abgeht, ist selbst mir zu scary. Bei einigen bitte nicht wundern, dass wir keine „Freunde“ mehr sind. Aber ich kann bei manchen echt nicht mehr glauben, wie bescheuert sie sind und auch wirklich jeden kleinen Furz, der einem in den Sinn kommt, im Netz teilen müssen. Vielen ist digital nicht mehr zu helfen. Manche merken wirklich gar nichts mehr.

Ich war vor einer Woche auch mit bei einer DJ-Konferenz in Sachen Booking United. Für die, die es verpasst haben. Booking United ist eine Initiative und Interessengemeinschaft der Musikwirtschaft für Booking-, Management- und Künstlertournee- Agenturen und die von ihnen vertretenen DJs und darstellenden Künstler*innen. Vornehmlich sitzen alle in Berlin. Vorsitz hatten die alten Hasen Markus Nisch, Juliane Kindermann und Anja Schneider (Sprecherin Künstler) sowie Patricia Weil (Sprecherin Booking United).

Ich möchte eure Aufmerksamkeit extra hierher lenken, denn dieses Online-Meeting war bezeichnend für die derzeitige Situation, in der viele von uns stecken. Ich hörte nur zu und blickte in die Gesichter der Anwesenden. In vielen Gesichtern konnte man Angst und Verzwei ung sehen. Man diskutierte und man forderte. Man erzählte sich Erlebtes. Die Überschrift hätte heißen können: „geteiltes Leid ist halbes Leid“.
Es gab auf einmal Solidarität und Zusammenhalt in der Not. Und zwar ohne das bei uns übliche Genre-Gehate. Nein, auf einmal waren wir gleich. Künstler. Jeder auf seine Art. Aber wir waren gemeinsam in der Not. In der Not, nicht mehr auftreten zu können, aber auch in existenzieller Not. So traurig der Anlass der Konferenz auch war, so schön war es zu sehen, dass sich – um es mit unseren Worten zu sagen –, Underground und Kommerz doch verstehen.

Zusammen also der Versuch uns selber zu helfen. Mit gemeinsamer Stimme. Wer auch so denkt, der sollte mal auf die Seite gehen und lesen, was da geht. Dass die Regierung und die Länder auf uns gerne verzichten, muss man hier sicher nicht mehr diskutieren. Zu viele Beispiele unterstreichen dies. Aber man sollte eher den Blick nach Vorne richten. Wir sollten uns gemeinsam fragen, was aus uns wird. Was wird aus unserer Kultur, was aus der Musik, Was aus den Clubs. Wir leben diese Kultur ja und ich habe echt keine Lust auf Umschulung nach 30 Jahren Disco. Und so finde ich den gemeinschaftlichen Ansatz toll. Zusammen stehen und zusammen etwas erreichen. Innovation jetzt.

Ich weiß, in Zeiten wie diesen, in denen jeder gerne zuerst auf sich schaut, ist das ein schwieriger Gedanke. Aber überlegt mal, wo die Reise hingeht, wenn jeder hier auf sich schaut und es besser weiß als der andere. Genau das endet dann damit. Dann werden Clubs sterben, DJs verschwinden und es hat sich ausgetanzt. Ich zum Beispiel fände ein Reset gar nicht so schlecht. Ein Neustart und weg von überzogenen Gagen, Weg von diesem reinen profitgelenkten Denken. Mehr Kunst und neue Wege fände ich toll. Quasi ein neues Hippiefeeling mit Techno.

Wir sind eine Kultur und wir durchstehen das nur, wenn wir uns zusammen für das Gedankengut einsetzen, das sich dahinter verbirgt. Denn sonst wird man mal in zehn Jahren sagen: „In den 90ern erschufen wir House und Techno und bis 2020 tanzten wir dazu“. Der Engländer sagt zurecht: „Action speaks louder than words.“

Also hier könnt ihr gerne mit diskutieren, aber es ist eben auch Zeit etwas zu tun. Neue Ideen braucht das Land.

Ich bin gespannt.
Bleibt gesund!

Euer
Tom Novy

 

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