Dass die Musikindustrie immer schon eigene Kanäle hatte, den Menschen genau ihre Musik unterzujubeln, ist hinreichend bekannt. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass wir uns in letzter Zeit mehr und mehr wie die kleinen Lemminge benehmen, was unseren Konsum angeht. Vielleicht täusche ich mich auch, aber für mich war Musik immer Ausdruck von Leben. Geht es mir schlecht, höre ich traurige und emotionale Musik, bin ich glücklich, dann fröhliche. Bin ich Gangsta, dann Hip-Hop. Für mich war und ist Musik auch nie ein einziges Genre, ich mag so viel verschiedenartige Musik. Ich tanze und singe gerne mit und habe die tollsten Erinnerungen zu manchen Songs. Meine Lip-Sync-Performance zu Britney Spears’ „Slave To For You“ in einer Afterhour mit Kostümwechsel, ist, glaube ich, bis heute „Let`s dance“-Final-Level.

Das alles und vieles mehr macht Musik mit mir. Wie viele unzählige Male hab ich beim Auflegen Gänsehaut und sogar ein emotionales Tränchen verdrückt – nach manchen Shows sogar Gänsehautentzündung. Musik ist Rausch und Ventil.

Musik ich Heilung. Musik ist Freiheit. Und Musik sollte verbinden. Nun bin ich 30 Jahre im Musikgeschäft und liebe die Musik immer noch wie am ersten Tag. Egal ob mit Kasettenrekorder, Plattespieler, Synthesiser, Sequencer, Computer, Drummachiene – ich mache immer schon Musik. Und vor allem, ich höre Musik.

Nun beobachte ich seit einiger Zeit leider einen Trend in unserem Geschäft, der sich mir einfach nicht erschließen will. Ja, man könnte sagen, es ist für mich völlig unverständlich, wie das passieren konnte. Es geht leider immer weniger um Musik. Und das im Musikgeschäft. Man stelle sich das mal vor. Das ist, wie wenn es bei einem Arzt nicht mehr ums Heilen geht. Was bitte soll der Scheiß? Und warum lassen wir das alles mit uns machen?

Bei der ganzen Multimillionen-Euro-Geschäftsnummer ist die Musik leider auf der Strecke geblieben. Sie weicht den PR-Konzepten der Managements und leider auch der Stumpfheit der Konsumenten. Ich mein, hat in letzter Zeit mal jemand Radio gehört? Echt jetzt? Was ist das den? DAS wollen die Menschen hören? Und jede Stunde das Gleiche? Wer sagt das?

Festivals waren mal von der Idee her eine grossartige Sache. Man kommt zusammen und feiert das Leben mit so viel verschiedener Musik wie möglich. Heute sind das entweder Kirmesveranstaltungen mit Fressgasse und Pop-up-Ferienhotel oder Genre-verliebte Monotonie. Ja genau, ich will unbedingt 40 Techno-DJs auf sechs Areas hintereinander hören. Ich glaube, so war das nicht gedacht damals beim Woodstock.

Mit dem Zuhören haben es die meisten auch nicht mehr so richtig, denke ich. Zumindest scheint das neuerdings nicht mehr ohne das Smartphone zu gehen. Ich hab schon oft ein paar Junge Leute beobachtet, die mit dem Handy Musik hören. Jeder Track läuft 15 Sekunden und dann wird weitergeskippt. Von Klangqualität oder gar Stereo wollen wir hier noch nicht mal reden. Arme Musik. Das ist ja wie zurück in die Steinzeit.

Dazu kommen dann unzählige Protagonisten, die mit Musik nichts zu tun haben. Egal ob der eine einen grossen Mauskopf aufhat oder eine goldene Maske mit Zylinder. Egal ob ein Ex-Pornostar oder ein Fotomodell, das sich nun musikalisch der Welt mitteilen muss. Es gibt alles. Ich hab sogar neulich im Netzt einen DJ mit Wolfsmaske entdeckt. Nun, grundsätzlich darf das ja jeder machen, man vergisst nur dabei, dass es nicht um Musik geht, sondern um Show. Also ich schau mir Nina Kraviz gerne an, aber hab noch nie ein Set länger als ne halbe Stunde ertragen. Ich mag Claptone-Tracks, aber verstehe nicht, warum diese Auftrittsnummer? Damit man drei Typen mit Maske und Hut durch das Land schickt? Was ist der Sinn? Nun, jetzt werden bei euch die Lichter angehen und ihr werdet nach Toleranz fragen? Also bei mir hört die beim Torten schmeißen irgendwie auf. Und leider fehlt diese eben auch mittlerweile bei den meisten.

Ich hab neulich die Kommentare von einem Pollerwiesen-Live-Video gelesen und war entsetzt, wie viel bösartiges Gehate es da wieder gab. Ist es wirklich so, dass uns die Musik voneinander trennt? Wird man bald keine Arbeit mehr finden, weil man EDM hört? Ist man ein besserer Mensch, weil man Underground ist? Wen ihr alle wüsstet, wie gesteuert das alles mittlerweile ist. Nichts davon passiert zufällig oder weil es den Anspruch hat. Alles ist geplant und in Szene gesetzt. Agenturen und Managements sitzen zusammen und planen jetzt schon die nächsten großen Künstler, die vermarktet und ausgebeutet werden. Wer wann und wo auf welchen Festivals spielt, ist längst mehr keine Frage des Talents oder der Musik. Es ist die Frage des besseren Managements. Eure Line-ups sind längst fertig und somit auch das, was ihr zu hören bekommt. Es geht um Reichweite und nicht um das Erreichen. Denn ihr hört nicht mehr zu. Ihr macht lieber Videos von teuren Produktionen auf Festivals und vergesst die Musik dabei.

Zuhören kostet aber Zeit und die habt ihr heute nicht mehr. Alles muss schnell gehen: Ich muss so viel wie möglich aufsaugen. Ein Bild auf Insta und gleichzeitig 25 Stories am Tag – raus damit.

Mich macht das alles sehr nachdenklich und traurig. Oft hab ich das Gefühl, dass wir bereits unseren eigenen Untergang feiern. Denn eines sollte euch klar sein, Musik ist die Nahrung der Seele und wenn wir nicht mehr zuhören, dann wird es sehr still in unseren Herzen. Und leider auch in der Welt. Musik ist die einzige Sprache, die alle Menschen verstehen.

 

Danke fürs Zuhören
Euer Tom

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