Novys_Welt_Endzeit


Novys Welt 12/2012 – FAZEmag 010

Wie jeden Tag nimmt sich der brave DJ gerne Zeit, das Internet nach allem möglichen Quatsch zu durchforsten. Egal, ob man die Kollegen – oder besser noch Konkurrenten – auscheckt oder aber belanglos auf Youtube rumsurft … so viel Zeit muss sein. Da schmeckt einem auch der Kaffee am Morgen gleich viel besser – oder eben auch nicht.

Ziemlich erschrocken war ich über ein Video von Steve Aoki, der auf seiner knallroten Gummiboot-Tour ein Trampolin vor seiner Stage auf- bauen ließ, um dort dann rauf und runter zu hüpfen. Ein Teufelskerl. Leider ist der gute Stefan nicht ganz so ein geübter Springer und dann mit dem Kopf an der Bühne ziemlich böse angeschlagen. Das Ganze wurde natürlich in diesem Video dokumentiert, kommentiert und aus- geschlachtet. Schon die Musik darunter war dramatisch. Ich glaube, es war sogar das eigene DJ Video-Tagebuch oder so was.

Menschen, die den Stefan nicht so mögen, haben hier dann eher Scha- denfreude empfunden. Ich aber war sehr erschrocken. Unvorstellbar, wenn das böse ausgegangen wäre. Steve Aoki querschnittsgelähmt? Mal ernsthaft, es braucht wirklich viel dazu, sich ein Trampolin vor der Bühne aufbauen zu lassen, um dann vor seinen Fans rauf und vor allem runter zu hüpfen. Wow! Krasser Typ. Aber sich auch noch in guter RTL2-Manier dabei filmen zu lassen und das dann zu Werbezwecken auszuschlachten, dafür fehlt mir echt das Verständnis. What’s next? Ricardo Villalobos ist in Berlin hingefallen und hat Nasenbluten bekom- men. Jetzt auf Youtube und Vimeo, und im Forum auf Cocoon online wird diskutiert, wie es dazu kommen konnte. Am besten ein dickes, rot unterstrichenes LIKE drunter für alle.

Auch ein tolles Filmchen ist jenes, in dem der gute Skrillex seinen Lap- top auf der Bühne zertrümmert, als wäre er ein Mitglied von The Who oder so. Mit dabei ist sein Kumpel und krasserer Typ deadmau5, der sich kaputtlacht über seinen supercoolen Buddy. Nachdem der Gute ganze drei Mal sein Laptop auf den Boden gesmasht hat und drauf rum- gesprungen ist, rutscht er aus und legt sich auf die Fresse. Was für ein Film. Rock’n’Roll pur. Zwei ungewaschene Kellerkinder, die in ihrer nerdigen Art nichts lässiger finden, als vor Zehntausend erigierten Tee- nies ihren Laptop kaputt zu hauen. Puh! Naja, wenigstens ist keiner zu Schaden gekommen – außer dem, der sich so einen bescheuerten Mist im Internet anschauen muss.

Ich könnte jetzt aber auch gehässig sein und die alte, noch langweiligere 98 Diskussion unter so manchen Pappenheimern hier ausbrechen lassen und sagen: ‚Ich habe es euch ja gesagt. Laptop-DJing macht bescheuert!‘ Aber nein, das Thema ist ja auch sowas von ausgelutscht. Seit Guetta mit zwei Tasten Welthits schreibt, soll doch bitte jeder so „Musik“ machen, wie er es möchte. Mich erstaunt in letzter Zeit eben auch auf Grund sol- cher Videos mal gar nichts mehr. Aber auch hier bitte ein ganz großes, rotes LIKE noch eben drunter.

Ich habe neulich den Film „Mad Max“ gesehen. Die Donnerkuppel und Tina Turner im Endzeitlook. Wenn ich mir das Ganze hier so betrachte, dann fühlt sich das Musikbussines und alles drumherum so wie die- ser Film an. Vor allem elektonische Musik und deren Protagonisten. Nichts ist neu, alles war schon da. Es scheint so, als spiele das Ganze nach einem Atomkrieg und ein Trampolin-springender Vollmongo, ein Wahnsinniger mit einen Mauskopf und ein Otto Walkes-Double sind die Mutanten und Überbleibsel einer einstmals goldenen Ära.

Selbst der Konsument ist mittlerweile so schmerz- und gehirnfrei, dass er gar nicht merkt, dass bei vielen Tracks da draußen noch nicht mal mehr die Noten stimmen. Ist ja auch völlig egal, denn solange das Zeug wie nutzlose Propaganda im Netz verbreitet wird, kann es nur gut und richtig sein. Genau wie die Nachrichten, der RTL2-Dschungel, „Bauer sucht Frau“ oder Stefan Raab. Das, meine Lieben, fühlt sich alles wie Endzeit an.

Zum Glück gab es da dann aber neulich doch ein Video, das Licht am Horizont erahnen ließ. Loco Dice und Richie sprechen mit dem Mixmag Magazin über ihre neue Tour in den USA. Quasi wie zwei Missionare und Retter des guten Geschmacks fahren sie in die verbotene Zone, in der sonst nur Europop und Cheesy Synth regiert, und bekehren die kran- ken und leidenden Menschen zu einem besseren Glauben: Deschno! Ich war froh und glücklich zu sehen, dass es immer noch Helden gibt, die den Kampf noch nicht aufgegeben haben – wie ich armes, frustriertes, internetgeschädigtes, ungeliebtes, aber immerhin ehrliches Ding.

Und so preise ich euch alle, die ihr den Kampf wieder aufnehmt und ge- gen die Endzeit und deren schlimmen Folgen kämpft. Der Tod der Musik darf nicht sein. Es muss wieder Seele und Herz her. Und so rufe ich euch zu in der stillen Zeit und vor Weihnachten: In the beginning there was Jack, and Jack had a groove …

Ups, da ist mal wieder meine Fantasie mit mir durchgegangen. Ich wün- sche euch allen einen frohen Dezember, fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch in die Endzeitzone, ihr Blödis.

Bis 2013 – Euer Tom

FAZEmag 010/12.2012

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