Mit dem riesigen Erfolg ihrer ‘Loadstar’ EP auf dem Label von Reinier Zonneveld, ‘Filth On Acid’ haben sich das britische Duo OC & Verde bestehend aus Ben O’Connor und Jon Verde recht schnell in der Szene etabliert. Wenn man bedenkt, dass sie mit ‘Mondoshawan’ auf Spektre’s Respekt Recordings einen Beatport-Top-10 Hit hatten, ist es kein Wunder, dass das Duo Support von Szene-Giganten wie Adam Beyer, Tale Of Us, Solomun sowie Sasha & John Digweed bekommt und von Pete Tong auf BBC Radio 1 als “Ones To Watch” bezeichnet wurde. Auf der Agenda für die Zukunft stehen weitere Releases an, darunter u.a. auf Adam Beyers Label Truesoul. Aber nicht nur in Sachen Veröffentlichungen haben die beiden eine volle Agenda. Ihr Tour-Kalender ist ebenfalls vollgepickt. Später im Jahr bringen OC & Verde ihr eigenes Label Ampersand an den Start. Ein Interview.


 

Wie geht es euch und wie lief 2019 bislang für euch?

Ben: Uns geht es gut, danke. 2019 war sehr hektisch bis jetzt, unsere Shows finden wesentlich weiter von Europa entfernt statt als in den letzten Jahren. Wir sind vergangene Woche aus Indien zurückgekehrt, davor waren wir in Vietnam, Thailand, Japan und Miami. In Kombination mit unseren Auftritten in Europa dazwischen ergab das ein fantastisches erstes Halbjahr.

Euren Durchbruch hattet ihr zweifelsohne 2016, aber fangen wir ganz von vorne an. Wie seid ihr zur Musik gekommen bzw. wie habt ihr euch kennengelernt?

Ben: Unsere musikalischen Wurzeln unterscheiden sich ein wenig. Ich habe als Kind recht schlecht Klavier gespielt, entdeckte aber Plattenspieler und elektronische Musik, als ich etwa 13 Jahre alt war. Und so flog das Klavier aus dem Fenster und ich mutierte zum Vinylfreak. Ich kaufte so viele Platten, wie es mein Taschengeld hergab, um Mixtapes für Freunde zu machen. Anschließend habe ich ganz klassisch auf Hauspartys und Geburtstagen den DJ gemacht, ehe ich mit kleinen Veranstaltungen zum Promoter wurde. Und genau dann habe ich Jon kennengelernt.

Jon: In der Tat. Ich hatte damals ein Designbüro und habe Flyer für Veranstaltungen etc. gemacht. Und generell war ich auch sehr musikbegeistert und habe Bens Partys auch besucht. Wir unterhielten uns über Musik und dabei habe ich Ben erzählt, dass ich ein Studio habe, in dem ich alle möglichen Arten von Musik produziere – von französischem House bis hin zu Indie-Band-Sachen. Ich habe Ben dann eingeladen.

Ben: Er hatte rund 500 unfertige Tracks und Ideen, ganze Festplatten lagen da rum. Wir hörten uns durch die Sachen und ich wusste, dass wir damit definitiv etwas anfangen konnten. Also haben wir begonnen, gemeinsam Musik zu machen. Der Rest ist Geschichte.

Wie rekapituliert ihr die Zeit seit 2016?

Ben: Das Jahr war ein gutes für uns. Wir veröffentlichten unsere erste eigene EP „Maasai“, die unserer Karriere einen ordentlichen Schub gegeben hat – der Track war in der Saison einer der größten auf Ibiza. Solomun, Tale Of Us, Sasha, John Digweed, Kölsch und Hot Since 82, auf dessen Label wir die Titel später veröffentlichten, haben die Tracks Woche für Woche gespielt. Unser Tour-Kalender füllte sich anschließend immer mehr und die Leute, die bis dahin unsere absoluten Helden waren, fragten uns nach Kooperationen.

Jon: Es ging dann genauso weiter mit „Solstice“. Solomun spielte ihn bei seinem Cercle-Set und die Kommentare in den sozialen Netzwerken überschlugen sich. Anschließend bekamen wir Videos aus der ganzen Welt geschickt, die zeigten, wo er den Track überall gespielt hat. Adam Beyer tat das Gleiche. Dabei war der Track noch gar nicht gesignt. Allein durch diesen Hype wurden Nummern von uns bei Truesoul von Adam Beyer, Rukus von Matador und Filth On Acid von Reinier Zonneveld gesignt. Letztes Jahr hat uns dann noch John Digweed angeschrieben, ob wir nicht Lust hätten, seinen Klassiker „Heaven Scent“ zu remixen. Eine absolute Ehre für uns.

Ben: Dieser Remix war einer der Tracks, der irgendwie sehr einfach von der Hand ging. Alles hat auf Anhieb Sinn ergeben und wir haben gerade einmal einen Tag gebraucht. Anschließend haben wir ihn im The Egg in London getestet – die Reaktion auf dem Dancefloor war unglaublich.

„Mondoshawan” war dieses Jahr ein großer Hit für euch. Welche Geschichte, welche Idee steckt hinter dem Song?

Jon: Wir wollten einen Track machen, der etwas härter ist im Vergleich zu einigen unserer vorherigen Tracks. Wir hatten in diesem Sommer einige Festivals und große Bühnen zu bespielen, also war es unser Ziel, etwas für die absolute Peak-Time zu produzieren, was sich auf einem Festival abheben würde, aber auch immer noch unserem Sound mit den Melodien und den für uns typischen Vocals treu bleibt.

Ben: Wir hatten bei dem Track auch den Plan, den Hype selbst zu kreieren. Denn in der Regel verschicken wir Demos an Labels und wenn der jeweilige DJ dahinter die Sachen mag, spielt er sie und erzeugt dadurch im besten Fall einen großen Wirbel. Diesen wollten wir aber nun erstmalig wirklich selbst hinbekommen.

Jon: Nachdem wir ihn also ein paarmal gespielt hatten, tauchten überall Videos auf, bei denen die Leute nach der „Track-ID“ fragten. Das ist gerade absolut in Mode. (lacht) Wir spielten zu der Zeit mit Paul & Rich von Spektre einen Gig. Sie hörten den Track und liebten ihn, also haben wir ihn weitergegeben. Letztendlich haben wir einen tollen Deal gefunden und der Track landete auf ihrem Label Respekt. Er schaffte es bei Beatport unter die Top 10, das hat uns sehr gefreut. Anschließend haben die Jungs uns gefragt, ob wir nicht ihren Hit „Carnival Of Souls“ remixen möchten, und der ist gerade noch sehr aktuell.

Ihr habt großen Erfolg mit euren Produktionen. Wie arbeitet ihr generell im Studio zusammen?

Ben: Wir finden es tatsächlich am besten, wenn wir beide getrennt an Ideen arbeiten. Jon spielt ein paar Melodien und Grooves ein und ich stöbere in der Zeit durch Samples. Wenn wir etwas haben, von dem wir überzeugt sind, geht es darum, es dem anderen quasi schmackhaft zu machen. Wenn das gelingt, verfolgen wir die Idee und basteln etwas daraus. Wir versuchen im Studio auch wirklich nicht über das Business zu reden und versuchen, das Ganze so verspielt und unbekümmert wie möglich anzugehen. Es soll einfach Spaß machen, Musik zu produzieren – ohne Plan oder Routine. An manchen Tagen geht das auf, an anderen nicht.

Es gibt also nicht einen, der in Sachen Technik etwas affiner ist, und einen anderen, der kreativer ist?

Jon: Ich denke, dass wir beide auf unsere verschiedenen Arten sehr kreativ sind, aber in Sachen Technik bin ich ein wenig erfahrener. Ich gebe zu, ich liebe es, neue Plugins zu testen bzw. ans Laufen zu bekommen bzw. neue Synths und Hardware zu kaufen.

Ihr habt im April eine All-night-long-Tour gespielt. Erzählt uns mehr darüber.

Ben: Die gesamte Tour ist ehrlich gesagt aus einer kleinen Unzufriedenheit heraus entstanden. Wir hatten superviele Gigs, bei denen wir Headliner waren. Allerdings gingen die Playtimes fast nie über zwei Stunden. Wir hatten somit keinerlei Möglichkeit, unsere Bandbreite an Sounds zu präsentieren, oder Gelegenheit, mal in die Tiefe zu gehen und Kurven zu schlagen. Alles war ziemlich gequetscht. Generell finden wir zwei Stunden für einen DJ schon sehr wenig – und obendrein sind wir ja als Duo unterwegs. Verschiedene Tempi, mal entspannter, mal härter – in einem solch kurzen Zeitraum ist das nahezu unmöglich. Daher haben wir angefangen, diese Tour zusammenzustellen. Und wir hatten einen Heidenspaß.

Der Sommer ist noch in vollem Gange. Welche Highlights stehen für die kommenden Wochen und Monate auf der Agenda?

Jon: Worauf wir uns am meisten freuen, ist unser Debüt in Russland, St. Petersburg. Dort sind wir mit ANNA und Bart Skills für das System Festival gebucht. Und auch auf das Secret Garden Rave in Brighton in wenigen Wochen, von dem wir viel gehört haben, freuen wir uns sehr.

Welche Pläne habt ihr für den Rest des Jahres?

Ben: Wir arbeiten an ein paar neuen Releases. Außerdem haben wir einen Remix für Mark Reeve und einen weiteren Remix für Green Velvet gemacht, der bald auf Bedrock erscheint. Darüber hinaus feiern wir unser Debüt in Australien, darauf freuen wir uns auch schon sehr. Und die Tour in Europa geht natürlich weiter.

Gerüchte machen die Runde, dass ihr bald euer eigenes Label gründet. Stimmt das?

Jon: Ja, das stimmt. Die Idee dahinter ist, auf eigenen Füßen zu stehen und uns ganz auf den Sound zu konzentrieren, den wir produzieren und spielen. Das geht von härterem, melodischem House bis hin zu Techno. Das ist genau die Lücke, in die wir hineinpassen, und das ist der Weg, den wir für uns selbst gestalten wollen. Wir haben festgestellt, dass man sich irgendwie automatisch dem Sound anpasst, der für ein Label typisch ist, wenn man für ein anderes Label Musik macht. Das ist am Anfang einer Karriere sicherlich förderlich und hilft dabei, gehört zu werden. Allerdings schränkt es ein, wenn man ein wenig experimentieren oder sich weiterentwickeln möchte. Das möchten wir mit dem eigenen Label umgehen.

Ben: Unser Track „Solstice“ zum Beispiel wurde von vielen Labels etwa zwölf Monate lang abgelehnt, bis es zu dem Punkt kam, an dem wir aufhörten, an den Track zu glauben. Als Solomun ihn dann spielte, kamen alle Labels, die ihn abgelehnt hatten, zurück und versuchten, ihn zu signen. Das fanden wir recht seltsam und befremdlich. Mit unserem eigenen Label haben wir die totale Kontrolle, können Musik rausbringen, wann und wie wir wollen, ohne um Erlaubnis zu fragen oder uns auf einen anderen zu verlassen. Wir bekommen auch selbst viele Demos und Promos geschickt und denken manchmal, dass diese Musik eventuell nie gehört wird. Diesen Künstlern möchten wir auch eine Plattform geben.

Jon: Wir werden aber sicherlich kein Label sein, das alle zwei Wochen Musik veröffentlicht, nur um etwas zu veröffentlichen. Wir werden Musik rausbringen, von der wir zu 100 Prozent überzeugt sind und die wir lieben. Das Label wird den Namen AMPERS&ND tragen, was quasi der Name des &-Zeichens ist. Das spiegelt wider, dass unser Name OC „&“ Verde ist und es das Ethos von AMPERS&ND ist, dass es um uns und dich geht.

 

Aus dem FAZEmag 091/09.2019
Text: Triple P
Foto: Alicia Hall