PACT – Die Crowd als Instrument

Foto: Guilhem Canal

Mit PACT haben drei der prägendsten Namen der französischen Melodic-Techno-Szene – Joachim Pastor, Joris Delacroix und Teho – ein Projekt ins Leben gerufen, das weit über ein klassisches Live-Setup hinausgeht. Im Zentrum steht die Idee, Grenzen aufzulösen: zwischen Künstlern und Publikum, zwischen Performance und Interaktion. Und ja, das Publikum wird bei ihrem Live-Set tatsächlich als praktisch viertes Bandmitglied integriert. Nach ersten intensiven Live-Erfahrungen folgt nun der nächste Schritt mit dem eigenen Label PACT und der ersten gemeinsamen Single „Unify“, die am 17. April erscheint. Im Gespräch erzählen die drei Künstler, wie aus einer Freundschaft ein kollaboratives Projekt wurde, warum Kontrolle abzugeben Teil des Konzepts ist – und weshalb „Unify“ mehr ist als nur ein Track.

PACT bringt drei etablierte Künstler mit sehr unterschiedlichen musikalischen Identitäten zusammen. Wie ist die Idee zu dieser Zusammenarbeit entstanden und was hat euch überzeugt, als Trio zu arbeiten?

Joris: Es hat wirklich mehr aus Freundschaft als aus allem anderen heraus begonnen. Wir kennen uns schon lange, sind oft zusammen getourt, und es gab bereits eine starke Verbindung, sowohl musikalisch als auch persönlich. Irgendwann kam ich mit der Idee, ein Label zu starten, etwas, das zunächst ziemlich offen gedacht war, einfach eine Plattform, auf der wir Musik freier veröffentlichen können. Aber sehr schnell wurde durch unsere Gespräche klar, dass wir etwas Tiefergehendes aufbauen wollten als nur ein Label.

Teho: Ja, die ursprüngliche Idee war wirklich, ein Kollektiv zu gründen und mehr Freiheit darin zu haben, was wir veröffentlichen, ohne äußere Einschränkungen. Als Joachim in die Gespräche einstieg, hat das Ganze eine andere Dimension angenommen. Wir haben angefangen, viel auszutauschen und zu definieren, was dieses Projekt werden könnte, und ganz natürlich kam sehr früh auch der Live-Aspekt ins Spiel.

Joachim: Ich glaube, es gab auch das gemeinsame Gefühl, dass wir alle an einem Wendepunkt unserer Karrieren stehen. Wir hatten unsere eigenen Wege, aber wollten etwas Offeneres, Kollaborativeres erkunden. Am Anfang war es nicht sehr strukturiert, es war einfach der Wunsch, gemeinsam etwas zu schaffen. Dann hat es sich Stück für Stück zu einem vollständigen Projekt entwickelt – mit Live-Show, Label und darüber hinaus als kreative Plattform. Was uns wirklich überzeugt hat, war, wie natürlich sich alles zwischen uns dreien zusammengefügt hat.

Jeder von euch hat einen sehr eigenen Sound. Wie habt ihr es geschafft, Joachim Pastors Harmonien, Joris’ Groove und Tehos melodische Energie zu einem stimmigen Projekt zu verbinden?

Teho: Am Anfang spielte die Live-Show dabei eine große Rolle. Wir haben damit begonnen, unsere bestehenden Tracks zu nehmen und sie gemeinsam auf der Bühne neu zu interpretieren. In gewisser Weise wurden daraus hybride Versionen unserer eigenen Musik, und das hat uns geholfen zu verstehen, wie jeder von uns Produktion und Performance angeht.

Joachim: Ja, und ziemlich schnell haben wir gemerkt, dass es das Ergebnis eher schwächen würde, wenn wir versuchen, alles gemeinsam zu machen. Der Schlüssel war, sich auf das zu konzentrieren, was jeder von uns am besten kann. Wir ergänzen uns sehr gut, also versuchen wir nicht, alles in etwas Einheitliches zu verschmelzen, sondern diese Unterschiede zu bewahren und zusammen funktionieren zu lassen.

Joris: Genau. Sobald wir dieses Gleichgewicht gefunden hatten, wurde alles viel einfacher. Wir teilen eine ähnliche musikalische Sensibilität – melodisch, emotional, groove-orientiert – also sprechen wir trotz unterschiedlicher Styles dieselbe Sprache. Es geht mehr darum, sich gegenseitig zu verstärken als sich anzupassen oder Kompromisse einzugehen.

Foto: Guilhem Canal

Ein zentrales Element von PACT ist, dass ihr Menschen aus dem Publikum auf die Bühne holt. Was war die Inspiration dahinter und wie verändert das die Dynamik eines Live-Sets?

Joachim: Der Ausgangspunkt war wirklich die Idee, etwas Neues zu machen. Wir sprechen immer davon, eine Verbindung zum Publikum herzustellen, aber ich wollte diesen Gedanken weiter treiben und konkret umsetzen. Menschen auf die Bühne zu holen, fühlte sich zunächst ziemlich extrem an, aber auch sehr aufregend.

Joris: Wir haben viel über diesen Begriff der Verbindung gesprochen. Was bedeutet das eigentlich? Wie geht man darüber hinaus, einfach nur vor Menschen Musik zu spielen? Irgendwann wurde klar, dass wir sie direkt in die Performance einbeziehen müssen, wenn wir etwas Echtes wollen.

Teho: Am Anfang muss ich zugeben, war das ziemlich beängstigend. Menschen, die keine Musiker sind, Kontrolle zu geben, ist ein Risiko, weil man nicht weiß, was passieren wird. Aber genau das macht es so interessant. Jede Show wird einzigartig, unvorhersehbar, und es entsteht eine echte menschliche Interaktion auf der Bühne. Das verändert die Dynamik komplett im Vergleich zu einem klassischen Live-Set.

Die speziell entwickelten Controller für das Publikum sind ein spannendes Detail. Wie sind sie entstanden und wie viel Kontrolle haben die Teilnehmer tatsächlich?

Joris: Uns war von Anfang an klar, dass die Controller extrem intuitiv sein müssen. Jeder aus dem Publikum sollte sie sofort bedienen können, ohne Erklärung. Das Design musste also einfach sein, mit klaren visuellen Elementen und direkter Auswirkung auf den Sound.

Joachim: Gleichzeitig bestand die eigentliche Herausforderung darin, den Menschen echte Kontrolle zu geben, ohne die Musik zu gefährden. Es sollte kein Gimmick sein. Deshalb haben wir maßgeschneiderte Controller entwickelt und auch im Hintergrund spezielle Tools gebaut, damit alles musikalisch bleibt, egal was passiert.

Teho: Inzwischen haben wir verschiedene Arten von Controllern. Einige sind sehr simpel, etwa solche, mit denen man die Energie eines Tracks aufbauen kann. Andere sind interaktiver, wie Drum-Pads oder Keyboards, die immer im richtigen Ton und im Timing bleiben. Dazu kommt viel Arbeit in Ableton und mit eigenen Plugins, damit sich alles flüssig und stimmig anfühlt. Die Idee ist, dass die Leute wirklich spielen können – aber innerhalb eines Rahmens, der die Musik für alle angenehm hält.

Foto: Guilhem Canal

Nach den ersten Shows folgt nun der Launch eures eigenen Labels. Warum war dieser Schritt wichtig?

Teho: Es fühlte sich wie eine natürliche Weiterentwicklung an. Viele Leute haben uns nach den Tracks gefragt, die wir live gespielt haben, aber viele davon waren ursprünglich gar nicht für eine Veröffentlichung gedacht. Mit dem Label können wir jetzt gezielt Musik dafür produzieren und sie richtig teilen.

Joachim: Und darüber hinaus gibt es uns komplette Freiheit. Wir entscheiden alles selbst – die künstlerische Richtung, das Timing, die Präsentation. Es gibt keine Kompromisse, was für ein Projekt wie dieses sehr wichtig ist.

Joris: Das war eigentlich die ursprüngliche Idee hinter PACT. Aus meiner Erfahrung sind die bedeutendsten Releases oft die, die auf eine unabhängige und menschlichere Weise entstehen. Mit diesem Label können wir diesen Spirit bewahren und gleichzeitig etwas Gemeinsames aufbauen.

Die erste Veröffentlichung ist „Unify“. Was bedeutet dieser Track für euch?

Joachim: „Unify“ fasst wirklich zusammen, worum es bei PACT geht. Es geht darum, dass wir drei zusammenkommen, aber auch um die Verbindung mit dem Publikum. Sogar visuell, mit dem Artwork, wollten wir das widerspiegeln.

Teho: Für mich steht der Track sowohl für einen Anfang als auch für eine Fortsetzung. Es ist der Moment, in dem unsere individuellen Identitäten zu etwas Neuem verschmelzen, aber gleichzeitig trägt er alles in sich, was wir zuvor aufgebaut haben.

Joris: Und musikalisch zeigt er ziemlich gut unsere Richtung – emotional, aber gleichzeitig energiegeladen. Der Name kam ganz natürlich, weil der Track genau dieses Zusammenführen ausdrückt.

Wie lief der kreative Prozess im Studio bei „Unify“ ab?

Joachim: Eigentlich habe ich die Hauptmelodie während eines Projekts gemacht, als wir alle zusammen auf La Réunion gespielt haben, und danach haben die Jungs den Rest gemacht.

Joris: Wir sind einem sehr natürlichen Workflow gefolgt, ähnlich wie auf der Bühne. Jeder hat sich auf seine Stärken konzentriert, und das hat den Prozess sehr flüssig gemacht.

Teho: Ja, und alles hat sich ziemlich schnell zusammengefügt. Spannend war, dass wir den Track direkt danach live gespielt haben. Die Reaktion des Publikums war unglaublich und hat bestätigt, dass es die richtige Wahl für den ersten Release ist.

Seht ihr euren Ansatz als mögliche Zukunft für elektronische Live-Performances?

Teho: Es ist auf jeden Fall eine interessante Richtung, aber auch eine sehr anspruchsvolle. Dem Publikum echte Kontrolle zu geben, verändert alles und erfordert viel Vorbereitung.

Joachim: Ich denke, es ist ziemlich spezifisch für unser Projekt. Es soll nicht unbedingt ein Standard werden, aber es reagiert auf ein echtes Bedürfnis nach etwas Authentischerem und weniger Formatiertem.

Joris: Ja, vor allem in einer Zeit, in der viele Live-Shows immer stärker durchinszeniert sind. Es gibt viele Wege, eine Verbindung zum Publikum herzustellen – das ist unserer. Aber die Idee, tiefere und authentischere Interaktionen zu schaffen, wird sich definitiv weiterentwickeln.

Wie sieht eure langfristige Vision für PACT aus?

Joachim: Am Anfang ging es mehr um das Label, aber durch die Live-Show hat sich die Identität des Projekts überhaupt erst definiert. Jetzt ist es beides – und wahrscheinlich in Zukunft noch mehr.

Joris: Wir konzentrieren uns aktuell auf Live und Label, sehen aber definitiv Wachstumspotenzial. Das könnten Tools sein, Content, Kollaborationen – immer mit dem Gedanken, gemeinsam zu erschaffen und zu teilen.

Teho: Ja, die Hauptidee ist, weiterhin neue Wege zu finden, um sich mit Menschen zu verbinden. Vielleicht sie noch direkter in den kreativen Prozess einzubeziehen. Genau dort kann das Projekt wirklich wachsen.

Was sollen die Menschen am Ende mitnehmen, wenn sie Teil von PACT waren?

Teho: Wir wollen, dass die Menschen das Gefühl haben, Teil von etwas zu sein und nicht nur Zuschauer eines Konzerts.

Joris: Ein Moment außerhalb der Zeit, in dem es nur darum geht, gemeinsam Musik, Energie und Emotionen zu teilen.

Joachim: Und letztlich einzigartige Erinnerungen zu schaffen. Etwas, das man nicht nur anschaut, sondern wirklich erlebt und mit sich trägt.

Aus dem FAZEmag 170/04.2026
Text: Triple P
Fotos: Guilhem Canal
www.instagram.com/pact.team