2006 war es, als Normen Flaskamp, besser bekannt unter seinem Pseudonym Solee, sein eigenes Label an den Start bringen wollte. Zu einer Zeit, als vor allem minimaler Sound die elektronische Szene beherrschte, entsprang in ihm der Pioniergeist – er versuchte, eine Nische zu füllen, in die sich auch seine Musik harmonisch einfügte. Parquet Recordings, das er mit Frank Schreiner, Geschäftsführer von dig dis, startete, sollte ein Label werden, das sich hauptsächlich melodiösen und trancigen Klängen widmet. „Es war ein Versuch“, stellt Solee im Vorgespräch unseres Interviews klar. Und hätten die ersten drei EPs keinen Anklang gefunden, hätte er das Projekt wahrscheinlich auch wieder aufgegeben. Doch zu diesem Punkt kam es nicht. Gleich die erste Single, „Impressed“, war ein voller Erfolg. 13 Jahre später kann der in Stuttgart lebende Labelbetreiber die Veröffentlichung des 200. Release verkünden.


Normen, obwohl dein erstes Release auf Parquet Recordings zu der damaligen Zeit ein musikalisches Experiment war, konntest du es gleich als Erfolg verbuchen. Jetzt setzt du deinen Klassiker „Impressed“ für die Jubiläums-Compilation mit einem 2019-Rework neu auf. Wie kam es zu dieser Idee?

Ich denke, es ist immer schwierig, einen Track, der als Klassiker gehandelt wird, noch mal neu aufzubereiten. Meistens bevorzugen die Hörer das alte Original, weil damit so viele Erinnerungen in Verbindung stehen. Und meist ist das Original einfach am besten so, wie es nun mal ist – deshalb wurde es ja auch zum Klassiker.

Trotzdem hast du dich dafür entschieden.

Richtig. Ich hatte schon öfter die Idee, eine neue Version von „Impressed“ zu machen, doch letztendlich kam nie etwas zustande, womit ich glücklich war. Letzten Sommer habe ich speziell für mein Solee-Live-Set die einzelnen Spuren etwas überarbeitet, damit der Track klanglich wieder besser zu meinem aktuellen Sound passt. Klanglich überarbeitet, kam der Titel wieder richtig gut an und Leute haben mich gefragt, was für eine Version das sei. So habe ich mich entschlossen, eine neue Version herauszubringen. Da „parquet200“ anstand, dachte ich, das wäre ein guter und passender Anlass.

Bei deinem Label war es dir immer wichtig, Newcomern unter die Arme zu greifen und sie einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ich erinnere mich persönlich noch an Miss Melera, deren Musik ich 2013 durch dein Label kennengelernt habe. Vor einiger Zeit hast du erneut eine sehr talentierte Produzentin aus dem Stuttgarter Raum ins Boot geholt, die immer mehr an Popularität gewinnt: Alyne. Wie seid ihr euch begegnet bzw. wie ist es zu der mittlerweile intensiven Zusammenarbeit gekommen?

Neue Acts zu entdecken und ihnen eine Chance zu geben, ist für mich nach wie vor sehr wichtig. Das bringt immer wieder neuen Schwung in die Bude und macht die Arbeit ja auch so interessant und spannend. Alyne habe ich vor ca. vier Jahren zum ersten Mal wahrgenommen, als sie in einer Stuttgarter Szene-Location ein DJ-Set gespielt hat und ich dort zu Gast war. Sie spielte genau den Sound, auf den ich stehe – das kommt in Stuttgart leider nicht so oft vor, also war ich stark beeindruckt. Seitdem trafen wir uns immer mal wieder durch Bekannte und Freunde und haben gemerkt, dass wir einen sehr ähnlichen Musikgeschmack haben. Irgendwann spielte sie mir auch ihre ersten Produktionsversuche vor und ich half ihr immer mal wieder mit ein paar technischen Tipps und Tricks. Daraus entstand dann auch unsere erste gemeinsame Single „Neosensual“. Heute zeichnet sie bereits für einige Veröffentlichungen auf Parquet Recordings verantwortlich, unterstützt mich bei der A&R-Arbeit, hilft mir bei den Parquet-Showcases und spielt nebenbei auch noch geniale DJ-Sets. Da ich generell der Meinung bin, dass es in unserem Business noch viel mehr Frauen geben sollte, bin ich besonders froh, Alyne in der Parquet-Recordings-Familie zu haben!

Auch Oscar Barila, Boss Axis und anderen hast du ziemlich früh eine Chance gegeben. Wenn man das von außen bewertet, könnte man sagen, du hast ein Händchen für neue Talente. War das immer so?

Ich konsumiere und interessiere mich für elektronische Musik schon seit den Neunzigern. Außerdem produziere ich selbst seit ca. 20 Jahren in verschiedenen Genres. Ich denke, das hilft mir einzuschätzen, ob etwas musikalisch Sinn macht oder nicht. Es ist ein super Gefühl, zu sehen, dass ein Künstler, dem man eine erste Chance gegeben hat, später eine kleine oder gar große Karriere startet. Es gibt viele Talente da draußen, aber sie müssen entdeckt und gefördert werden, und das fand ich schon immer interessant. Ich muss aber auch gestehen, dass ich schon das eine oder andere Mal daneben lag, jemanden für talentiert hielt und kurze Zeit später eines Besseren belehrt wurde …

Manche Labels verlagern unbekanntere Künstler gerne mal auf Sublabels, andere wiederum nutzen diese Ausgliederung, um sich in ungewohnten Genres zu bewegen oder musikalische Experimente zu wagen, die auf das Mutterlabel nicht passen.

Über ein Sublabel habe ich auch schon nachgedacht, allerdings eher im Hinblick auf andere Genres und musikalische Experimente. Wir haben letztes Jahr mit der EP-Reihe „Wooden Tales“ begonnen. Das ist zwar kein Sublabel, aber eine neue Release-Reihe mit anderem Artwork. „Wooden Tales“ widmet sich eher dem Downtempo-/Electronica-Sound im Bereich zwischen 90 und 115 bpm. Für unbekanntere Künstler ein Sublabel zu gründen, kommt für mich nicht infrage. Bei mir geht es in erster Linie um die Musik, nicht um Namen. Neue Namen ins Spiel bringen und fördern kann man doch auch viel besser, wenn man sie mit bekannten Künstlern mischt. Außerdem sollte man Musik nicht nur nach dem Bekanntheitsgrad kategorisieren.

Neuerdings bewegt sich das Wort „Streaming“ auch in den DJ-Bereich. In den letzten Wochen wurden neue Dienste auf den Weg gebracht, die auch für den Profibereich ausgebaut werden sollen. Was hältst du von dieser Entwicklung und inwiefern könnte sie die Arbeitsweise der Labelbetreiber beeinflussen? 

Durch den Erfolg der großen Streamingdienste war es schon abzusehen, dass in Zukunft auch DJs ihre Sets mit gestreamten Tracks spielen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Technik überall vorhanden und der nötige Musikkatalog verfügbar ist. Grundsätzlich finde ich neue Möglichkeiten immer gut und denke, dass das viele DJ-Sets noch interessanter machen wird, da jeder auf einen riesigen Katalog zugreifen und seiner Fantasie freien Lauf lassen kann. Als Label ist es heute schon so, dass die meisten Einnahmen aus dem Streaming-Bereich kommen, also geht da sowieso schon lange alles in diese Richtung. In Bezug auf das Marketing müssen Labels vermutlich in Zukunft etwas umdenken. Bisher waren es die Verkaufscharts eines Downloadportals, an denen sich viele orientiert haben und entsprechend ihre Musik gekauft und/oder lizensiert haben – bald sind es nur noch Playlisten. Alles wird sich vermutlich um Playlisten drehen. Oder dreht sich vielleicht schon jetzt alles um Playlisten? Mir fällt es noch etwas schwer, mich daran zu gewöhnen, da ich aus der Zeit komme, als alles um Vinyl- und CD-Verkäufe ging. Aber ich habe mittlerweile auch schon Gefallen daran gefunden, Tracks in Playlisten zu sortieren. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

 

Aus dem FAZEmag 088/06.2019
Text: Janosch Gebauer