
An einem schwülen Sommertag im Jahre 1999 traf sich eine Crowd von 15.000 extravagant gekleideten Youngstern vor dem Kravay, einem Café, das schon seit den 80ern als eine Brutstätte für Untergrund-Kulturen galt. Von dort aus ravten sie sich in Richtung des Platzes in Sofia, das vom Monument der Sowjetischen Armee überschaut werden kann. Der Marsch wurde zu einem ausgewachsenen Open-Air-Rave.

Diese „Street Parade“ 1999 war eine wahre Feier der Freiheit – der Höhepunkt eines seismischen Jahrzehnts der Veränderung. Das Event fand zehn Jahre nach dem „The Love Festival“ statt, welches eine Kundgebung für Frieden und Einheit, fünf Monate vor dem Fall der Berliner Mauer war. Der Moment 1999 wird als Start der bulgarischen Demokratie erachtet und wie in Berlin zehn Jahre zuvor, lieferte Techno den Soundtrack für diesen Wandel.
„Alles war neu und alles passierte zum ersten Mal. Die Leute konnten sich endlich ausdrücken ohne die Angst überwacht zu werden – Techno bot ihnen diesen Freiraum,“ sagt Vladislav Iliev. Als Experte von Sofias Partyszene, ist Iliev der Gründer von Bulgarian Rave Archive (BRA), einem Projekt, das Fotos, Videos und Interviews der Raveszene in den späten 90ern in Bulgarien bewahrt und digitalisiert. Neben dem Aufzeichnen der Geschichte des Nachtlebens in Sofia, erzählt das Archiv eine wichtige Geschichte über den wackeligen Übergang in die Demokratie.
In erster Linie fokussiert sich das Archiv auf die Zeit von 1999 bis 2001, was als der Zenit der elektronischen Musik-Szene in Bulgarien gilt. Die Plattform für diese Renaissance waren diverse Clubs wie Spartacus, Chervilo, Yalta, Blaze, Fader und natürlich das Indigo. Das Indigo zieht Raver von allen Balkan-Ländern an und das bis zum heutigen Tag. Jede Woche sah man exzentrisch gekleidete Partygänger kommen und gehen, um in Sofia auf den Putz zu hauen.

Aber die Szene beschränkte sich nicht nur auf die Hauptstadt. Partys in Stadien, an Stränden, Plätzen, in Kellern und Garagen fanden im ganzen Land statt. Das Plazma in Plovdiv und das Comix in Varna waren zwei der ausschlaggebenden Dreh- und Angelpunkte der elektronischen Musik-Szene in Bulgarien. DJ Balthazar, der in dieser Periode zu Erfolg kam, sagte das die Energie im Comix mit den Locations in der Hauptstadt „unvergleichlich“ gewesen sei. Der Grundstein wurde von kleinen Clubs und lokalen DJs gelegt, die in kommerziellen Clubs unter der Woche Technopartys organisierten. Der einflussreichste Promoter aber war Metropolis, ein Sprössling von Atomwerk und deren Abkömmlinge Forklift und Uplift, die in ganz Bulgarien Partys organisierten.
Der erste ausländische DJ, der in Sofia spielte, war Marusha, die im März 1998 von Metropolis eingeladen wurde. DJ Steven, ein Resident von Metropolis, gab an, dass diese Party ein Wendepunkt für die dortige Raveszene war und Locals dazu brachte, ihre Fühler weiter auszustrecken. Marusha spielte in ihrer Radioshow bei Radio Fritz Berlin sogar die neuesten bulgarischen Mixes. Es dauerte zwar über ein Jahr bis die Crew vom Metropolis die nächste große Party organisierte, denn sie nahmen in einer aktive Rolle in nationalen Streiks teil und wurden sogar für Shows auf dem Hauptplatz der Proteste in Sofia eingeladen. Es gibt sogar ein Gerücht, dass der Strom für die Party vom neu gewählten Präsidenten Petar Stoyanov, der in der Opposition war, aus dem Regierungsgebäude zur Verfügung gestellt wurde.
Zwischen 1999 und 2001 explodierte die bulgarische Raveszene. Es war üblich, dass internationale DJs während ihren Touren in Bulgarien Halt machten, um dort zu spielen. Als Sven Väth im Jahre 2000 an einem Mittwoch in Sofia spielte, dachte er, dass ein nationaler Feiertag war, weil der Club aus allen Nähten platzte.
Doch schon bevor Techno in seine finale Phase kam, begann der Enthusiasmus ein wenig zu schwinden. Nach drei Jahren voller Frieden, Liebe und Freiheit, gab es einen tragischen Vorfall am Ende 2001. Sieben Teenager starben bei einer Massenpanik im Club Indigo, dem Mecca der Rave Revolution. Es war eine nationale Tragödie, niemand wurde zur Rechenschaft gezogen, aber die Polizei löste in der Zeit danach die meisten Partys auf. Von da an war die Raveszene nicht mehr dieselbe. Aber es war nicht nur dieser Vorfallzurückzuführen. Die Generation, aus der die Szene bestand, wurde schlichtweg erwachsen.
„Wir tendieren dazu, die Vergangenheit zu vergessen. BRA fokussiert sich darauf, die Erinnerung aufzufrischen und eine Verbindung zwischen den Generationen herzustellen,“ sagt Iliev. Er hat im September 2021 eine fachübergreifende Ausstellung mit dem Material aus dem Archiv erstellt. Die atemberaubende Ausstellung mit ihrer immersiven Erfahrung wurde zweifelsfrei positiv von der Öffentlichkeit aufgenommen. Das Hauptaugenmerk lag aber auf der Kontinuität, die zwischen dem Damals und dem Jetzt hergestellt wurde. Studio Phormatik, Bulgarian Rave Archive und natürlich der Kurator Vladzen haben wirklich tolle Arbeit mit dem Projekt geleistet.
Hier das After Movie der Ausstellung:
Das BRA beinhaltet Interviews mit Teilnehmern und DJs, die heutzutage treibende Kräfte in der Szene sind. Laylla Dane war damals eine normale Raverin. Heute ist sie eine anerkannte DJane und Kurator von Wake Up Stran-Jah, einem der aufregendsten Musikfestivals in Bulgarien. Yassen Zgurovski verwandelte sich in Julieta Intergalactica und wurde zu einem Helden des Nachtlebens, einer anerkannten DJane, Performerin und Programm Kurator in der Tell Me Bar in Sofia – mittlerweile einer der aktuell aktivsten Clubs in der Szene. Strahil Velchev erscheint in einem der Videos als junger DJ. Kennt ihr nicht?! Schon mal was von KiNK gehört?!
Wie überall auf der Welt hat Covid nicht zu Gunsten der Partyszene in Bulgarien beigetragen. Aber das geht auch vorbei und vielleicht ist es bis dahin hilfreich in die Vergangenheit von Techno zu sehen, um dann mit voller Power zurückzukehren.
Quelle: BRA, calvertjournal.com
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