Paul Kalkbrenner im exklusiven Interview


Guten Tag Berlin. Interviewtag im Principals-Büro am Alex. Paul Kalkbrenner promotet heute – und nur heute – sein Albumrelease „Guten Tag“. Es ist sein sechstes Künstleralbum, das am 30.11.2012 auf dem eigenen Label PK Musik erscheint. Die erste Auskopplung – „Das Gezabel“ – lief sehr gut, und die Erwartungshaltung an den „Icke Wieder“-Nachfolger ist immens. Nicht nur, weil das Follow-Up zum „Berlin Calling“-Soundtrack mit Gold für 100.000 verkaufte Exemplare ausgezeichnet wurde, sondern auch, weil nahezu jeder Elektronikinteressierte wissen möchte, ob „Guten Tag“ ein zweites „Sky & Sand“ beinhaltet. Nein, tut es nicht. Das vorab. Es klingt jedoch von der ersten bis zur letzten Sekunde wie ein typisches Paul Kalkbrenner-Album, und das sollte seinen zahlreichen Fans doch genügen, oder? Um den ihn ermüdenden Interviewmarathon im Vorfeld einzuschränken, gab es für Journalisten einen sogenanntes EPK – Electronic Press Kit. In diesem Fall handelte es sich um ein Interview, in dem viele Fragen auftauchen, die Kalkbrenner schön häufiger gestellt wurden und deren Beantwortung er überdrüssig geworden ist. Hier die Quintessenz aus dem vorbereiteten Q&A-Spiel, ehe wir mit unserem Interview loslegen.

Paul Kalkbrenner beschreibt sich selbst als jungen Mann aus Berlin, der Technomusik macht und auf großen Bühnen auftritt. Er wurde 1977 in Leipzig geboren, zog recht früh nach Berlin und wuchs im Ost-Stadtteil Lichtenberg auf. Laut seiner Angaben war dies vor dem Mauerfall ein recht beschaulicher Bezirk, nach dem Mauerfall jedoch für Jugendliche ein gefährliches Pflaster. „In Lichtenberg aufzuwachsen, war durch den Mauerfall zweigeteilt. Vor dem Fall war es sehr behütet, weil Ostberlin für die DDR repräsentativ sein sollte. Nach dem Mauerfall gab es dann Neonazis am Bahnhof Lichtenberg, aber auch so Jugendclubs, in denen wir anfingen, Technoplatten aufzulegen. Mitte war Lichtjahre entfernt. Ich kann mich erinnern, dass wir uns bis zu einem bestimmten Alter auch selbst abends nicht nach Friedrichshain getraut haben. Da wurden schnell mal Jacken abgezogen oder gerade neue – vom von Mutti erbettelten Geld gekaufte – Sneaker abgezogen.“ Heute wohnt Paul Kalkbrenner in Mitte.

Denkst du manchmal, dass die Menschen durchdrehen? Du machst nichts anderes als vor einigen Jahren, nur kamen damals 200 Menschen zu deinen Gigs und jetzt kommen 20.000.
Vor zwei, drei Jahren habe ich da öfter drüber nachgedacht. Mittlerweile habe ich mich an den Gedanken gewöhnt. Wenn es etwas angesagt ist, wollen alle daran teilhaben, dabei sein.

Vermisst du manchmal die Atmosphäre in kleinen Clubs, dieses Intime?
Das wird ja auch romantisch verklärt. Wenn ich ehrlich bin: Nein, ich vermisse es nicht, dass jemand direkt vor mir ein Bier auf den Tisch stellt oder mir von vorne auf die Schulter schlägt. Es ist schon gut, dass so etwas nicht mehr passieren kann.

Das heißt, ein wenig Distanz tut gut.
Sie ist unabdingbar, wenn man seinen Job gut machen möchte. Ich lasse auch nicht 70 Personen zu mir auf die Bühne, die mit mir feiern sollen. Die Bühne ist zum arbeiten da. Sie ist mein Arbeitsplatz.

Das Album bietet neben fertig ausgearbeiteten Stücken auch viele Skizzen. Man wünscht sich jedoch, dass sie nicht enden ….
… und es soll auch schade sein, dass die Stücke so kurz sind. Es handelt sich um Etüden, Fingerübungen. Man hat keine Zeit, sich darüber zu ärgern, dass das eine oder andere Stück vorbei ist, weil man sofort durch den nächsten Song gejagt wird. Man kann ja auch nicht alles haben im Leben. Mozart hat auch viele Etüden aufgeschrieben. Kompositionen, die es nicht zur Symphonie geschafft haben und dennoch immer noch aufgeführt werden.

Das Album ist unter Techno einkategorisiert. Mich erinnern die Melodien an frühe Trance-Stücke …
Wenn ich Techno sage, meine ich immer meinen Techno. Es ist schon Techno, aber mein Entwurf – und zu diesem gehören Melodien.

Im Presseinfo zum Album steht selbstbewusst, dass es sich um ein reines Instrumentalalbum handelt. Juckt es nicht gelegentlich in den Fingern, mal wieder eine Vocal-Nummer zu veröffentlichen?
Wir hätten ja jedes Jahr mit Fritz zusammen ein „Sky & Sand“-Follow-Up dahin schmeißen können, aber das wäre halt doof gewesen. Der Track war eine Ausnahme, insofern stört es mich auch nicht, dass immer wieder Leute über das Stück referieren. Man muss akzeptieren, dass es viele Menschen gibt, die mehr mit einem Lied anfangen können, in dem gesungen wird. Aber ich habe auch früher nur ganz wenige Vocals in meinen Produktionen verarbeitet. Und jetzt – nach dem zweiten reinen Instrumentalalbum – dürfte diese Diskussion auch mal aufhören.

Warst du von dem großen Erfolg von „Icke Wieder“ überrascht?
Nein.

Hast du aus Marketingsgesichtspunkten mit dem Erfolg gerechnet oder schlicht, weil das Album so geil ist?
Nein, weil es einfach ein PK-Album ist. „Guten Tag“ ist für mich eine glatte Eins. „Icke Wieder“ eine Zwei minus. Bei „Guten Tag“ hatte ich jetzt die Zeit, wieder in meinem eigenen Fundus herumzuwühlen. Ich konnte in alten Ordnern von mir stöbern und habe aus alten Werken von mir Neues erschaffen. Insofern ist „Guten Tag“ für mich immer wieder Selbstzitat, aber eben auch die Essenz aus vielen Jahren des Musikschaffens. Und es ist fröhlich.

Marketingtechnisch wäre es dann wahrscheinlich klüger gewesen, es im Frühjahr zu veröffentlichen …
Es kommt jetzt raus, aber wie man meine Alben kennt, sind sie ja nicht nach zwei Wochen vom Tisch. Durch die bevorstehende Tour zieht sich auch der Promotionzeitraum in die Länge. Und bald ist ja auch wieder Frühling. Das perfekte Datum für ein Albumrelease gibt es sowieso nicht.

Aus meiner Labelzeit beim Major weiß ich, dass man sich hüten sollte, Ende November/Anfang Dezember ein Dancealbum zu veröffentlichen, weil in diesem Zeitraum die ganzen Weltstars ihre Best-Of- oder Weihnachts-CDs ‚raushauen‘ …
Es wäre natürlich eine super Sache, wenn ich es an solch einem schwierigen Termin wie dem 1. Advent schaffen würde, mit dem Album auf #1 zu charten, aber damit rechne ich nicht. So weiß ich zum Beispiel, dass an diesem Datum auch das neue Album von Peter Maffay in die Läden kommen wird. Aber eine CD ist zu Weihnachten auch ein gern genommenes Geschenk. „Guten Tag“ ist vielleicht nicht so opulent wie „Self“, aber steht in derselben Tradition im Sinne der geschlossenen Erzählung.

Bei der Namensgebung der einzelnen Titel merkt man deinen Hang zum Dadaismus …
Es ist Buchstabensuppe. Es gibt dabei nichts zu verstehen oder hineinzuinterpretieren. Ich hoffe, dass einige Radiomoderatoren diese komischen Namen aussprechen und dabei verzweifeln. Aber ich höre öfter, dass viele zu den Tracktiteln sagen: ‚Das passt aber gut‘, Das hängt damit zusammen, dass jeder Hörer die Stücke anders für sich versteht.

Deine Tour für das kommende Jahr steht. Sie führt dich unter anderem nach Luxemburg, Zürich, Paris, Antwerpen, Amsterdam, Leipzig, oder London. Hast du überhaupt noch die Zeit, stehen zu bleiben und zu realisieren, wo du dich gerade befindest? Oder genießt du jeden Moment so wie er ist, weil du nicht weißt, wie es weiter geht?
Ich sage mir nach jedem Release: ‚Jetzt geht es erst richtig los. Nicht zurückschauen, nach vorne blicken.‘ Ich brauche den Druck, den ich mir ständig selbst mache. Das hat etwas mit mentaler Einstellung gemein. Sieh dir den Ibrahimovic an. Wenn er nicht ständig selbst vor dem Spiegel stünde und sich einredete, dass er der Allergrößte ist, könnte er auch nicht solche Tore schießen (England hat am Vorabend 2:4 in Schweden verloren und Zlatan Ibrahimovic alle vier schwedischen Treffer erzielt).

Hast du ein Ritual, bevor du auf die Bühne trittst?
Ich binde mir die Schuhe fest zu. Die ganze Woche sind sie sehr locker geschnürt, aber vor dem Auftritt werden sie festgezurrt. Dann gibt es auch eine andere Körperspannung.

Aus dem Hobby ist ein Beruf geworden.
Je professioneller man die ganze Sache angeht, desto mehr wird es vom Hobby zum Job. Das ist ganz normal. Dann kann man sich ja andere Hobbys suchen. Es wäre ein Wunder, wenn man sich die Liebe zum Hobby noch nach langer Zeit so bewahren könnte. Man brüht sich selbst unweigerlich ab.

Lässt du Kritik an dich heran?
Welche Kritik?

Kritik, die in irgendwelchen Medien geäußert wird.
Das erfahre ich nicht. Ich lese keine Berichte mehr über mich, seit einigen Jahren nicht mehr. Darum fand ich es auch interessant, die Rezension über Fritz’ Album zu lesen.

Warum liest du nichts mehr über dich? Weil du denkst, dass alle nur Scheiße schreiben?
Das ergab sich einfach so, als mir alles zu doll wurde. Man kann ja wahnsinnig werden, wenn man die Kritik ernst nimmt. Nach der Sache mit Afghanistan zum Beispiel.

Gibt es etwas aus dieser Zeit, dass du retrospektiv betrachtet heute anders machen würdest?
Ich würde nicht mehr so viele Shows spielen. 140 Shows in einem Jahr waren einfach zu viel. Im Rahmen der kommenden Tour spiele ich 50 Shows, das ist überschaubarer. Auch wenn die Organisation und Planung um einiges aufwendiger wird, da die Shows viel größer geworden sind. Viel mehr Shows kann man auch gar nicht spielen, weil es in dieser Größenordnung gar nicht so viele Veranstalter gibt.

Die Hallen werden immer größer. Was verändert sich sonst noch an deinen Auftritten?
An dem Grundgerüst wird sich nichts ändern: Ich spiele live, das Licht spielt live und die Visuals spielen live. Allerdings müssen wir alles auf die größeren Locations ausrichten. Ich möchte ja schon, dass auch die Gäste, die nicht in den ersten 40 Reihen stehen, etwas von den Visuals mitbekommen.

Bist du ein Kontrollfreak und willst alles wissen und absegnen?
Ich will nicht alles wissen, aber ich will die Prozesse kennen. Es ist logisch, dass die Personen, die sich bei mir um Visuals und Licht kümmern, mehr Ahnung von der Materie haben als ich. Sonst könnten sie das Projekt ja nicht nach vorne bringen. Wir führen jedoch Testkonzerte durch und analysieren sie dann später; das Ganze kann man sich in etwa wie eine Videoanalyse nach dem Fußballspiel vorstellen. Wenn bei einem Song das Licht nicht optimal ist, können wir das so nachjustieren.

Du bezeichnest dich selbst als Technokünstler. Techno kommt aus den Clubs. In den Clubs dauert die Nacht auch gerne mal bis 8 Uhr morgens.
Ich weiß, worauf du hinaus willst. Bei einem meiner Konzerte ist um ein Uhr nachts Schluss, das stimmt. Aber es ist auch so, dass viele Leute nicht mehr bis 3:30 Uhr warten wollen, bis der Main Act auftritt. Im E-Werk war es früher so, dass bis drei Uhr nichts los war. Ich kenne viele Personen, die früher ausgehen möchten und denen es reicht, wenn sie Siminia und Pan-Pot und drei Stunden Paul live hören und dann ausgepowered um ein Uhr nach Hause gehen. Viele Leute wollen das: Steilgehen, aber komprimiert. Die Leute gehen auch viel bewusster feiern, als wir es früher gemacht haben. Leute, die am Montagmorgen wieder im Krankenhaus stehen müssen und nicht am Montagmorgen ihren Wochenendrausch ausschlafen können …

Wie viele Filmrollen lehnst du ab?
Nicht eine. Weil keine an mich herangetragen wird. Marcus (sein Manager) weiß genau, was mich nicht interessiert und schirmt das dann ab. Die Antwort wäre sowieso nein, deswegen werde ich damit nicht behelligt.

Weil Marcus mich kennt und weiß, dass ich Nein sagen würde, ist es gut, dass ich jemanden habe, der mir diese Entscheidung abnimmt. Es gibt so viele Sachen, die ich täglich entscheiden muss, und es darf nicht Überhand nehmen.

Das heißt, du würdest jetzt beispielsweise auch ein Angebot von Tom Tyker ablehnen?
Was soll ich damit? Das Einzige, worüber ich gelegentlich nachdenke ist, in ein paar Jahren einen zweiten Teil von „Berlin Calling“ zu drehen. Auf der anderen Seite ist es vielleicht besser, das Ganze als Statement stehen zu lassen und keinen zweiten Teil zu drehen. Aber alle anderen Projekte von Til Schweiger oder so interessieren mich nicht.

Du machst dich ja generell sehr rar, was das Fernsehen betrifft.
Prämisse Nummer 1, um ein gutes Image aufzubauen: Gehe nicht ins Fernsehen. Nicht zum Interview, nicht in Talkshows, nirgendwo hin. Obwohl ich im Fernsehen nicht präsent bin, bin ich dennoch da. Da, aber nicht da, nicht zu sehen. Ich mache meine Musik, spiele Konzerte und gebe ab und zu Interviews. So wie an dem heutigen Tag. Heute ist gesetzlich zugesagter Interviewtag, zu dem ich mich verpflichtet habe. Ich denke jedoch nicht, dass Interviews, die kurz vor dem Release erscheinen, den Erfolg des Produktes beeinflussen, weder zu- noch abträglich sind.

Welche Erwartungshaltung stellst du an das Album?
Ich habe hohe Erwartungen. Platz 1 ist eigentlich nicht zu schaffen. Wenn, ja wenn, dann ist Polen offen. Ich bin von dem Album komplett überzeugt. Und das muss man als Künstler auch sein. Du kannst ja nicht auf das öffentliche Feedback warten, um zu wissen, ob das Produkt gut ist. Das muss dir von vorneherein klar sein. Der Erfolg kam ja auch nicht über Nacht. Die Leute sehen den PK-Sticker und greifen zu. Das habe ich mir lange Jahre erarbeitet. So wie sich Apple das erarbeitet hat, und auch der FC Bayern war nicht von Haus aus der am besten aufgestellte Verein der Bundesliga. Das Gesamtprodukt muss stimmen, und dann funktioniert es auch.

Wie sieht denn das preisliche Niveau der bevorstehenden Tour aus?
Wir bleiben so. Obwohl ich gehört habe, dass David Guetta-Karten mittlerweile 80 EUR kosten und andere Künstler, die ich gut finde, für ein Konzert auf der Waldbühne bei 120 EUR anfangen. Dann sage ich mir, 40 EUR sind absolut okay für ein Paul Kalkbrenner-Konzert. Das ist immer noch ein teures Ticket, keine Frage. Die CD kostet schließlich zehn Euro.

Das Album gibt es übrigens auch noch in einer Deluxe-Version, die neben dem Album noch eine Live-In-Roskilde-CD umfasst. Wieso?
Ganz einfach, es war mit die beste Show der vergangenen Jahre. 18.000 Menschen befanden sich in einem Zelt, und wir hatten die Möglichkeit, das Set mit vier Mikrofonen aufzuzeichnen.

Angenommen, irgendein Paul Kalkbrenner-Album geht an Weihnachten von 0 auf Platz 1 der Charts. Ist das dann der Zeitpunkt für dich, tschüss zu sagen und mit Simina eine Ranch in Kanada zu kaufen?
Ich stehe ja erst am Anfang. Da tritt mein Größenwahn wieder zutage. Noch ist nichts erreicht. Ich hätte große Lust, Pressesprecher beim DFB zu werden, die Nationalmannschaft bei Turnieren zu begleiten.

Und in Bezug auf Musik?
Da gehe ich 2013 auf Tour und mache 2014 ein neues Album. Und dann gehe ich wieder auf Tour.

www.paulkalkbrenner.net

FAZE 010/12.2012