“Peggy Who?” – diese Frage dürfte vor wenigen Jahren beim Aufblitzen ihres Namens noch so manchem durch den Kopf geschossen sein. So auch mir, das war 2015 im Frühjahr, als der kleine Wuppertaler Club Mauke eine Nacht mit Peggy Gou ankündigte. Es war einer von wenigen Gigs im Monat, die sie spielte. Heute, gerade einmal vier Jahre später, kommt man an Peggy Gou nicht mehr vorbei.


Die in Berlin lebende gebürtige Südkoreanerin hat in den letzten zwei bis drei Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und wird als neuer weiblicher Star der elektronischen Musikszene gehandelt. Gerade hat sie ihre Ausgabe der legendären Mix-Reihe DJ-Kicks veröffentlicht – ein früher Ritterschlag für eine Nachwuchs-Produzentin, deren Debütalbum noch aussteht. In ihrer persönlichen Edition, der insgesamt 69. der Mix-Serie aus dem Hause !K7, streift Peggy ohne Genre- und Tempobeschränkungen in 18 Stücken durch ihre eigene musikalische Prägung, ebenso wie durch die Geschichte (elektronischer) Musik überhaupt. Mit dabei: ihr allererster eigener Track „Hungboo“ und Stücke von Künstlern, die sie stark beeinflussten, etwa Aphex Twin und Andrew Weatherall. Nicht vertreten, aber vielleicht entscheidendste Inspirationsquelle: Roman Flügel und sein Album „Fatty Folders“. Als es 2011 rauskommt und Peggy das Album geschenkt bekommt, verändert sich alles. Das ist zu der Zeit, als sie in London Mode studiert. Die Leidenschaft für Mode und Styling bleibt – nicht zu übersehen in Gestalt von Peggys, für die eher düstere Technoszene ungewöhnlichen, farben- und musterfrohen Outfits. Doch ihre Faszination gilt ausschließlich der Musik, erst passiv, dann aktiv. Peggy gräbt sich durch Phonicas Bestände. Auflegen kann sie schon, das lernt sie um 2009 herum bei ihrem damaligen Freund. Das Produzieren folgt nach einer Begegnung mit Produzent Esa Williams. Peggy Gou lernt schnell. Wenn sie einer Sache verfallen sei, gebe es keine Kompromisse, erzählt sie in einem Interview.

Und so bringt sie im Januar 2016 ihre Debüt-EP „The Art of War“ heraus, der „The Art of War Part II“ nachfolgt, beide auf Rekids. Bezeichnend der Name, denn man könnte meinen, Peggy Gou sei auf Eroberungsfeldzug. Sie steckt sich konkrete Ziele – fast mutet es an, als habe sie einen Schlachtplan. Peggy will als erste südkoreanische Künstlerin im Berghain spielen. Wenige Monate nach ihrer ersten EP tut sie es auch. Im selben Jahr noch schießt sie zwei weitere EPs nach: „Day Without Yesterday / Six O Six” auf Phonica White und „Seek for Maktoop“ auf Technicolor. Neben drei anderen EPs produziert sie 2018 unter anderem auch ihre Single „It Makes You Forget (Itgehane)“ für Ninja Tune und greift mit dieser den AIM Award als „Track Of The Year“ ab – und ihre kulturellen Wurzeln auf. Sie singt beziehungsweise spricht auf Koreanisch. Peggy bleibt sich also selbst treu. Nicht nur modisch.
Mittlerweile ist ihr Name überall. In den Medien und in den Line-ups der Clubs rund um den Globus, seien es die Londoner Fabric oder The Block in Tel Aviv, und in jenen der größten und populärsten Festivals, Coachella, Dimensions; Peggy war in diesem Jahr Kuratorin für die Nuit Sonores, spielte das Closing des Primavera Sound Festivals und war – nicht das erste Mal – auf dem Glastonbury Festival. Sie war Gast von Gilles Petersons „World Wide Festival“, jettete zu „Solomun +1“ nach Ibiza, teilte sich ein ums andere Mal beim Welovegreen und Forbidden Fruit Festival die Decks mit keinem Geringeren als Laurent Garnier, um mit ihm anschließend bei einem Glas Wein zu fachsimpeln. Peggy Gou hat Werbeverträge für Mode und Autos, sie hat ihre eigene Modelinie „Kirin“ und mittlerweile auch ihr eigenes Label „Gudu Records“, die im Frühjahr ihre EP „Moments“ hervorbrachte. Auch wenn sie nicht Ärztin geworden ist – wie ihre Eltern, so wie alle asiatischen Eltern, es erwarteten, scherzte Peggy einmal in einem Interview: Peggy ist diszipliniert und zielstrebig. Und dennoch: Beim Auflegen, das ihr so einfach von der Hand zu gehen scheint, ist ihr der Spaß an der Sache anzusehen.

Spaß haben auch ihre Fans, die ihr auf diversen Social-Media-Kanälen digital sowie auch ganz real analog bisweilen weite Strecken zu ihren Sets folgen. Sie gelten als besonders treu, singen nach ihren Sets für Peggy, bringen ihr selbstgestaltetes Peggy-Gou-Merch sowie Giraffen-Gadgets in allen erdenklichen Ausführungen mit – die Giraffe ist Peggys „Spirit Animal“, wie sie sagt. Wie passend, dass Kirin, der Name ihrer Modemarke, auf Koreanisch Giraffe bedeutet. Peggy hält die Connection zu den Fans. Und: Sie zieht ihnen wortwörtlich auch noch die Schuhe aus. Es hat sich etabliert, dass die Crowd die Treter abstreift, in die Hand nimmt und schreit „Peggy Gou. Peggy shoe!“. Wie passend auch hier, dass Gudu, der Name ihres eigenen Labels, auf Koreanisch Schuh bedeutet. Mit Gudu Records will der Shootingstar vermehrt asiatische Musiker fördern, gleich welchen Genres. Denn ihre Herkunft hat Peggy nicht vergessen. Noch die Bodenhaftung: „Das alles fühlt sich an wie ein Traum, aus dem ich nicht aufwachen möchte“, schreibt sie auf Instagram. Muss sie ja auch nicht. „Go, Peggy, go!“

 

Text: Stella Ludwig
Foto: Jonas Lindstroem