
Mit “Opvs Novum: A Requiem Reworked” öffnet Penelope Trappes ihr Album A Requiem erneut – allerdings nicht als klassische Remix-Sammlung, sondern als kollektive Neuerzählung eines Werks, das sich intensiv mit Verlust, Spiritualität und emotionalen Übergangszuständen auseinandersetzt. Gemeinsam mit Künstler:innen wie Saint Etienne, Julia Holter, Gazelle Twin oder Stephen Mallinder erschafft sie eine Version des Albums, die weniger nach persönlicher Verarbeitung klingt, sondern vielmehr nach gemeinschaftlicher Erfahrung. Für Trappes war schnell klar, dass das ursprüngliche Werk noch nicht abgeschlossen war. Während der Tour zu A Requiem habe sie beobachtet, wie sich die Geschichten der Songs mit dem Publikum und der Welt verbunden hätten – insbesondere angesichts der „globalen Trauer“, die durch Krieg, Rassismus und gesellschaftliche Spannungen spürbar geworden sei. Gerade deshalb habe sich das Rework-Projekt wie eine Art „heilender Balsam“ angefühlt.
Dabei ging es ihr nie darum, einfache Neuinterpretationen zu erstellen. Vielmehr interessierte sie, wie andere Künstler:innen das Material emotional lesen und umformen würden. Jede beteiligte Person habe ihren eigenen mentalen Zustand, ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigene kreative Energie in die Stücke eingebracht. Dadurch sei ein Werk entstanden, das laut Trappes sogar noch elegischer und sakraler klinge als das Original. Besonders faszinierend sei für sie gewesen, dass niemand irgendwelchen Erwartungen folgen musste. Genau diese kreative Freiheit habe die Musik so offen und lebendig gemacht. Von Sarahssons Orgelstück bis zu Flora Yin-Wongs dekonstruierten Saitenklängen entstehe dadurch eine Atmosphäre, die sich bewusst jeder klaren Einordnung entziehe.
Obwohl die Gästeliste stilistisch enorm breit gefächert ist, empfindet Trappes die Kombination keineswegs als zufällig. Viele der beteiligten Musiker:innen seien persönliche Freund:innen, die zwar musikalisch aus unterschiedlichen Welten stammen würden, aber ähnliche politische, spirituelle und soziale Ansichten teilen. Genau darin erkennt sie eine Art Mikrokosmos ihrer kreativen Community. Die unterschiedlichen Klangsprachen würden letztlich auch das Chaos des Lebens widerspiegeln. Jeder Beitrag sei eine eigene kleine Welt geworden – ehrlich, divers und offen. Für Trappes ist das Album deshalb vor allem „eine gemeinschaftliche Hingabe“.
Eine besondere Rolle nimmt dabei die Zusammenarbeit mit Saint Etienne ein. Bereits 2012 stand Trappes in einer früheren musikalischen Phase gemeinsam mit der Band im Webster Hall in New York auf der Bühne. Jahre später traf sie Pete Wiggs erneut in Brighton, wo sich eine neue Freundschaft entwickelte. Für sie fühlt sich diese Verbindung wie ein perfekter Kreis an – geprägt von gegenseitigem Respekt und dem seltsamen Gefühl, dass trotz vieler vergangener Jahre keine Zeit vergangen sei. Dass Saint Etienne ausgerechnet „Platinum“ auswählten, empfand sie als vollkommen passend, weil der Song von jenen mystischen Momenten handle, in denen sich unsichtbare Energien bündeln und in etwas Größeres verwandeln.
Die intensive emotionale Tiefe ihrer Musik führt Trappes auch auf ihre eigene Biografie zurück. Das Aufwachsen mit einer schwer kranken Mutter habe ihre Jugend stark von Verlust und antizipierter Trauer geprägt. Diese dauerhafte Unsicherheit habe sie früh in einen „liminalen Zustand“ versetzt – einen emotionalen Zwischenraum, den sie später durch Filme, Musik und Spiritualität weiter erforschte. Dort habe sie eine Welt gefunden, die sich sicher anfühlte. Heute beschreibt sie ihre Kunst als ständige Suche nach Verbindung und innerem Gleichgewicht. „Das Leben ist Kino – und Kino ist Leben“, erklärt sie. Schmerz und emotionale Spannungen seien real, Hoffnung aber ebenso. Gerade in der Reibung zwischen Dunkelheit und Licht liege das größte Potenzial für Wachstum. Wer akzeptiere, nicht zu wissen, was als Nächstes komme, könne sich vom Leben tragen lassen.
Durch Opvs Novum habe sich schließlich auch ihr eigener Blick auf Trauer verändert. Die eigenen Emotionen an ein Kollektiv abzugeben, sei essenziell gewesen. Trauer sei nichts Individuelles, sondern etwas, das alle Menschen miteinander verbindet. Statt Angst, Sorgen oder Schmerz als rein persönliche Last zu begreifen, sehe sie diese Gefühle heute als grundlegenden Bestandteil des Lebens selbst. Genau darin liege letztlich auch die Kraft dieses Albums: in der Erkenntnis, dass selbst die dunkelsten Emotionen gemeinschaftlich getragen werden können.
Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Triple P
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