Das ist der neue Pioneer DJ CDJ-3000


Da ist er also: der Pioneer CDJ-3000 – jener lang ersehnte Media-Player, der wie seine Vorgänger den Clubstandard definieren soll. Eine CD-Einheit besitzt der Neuling nicht mehr; warum auch, denn das träge Medium gilt unter Profi-DJs als eines von gestern. Warum Pioneer die Buchstabenkombination CDJ dennoch beibehält, entbehrt technisch einer gewissen Logik, ist aber aus Marketingsicht verständlich.

Eine über Jahrzehnte gewachsene Produktmarke gibt keine Company gerne auf. Sie ist auch in Richtung Käuferschaft ein Symbol für Zuverlässigkeit und Erfolg, bei der man nicht vergessen darf, welche Widerstände und Vorurteile einst zu überwinden waren. 1994 hätte niemand zu träumen gewagt, dass die CD-Player jenen Hauptplatz in der Kanzel einnehmen könnten, den die analogen Turntables besetzten. Pioneer hat es geschafft, mit technischer Innovation und – wer wollte es bestreiten – geschäftlichem Geschick. Gelernt haben sie, wie unendlich schwer es ist, Profi-DJs und Clubbetreiber in der Breite von technischen Neuerungen zu überzeugen. Wer in die Brandung jemals einen Fels wie den CDJ gesetzt hat, tut gut daran, nicht zu sehr daran zu rütteln. Die Herausforderung ist nicht mehr, einfach alles technisch aktuell Machbare einzupflanzen. Sondern genau in seine Zielgruppe hineinzuhören und die drängendsten Bedürfnisse umzusetzen, ohne dabei einen Feature Shock heraufzubeschwören.

Dass der 3000er durchaus mit alten Traditionen bricht, wird bereits äußerlich erkennbar. Er wirkt wesentlich schlanker als sein Vorgänger, fast wie ein XDJ – was im Wesentlichen eben am fehlenden CD-Laufwerk liegt. Dennoch ist er in der Tiefe um fast vier Zentimeter und in der Breite um fast einen Zentimeter gewachsen, ist dabei aber leichter geworden – wo keine Mechanik, da kein Gewicht. Die Arbeitshöhe ist zum Glück mit den Vorgängern identisch, sodass er stufenlos mit älteren Modellen aufgereiht werden kann. An Übersichtlichkeit hinzugewonnen hat die Bedienoberfläche, denn die Separation zwischen Mittel- und Seitenteilen wurde aufgegeben. Stattdessen steht man einer planen Aluminium-Faceplate gegenüber, die eine angenehme Ruhe ausstrahlt. Sie gibt einige Detail-Veränderungen beim Layout preis. So verdoppelten die Entwickler die Zahl der Hot Cues auf acht und versetzen sie ins Zentrum direkt unter das Display. Eine guter Schachzug, denn dort sind sie mit den Wellenformmarkierungen gemeinsam im Blickfeld. Befürchtete Umstände bei der Bedienung, da man quer über das Jogwheel greifen muss, konnten wir nicht feststellen. Die ursprüngliche Hot-Cue-Sektion auf der linken Flanke wurde mit zwei Beat-Loop-Knöpfen belegt. Damit lassen sich ad hoc vier- oder achttaktige Schleifen abspielen und über den Touch-Screen im Bereich ¼ bis 32 weiter variieren. Direkt darunter ragen als weitere Neuerung zwei kleine Pfeiltasten für die Beat Jumps hervor. Die unterschiedlichen Schrittweiten lassen sich wiederum komfortabel über den Touch-Screen antippen.

Funktionen eingebüßt hat der CDJ-3000 also grundsätzlich keine; ganz im Gegenteil und trotz aufgeräumter Oberfläche. Viele lassen sich nun halt einfach per Touch statt haptischer Regulatoren steuern und wesentlich weiter ausdifferenzieren. Gutes Beispiel sind die Anschieb- und Bremsfunktion für das Jogwheel, die nun virtuell voreingestellt und dann nur noch über einen Poti angepasst werden. Apropos Jogwheel: Die im Durchmesser weiterhin mehr als 20 Zentimeter große Platter-Einheit wurde komplett überarbeitet und sowohl in der Handhabbarkeit als auch Latenz weiter optimiert. Neben der weicheren Führbarkeit und halbierte Latenz trägt sie nun ein hochaufgelöstes, neun Zentimeter großes LCD-Auge im Zentrum, wie es u. a. im DDJ-1000-Controller verbaut ist. Es gibt somit messerscharfe Auskünfte u. a. über die Nadelposition, Cue- und Loop-Punkte, den Abspielmodus (Slip, Vinyl, Sync-Master) und, sofern hinterlegt, das Artwork zum Track. Das Jogwheel lässt sich in seinem Laufverhalten wie zuvor über einen Adjust-Regler bremsen bzw. lösen.

Das hilfreiche In-Wheel-Display ist aber nichts im Vergleich zur Verbesserung, die Pioneer bei seinem Hauptdisplay vollführt. Das muss aufgrund seiner Diagonale von fast 23 cm und Auflösung von 1280 x 720 Pixeln bedenkenlos als Touchscreen denn bloßes Display bezeichnet werden. Multi Touch-Gesten, also beispielsweise das Wellenform-Zooming per Fingerspreizung, sind zwar nicht möglich. Aber schon die einfachen Berührungen heben die Arbeit mit dem CDJ-3000 im Vergleich zum letzten 2000er-Modell auf ein völlig neues Level. Die sofortige Reaktion und hohe Auflösung erlauben nun Aktionen, wie sie vorher unvorstellbar waren. Angefangen beim übersichtlichen Browsen in Slide-Manier bis hin zur sicheren Touch-Bedienung zahlloser Kreativ-Features wie den bereits erwähnten Beat Loops, Beat Jumps oder auch Key Shifts. Besondere Bonbons sind dabei Features wie die gestapelte Wellenform, das Touch Preview sowie Touch Cue. Grundsätzlich erlaubt der CDJ-3000, dass die Wellenformen in drei Frequenzbändern farblich gestaffelt dargestellt werden. Bei Einsatz zweier 3000er ist es nun möglich, die Wellenformen des gespielten und vorgehörten Titel im jeweiligen Masterplayer-Screen gegenüberzustellen, um das Beatmatching optisch zu kontrollieren (= Gestapelte Wellenform). Ist zusätzlich ein Pioneer DJM-900NXS2 oder DJM-V10-Mixer mittels DJ-Link-Anschluss Teil des Set-ups, lassen sich die Titel zudem vorhören, bevor sie geladen wurden. Dazu legt man seinen Finger innerhalb der Browser Tracklist auf die kleinen Vorschauwellenformen, woraufhin man den musikalischen „Prüfpunkt“ über den Vorhörkanal des Kopfhörers geschickt bekommt (= Touch Preview). Selbiges funktioniert in der nächsten Stufe auch beim Aufsuchen eines bestimmten Punktes innerhalb eines laufenden Tracks. Dazu berührt man einfach die verkleinerte Wellenformgesamtübersicht ganz unten im Display. Wiederum getrennt von Master erhält man den abgetasteten Musikpunkt als Kopfhörervorschau (= Touch Cue).

Dank der Möglichkeit, auf zahlreiche Funktionen mittels Touchscreen zuzugreifen, konnte auch der Bildschirmrahmen völlig neu geordnet werden. Hardwareseitig verschwunden ist die komplette linke Seite mit der Musikquellen-Auswahl (Link, USB usw.). Anstelle dessen wurde am oberen Screenrahmen der Auswahlbutton „Source“ hinzugefügt, woraufhin man in das entsprechende Bildschirmmenü gelangt und dort die Quelle per Push-Encoder auswählen kann. Erstmals einen eigenen Hardware-Button zugedacht bekommen hat die Playlist. Hier hat Pioneer offenbar auf den Wunsch zahlreicher DJs reagiert, die ohne Umwege in ihre Titelzusammenstellung gelangen. Gleiches gilt für den neuen „Search“-Button, der unmittelbar ein Fenster mit Bildschirmtastatur für die Titelsuche öffnet.  Die weiteren Hardware-Tasten am oberen Screen-Rahmen sind die bekannten Browse, Tag List und Menu/Utility.

Ein Wort zu den möglichen Datenträgern. Wie gewohnt können oben links jeweils ein USB-Massenmedium (im Regelfall Stick) eingesteckt sowie eine SD-Speicherkarte eingeschoben werden. Ein zusätzlicher USB-Port wäre wünschenswert gewesen, wichtig zu wissen ist aber, dass eine geräteinterne Trackanalyse nach rekordbox-Maßgabe bislang leider nicht stattfindet. Natürlich nimmt auch der Pioneer-Neuling Digitalformate aller Art dankbar an. Darunter neben hoch aufgelöstem MP3 und ACC auch WAV, AIFF, FLAC und Apple Lossless bis hinauf zu 96 kHz/24-bit. Wer jedoch die vielen Kreativfunktionen wie die mehrfarbigen und gestapelten Wellenformen oder das Key Shift auskosten möchte, kommt vorerst weiterhin nicht umhin, die aktuelle rekordbox 6.1-Version herunterzuladen und die Titel hindurchzujagen. Für CDJ-Nutzer ist die Software übrigens mit nahezu allen freischaltbaren Zusatzfunktionen kostenlos nutzbar. In diesem Zusammenhang kann man auch gleich ausprobieren, wie exzellent sich der 3000er als Controller für die rekordbox-DJ-Software schlägt. Darauf gehen wir aus Platzgründen jedoch nicht näher ein, ebenso wenig auf die volle Integration von mobilen Apple-Endgeräten über USB und die iOS-App rekordbox 3.0.

Dass die geräteinterne Analyse irgendwann kommen wird, scheint jedem klar, der eins und eins zusammenzählen kann. Denn der CDJ-3000 wird als entscheidende Neuerung von gleich zwei internen Prozessoren auf Trab gebracht: einen Dual-Core mit 1,5 GHz und einen Quad-Core mit 1,2 GHz Taktung. Die beiden Hochleistungs-CPUs von ARM sorgen dafür, dass der Mediaplayer trotz seiner zahllosen leistungsverschlingenden Funktionen niemals ins Straucheln kommt. Ja, es bleibt sogar immer noch genügend Luft nach oben – will heißen, die Prozessoren kämen locker mit weiteren Operationen klar. Und nun darf jeder seiner Phantasie freien Lauf lassen, welche bislang nicht umgesetzten Features das neben der internen Track-Analyse betreffen könnte. Streaming-Dienste zum Beispiel oder ein Cloud-Zugriff. Beim CDJ-Sound hat Pioneer übrigens schon nachgelegt und ihn durch optimierte Schaltkreise und konsequente 96 kHz/32-Bit-Fließkomma-Verarbeitung verbessert. Die positiven Folgen sind laut Hersteller eine deutliche Reduzierung des digitalen Rauschens sowie Vertiefung des Raumklangs.

So bleibt unter dem Strich ein absolut würdiger Erbe der CDJ-Dynastie, welcher zwar – für Kenner erwartbar – keine Revolution, aber definitiv logische Evolution in der 25-jährigen Geschichte darstellt. Der 3000er ist dort, wo es nötig ist, funktional innovativ, bleibt aber in der Bedienung weiterhin absolut safe. Dieser schwierige Spagat ist dem Hersteller wieder einmal überzeigend gelungen. Sich nicht der bedingungslos der Featuritis hinzugeben, ist vielleicht auch eine Kunst – auch wenn sich Pioneer diese mit 2.400 EUR zweifellos gut bezahlen lässt. Nicht außer Acht lassen darf man dabei, dass das Gerät CPU-technisch bestens für eine lange Zukunft gerüstet ist. Einiges von dem, was die japanische Konkurrenz bereits bietet, wird bestimmt als Update nachgereicht. So ist das mit Felsen in der Brandung. Hin und wieder muss man sie von Algen befreien, damit ihre Pracht wieder zum Vorschein kommt – letztendlich bleiben sie aber unverrückbar. Ob sich das Kürzel CDJ tatsächlich so weit von seiner ursprünglichen Bedeutung gelöst hat, dass man es als Marke noch über den 3000er hinaus weiterführen kann, wird sich jetzt ebenfalls zeigen. Akai hatte es mit seinem kultigen MPC ja bekanntlich einfacher – der Dreier wurde geschickt vom MIDI zum Music Production Center umdefiniert.

www.pioneerdj.com