xenbel_07.2014
Planet Xenbel von Xenia Beliayeva
Buch mich – Teil 2


Wir sind letzen Monat beim Thema Netzwerk stehen geblieben. Netzwerk, Kollektiv, Kontakte, Vitamin B. Was genau passiert nun, wenn man zu einem vermutlich besseren Netzwerk wechselt?

Hier muss zwischen etablierten Künstlern und Newcomern differenziert werden. Die etablierten Künstler können direkt anknüpfen, weil sie in der Regel von einer soliden Agentur zur anderen gehen und einen Grundstock an Veranstaltern haben, die sie regelmäßig – unabhängig davon, bei welcher Agentur sie sind – buchen. Da verändert sich in erster Instanz nicht viel, außer dem Ansprechpartner. Für diese Kandidaten ist der Mehrwert wichtig. „Kann die neue Agentur mich besser voranbringen als die alte? Erweitere ich mit deren Kontakten und Geschäftspolitik meine Zielgruppe? Glänze ich im Kontext derer Headliner besser? Spiele ich in Zukunft in den Clubs/bei den Veranstaltungen, bei denen ich spielen will?“ Wenn das erfüllt wird, kann der Künstler sich freuen. In der Realität ist es aber oftmals so, dass der Künstler mit seinem alten Booker im Unreinen und unzufrieden mit der Leistung ist oder einfach Veränderung braucht. On Top kommen noch Ego und selektive Wahrnehmung. Oft rutscht der Künstler dann vom Regen in die Traufe, weil letztendlich nicht die Agentur, das Label oder sonst wer, sondern der Künstler selbst für den größten Teil seines Erfolges verantwortlich ist.
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Als ich früher Pressepromotion gemacht habe, hatten wir Promoter einen „Running Gag“. Lief das Album gut und konnte flächendeckend Presse vorgewiesen werden, war des Pressepromoters Arbeit schön. War die Resonanz eher mau, auch wenn wir uns den Arsch aufgerissen haben, wurde zum nächsten Album die Agentur gewechselt. Der Pressepromoter war schuld und hat seinen Job schlecht gemacht. Die Musik und das Produkt wurden vom Künstler selten in Frage gestellt. Hat der Künstler mit dem nächsten Album zufällig den Zeitgeist getroffen und die Pressepromotion lief besser, konnte die neue Agentur das Lob einstecken. Am Ende sind die Verteiler von Bookern und Pressepromotern von der Anzahl der Ansprechpartner her identisch. Das variiert hier und da, aber gut gepflegte Verteiler sind fast deckungsgleich. Es geht hauptsächlich um das Verkaufstalent und den Draht vom Verkäufer zum Käufer. Das Verkaufstalent darf gerne angekreidet werden, wenn das Produkt stimmig ist. Allerdings muss man im Auge behalten, dass ein Booker verschiedene Rollen hat und kein Marktschreier ist. Noch ein Aal und noch ein Aal und eine Makrele oben drauf ist nicht die Hauptfunktion eines guten Agenten. Ein Booker ist ein Mittelsmann zwischen den einzelnen Parteien und verbringt viel Zeit mit der Durchführung bürokratischer und legislativer Abläufe. Dazu gehören u.a Gagenverhandlungen, das Aufsetzen und Verwalten von Verträgen, Visa-Beschaffung, Zahlungen kontrollieren, Flug- und Hotelbuchungen und zu guter Letzt das Erstellen des Riders. Das erfordert Organisationstalent und Verantwortungsbewusstsein, damit der Künstler sicher zu seinem Gig reisen kann, vom Flughafen abgeholt wird und nicht bei einem Freund vom Veranstalter auf der Couch schläft oder im den Club kommt, wo anstelle von zwei Pioneer CDJ 2000 und einem Xone irgendwelche asiatischen Plagiate stehen. Man sollte Booker nicht mit Magiern verwechseln und muss seine eigenen Leistungen kritisch hinterfragen. Denn auch ein Booker kann nur mit dem arbeiten, was er vom Künstler und Label bekommt. Ein Booker ist nicht für das Image und Marketing verantwortlich, sondern für dessen Verkauf. Das wird vom Künstler gerne mal verwechselt. Klar schmerzt es, wenn die eigenen Platten nicht mehr so gut laufen oder man gerade weit davon entfernt ist, angesagt zu sein. An der Stelle muss man schauen, wie man mit seinem Booker, Label und Manager einen gemeinsamen Weg auf den richtigen Pfad findet, anstelle von A nach B zu hüpfen und den Booker dafür verantwortlich zu machen, dass man zu wenig Gigs hat. Denn gute Musik ist heute leider nicht mehr zwingend das Hauptkriterium, nach dem gebucht wird und was Veranstalter primär interessiert.

Wir halten Netzwerk weiter fest, nächsten Monat dann, wie ein Newcomer davon profitieren kann und nach welchen Kriterien Veranstalter Künstler buchen.

Eure Xenbel

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