Planet Xenbel
von Xenia Beliayeva
Thema: German Psycho, Twitter, Kunstfigur & Social Media

German Psycho und ich essen regelmäßig bei Köz Urfa zu Mittag. Einserseits, weil es unserer Meinung nach der beste Türke in Hamburg und andererseits, weil es dort lustig ist. „Das Geheimnis unseres Erfolgs ist die Entschlossenheit jedes Einzelnen in unserer Mannschaft.“ Fakten, mit denen man Hackfleischspieße kaum besser bewerben kann. Seit 2003 ist Köz Urfa der anatolischen Tradition am Altonaer Bahnhof verpflichtet. Dasselbe Jahr, als German Psycho bei einem großen amerikanischen Softwarekonzern arbeitete. Seine tägliche Arbeit bestand vor allem aus Langeweile. Und während er zum dritten Mal Bret Easton Ellis’ Meisterwerk „American Psycho“ las, reifte in ihm der Entschluss: „Bloggen könnt‘ er auch ma‘!“ Natürlich fiel ihm kein gescheiter Name für sein Blog ein, also nannte er sich German Psycho – zumindest so lange, bis er einen richtigen Namen gefunden hätte.

Sein erstes Blog befasste sich damit, seinen Büroalltag zu beschreiben. In all der Tristesse, die er hergab, musste er kurzerhand dazu übergehen, sein Faible für Herrenmode einzubringen. Wenn er sich über Vorgesetzte oder Kollegen ärgerte, hat er sie in seinem Blog virtuell brutal ermordet und ich habe sehr gelacht. Anfangs las das damals noch kaum irgendjemand. Erst als er nach und nach in anderen Blogs kommentierte, wuchs seine Leserschaft. Die Figur des German Psycho begann zu verschwimmen: Während er zunächst eine reine Kunstfigur schaffen wollte, die zutiefst gestört und unsympathisch ist, mischten sich erfundene Geschichten um ein koksendes, gelangweiltes Arschloch, das ständig Menschen tötet, mit ernsthaften politischen Aufsätzen, weil er ab und an einfach Lust hatte, mit ein paar intelligenten Menschen zu diskutieren.

Interessanterweise war nämlich genau das seine Leserschaft: Blogschreiber, aber auch Menschen, die wirklich nur kommentierten, mit denen es sich ganz hervorragend und unaufgeregt diskutieren ließ. Eines Tages wurde er von diesen Lesern auf die Schanze geschleppt, abgefüllt und musste versprechen, einen Twitter-Account zu eröffnen. Wenn man die Figur des German Psychos kennt, dann vor allem von diesem Account. Was aber machte dieses Profil ohne Gesicht und Publikationen so „erfolgreich“? Zunächst einmal: Keine Strategie. Es gibt keinerlei Strategie, wie dieser Account geführt wird. Eine Strategie haben DJs auch nicht. Flughafen, Club, neue Platte, Charts. Ganz beliebt der „Awesome-Party-Tweet“ mit Foto vom Publikum oder Retweets von Fans. German Psycho wiederholt sich im Kern auch, aber auf eine amüsante Art und Weise. Er schreibt, was ihm einfällt: dumme Sprüche, Kalauer, Andeutungen von Serienmorden, die er begann oder begehen wird. Sätze zum Thema Alkohol- und Drogenmissbrauch, wobei er beides sehr zelebriert und niemals negativ darstellt.
Er macht so ziemlich alles falsch, wenn man sich die Lehrsätze von Social Media-Beratern und Promotern durchliest: Er bricht Unterhaltungen ab, ohne es zu begründen (bspw. weil er aufs Klo oder zu einer Besprechung muss); er postet wenige Links, aktuelle Nachrichten gibts bei ihm auch nicht – stattdessen platzt zwischen zwei Champagner-und-Koks-Tweets dann auch gern mal eine Diskussion über PS2-Spiele oder Filme.

Sicher in Bezug auf Erfolg bei Twitter sind wir nur in einem Punkt: „Hören Sie nie, nie, niemals auf einen Berater, der Ihnen erklärt, wie es geht. Aber wenn Sie mit Spaß dabei sind, werden sich Menschen finden, die ähnlich denken wie Sie. Und sei es nur, weil sich Ihr Humor deckt. Und: Vergessen Sie Twitter für berufliche Zwecke. Dafür gibt es andere Netzwerke.“

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