Xenbel_Novemer2013
Planet Xenbel von Xenia Beliayeva
Kleiner Waldschrat


Ich bin ein sehr treuer Mensch. Hat man oder es mein Herz einmal gewonnen, bleiben wir lange Freunde und das in vielen Hinsichten. Ich spiele Stücke, die mir gefallen, sehr oft in meinen Sets, habe bisher nur drei Beziehungen gehabt und so lange bei der Lado Musik GmbH gearbeitet, bis Carol von Rautenkranz die Firma stilllegte.

Meine 20er habe ich mehr oder weniger damit verbracht, DJ zu werden, Pressepromotion für wegweisende Labels zu machen, sowie Assistenz für Charlotte von Goltermann und später A&R für Ladomat 2000 zu sein. Ich habe die Lado Musik GmbH über alles geliebt und tue es heute noch. Würde es die Firma noch geben, ich würde sofort an meinen klobigen Holzschreibtisch zurückkehren und DJ-Feedbackbögen malen. Die Firma war ein Dach für viele Projekte, aber – grob gesagt – in zwei Labels und einen Verlag unterteilt: Einmal L’Age d’Or für die rockigen Themen wie Tocotronic, Superpunk, Kolossale Jugend etc., und Ladomat 2000 für die elektronischen Sachen, wie Whirlpool Productions, Sensorama, Egoexpress usw. Falls jemand gar nicht weiß, wovon ich hier rede, summe ich kurz: „From disco to disco, town across town, everybody is trying to get down, ahaaaaaa …!“ Ich schweige jetzt mal darüber, welche kulturelle Bedeutung diese Firma hat, dass sie den Begriff „Hamburger Schule“ prägte und Labels wie Playhouse, Ongaku & Klang Ende der 90er den Weg ebnete.

tocotronic_xenIch drifte ab, es geht um den Waldschrat. Irgendwann hat mir Thies Mynther – begnadeter Produzent und Musiker, den ich in meinem Kopf als den Octoman betitele, weil er immer in unzähligen Projekten seine Finger drin hat – eine Kassette geschenkt. Ich solle nicht immer nur Clubmusik, sondern auch ein bisschen Kraut- und Punkrock hören. Auf der Kassette war ein Lied, das ich nicht mochte, aber der Text hat sich eingebrannt. Es ging um Marburg und den Waldschrat. Ich habe gerade versucht, das Lied zu googeln, aber es ist hoffnungslos. Die Prägnanz ist so ähnlich wie Ina Müllers „Bye, bye Arschgeweih, ich geb’ dich zum Lasern frei!“. So etwas bleibt einfach hängen oder nennt sich „guter Chorus“. Als Russin wusste ich natürlich nicht, was ein Waldschrat ist, und so riss ich beim Chef die Tür auf und fragte: „Carol, was bitte ist ein Waldschrat, ich bilde mich gerade in Kraut- und Punkrock weiter!?“ Carol, der gerade wichtige Verträge durchlas und aus Idealismus Zehntausende von D-Mark in eine Band stecken wollte, die wir alle scheiße fanden, guckte mich verwirrt an und bat mich, ihm erstmal einen Milchkaffee zu machen, bevor er mir erklärt, was ein Waldschrat ist. Ich habe Carol oft und gern einen Milchkaffee gemacht. Ich fand es eine liebe Geste, dem Chef einen Kaffee auf den Tisch zu stellen, wenn er morgens gehetzt ins Büro kam. Dieses Mal habe ich ihm den schönsten Kaffee ever gemacht, den Schaum ganz fest geschlagen und etwas Kakao oben drauf gestreut. Ich war traurig, als Carol mir sagte, dass es den Waldschrat gar nicht gibt. Das konnte ich so nicht stehen lassen und beschloss, bei nächster Gelegenheit persönlich nachzuforschen.

Diese ergab sich, als ich zur Techno Beat Addiction aka TBA nach Marburg eingeladen wurde. Marburg, dort soll er schließlich leben, der Waldschrat, zumindest laut des Punkrocksongs auf meiner alten Kassette. Auf der Party selbst ließ er sich dann aber nicht blicken. Dafür traf ich Cari Lekebusch und Phil Fuldner. Beide kamen zwei Stunden vor ihrer Playtime zum Venue und haben gute Laune versprüht. Phil hat sich mir vorgestellt und fragte, was für eine geile Nummer ich gerade spiele (Claire Ripley – „Make Or Break“ im Patrick Chardronnet Remix/ Audiomatique), und auch Cari hat schon groovend und kopfnickend den Laden betreten. Natürlich muss Phil sich nicht vorstellen, ich weiß auch so wer er ist, aber der Mann ist gut erzogen und sympathisch im Vergleich zu irgendwelchen Sprösslingen, die mal gar nichts zu melden haben und die Nase schon ganz schön hoch tragen. Kurz, ich war ich erfreut darüber, wie adrett und „down to earth“ Herr Fuldner ist. Nach meinem Set schaute ich bei Phil auf dem House Floor vorbei und muss zu meiner eigenen Überraschung gestehen, dass er ganz coole Musik spielt, wenn man von den trompeten- und saxophonlastigen Nummern absieht, aber da kam ich noch nie drauf klar, egal wer sie spielt.

Cari ist Cari. Er hat drei CDJs gelinkt, gefrickelt und gefrickelt. Eine Bassline hier, eine Trommel da, mixt sehr schnell und macht aus Stücken, die er mag, seine eigenen Edits. Es hat Spaß gemacht, ihm zuzusehen. Ich habe mich gestern gefragt, was wohl Thomas Krone macht, und warum Adam Beyer von dem Stockholmer Dreigestirn so steil gegangen ist und nicht Cari. Gut, das ist jetzt eine subjektive Sache, und ich muss zum Ende kommen. Fest steht, dass Phil und Cari mit dem Waldschrat nichts gemein haben, der zumindest kein Partygänger ist und ich mit der Ungewissheit wohl weiter leben muss. Es war dennoch eine schöne Nacht in Marburg, in der ich ein längst vergessenes Getränk wiederentdeckte.

In diesem Sinne, Genever Ahoi! In fünf Minuten fahre ich in Altona ein und schalte meinen Laptop jetzt aus.

Das Xeni

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Aus dem Heft #021/11.2013