Planet Xenbel von Xenia Beliayeva: Ping Pong mit Funk D’Void 1:1


Nachdem ich letzen Monat mit dem iPhone aufgehört habe, greife ich es noch mal kurz auf. Lars mag sein iPhone nämlich nicht mehr, und er tut dem Gerät unrecht. Es kann nichts dafür, dass Lars letztes Jahr mit einem A380 auf einem Quantas-Flug in Singapur notgelandet ist und den halben Tag damit verbracht hat, den Massenmedien zu erklären, wie glücklich er ist, am Leben zu sein. Über die folgende Telefonrechnung war er nicht mehr so glücklich und beschloss, das iPhone mit einem Baseballschläger zu zertrümmern.

Lars war immer so etwas wie der Mr. Gadget in seiner Nachbarschaft. Ein professioneller Studio-Nerd in einem schallgeschützten Kokon. Der Fußboden, wie Spaghetti voll mit Kabeln, altem Equipment, Knöpfen und Keyboards. Vor kurzer Zeit hat er sein Studio nach Hause verlegt, die meisten Geräte verkauft und produziert seitdem digital über Kopfhörer. Es ist eine andere Art zu arbeiten, und er passt sich noch an. Die Kopfhörer geben eine unwirkliche Dynamik in seine Produktionen und er vermisst sie, wenn er seine Stücke über die Monitore hört. Er vermisst auch seine Keyboards, aber er ist glücklich mit dem Resultat. Abgesehen von seiner chronischen Faulheit, wenn es darum geht, neue Stücke zu produzieren, ist fast alles im Lot.

Es macht ihm seit seiner Kindheit Angst, so etwas wie einen „Fünf-Jahres-Plan“ zu haben, und so geht es den meisten von uns. Wir haben alle Pläne und Ideen, an denen wir arbeiten, und sei es nur in unserem Kopf. Unterhalte ich mich mit befreundeten DJs, stelle ich fest, dass sich die Mehrheit unsicher fühlt – und das ist ein Teil des Problems. Wir sind nicht in der Lage, weit in die Zukunft zu schauen. Der Druck in diesem Geschäft zu arbeiten, ist schon groß genug. Besonders für diejenigen, die unsere Clubkultur von Beginn an mitgestaltet haben. Diese Produzenten hatten früher Releases mit mehr als 4.000 verkauften Platten, Lizenzen, Compilations und 140 Gigs im Jahr. Davon konnte man gut leben. Heute muss man sich neu orientieren und positionieren. Hat man sich mit der Zeit entwickelt, wuchs man Stück für Stück weiter und kann jetzt ruhig schlafen. Was ist aber mit jenen, die sich nicht entwickelt haben oder den Zeitgeist nicht mehr treffen? Newcomer können sie ja schließlich nicht mehr werden.

Die Gruppe ist zwiespältig. Da ist einmal die humorvolle Fraktion und die der Verbitterten. Die Verbitterten schauen gerne zurück, finden nichts spannend genug produziert, haben immer was zu nörgeln und gleichzeitig denken sie, sie könnten es besser. Eigentlich sind es direkte Verwandte der Techno-Polizei, die in meinen Augen nur in den seltensten Fällen eine Chance auf Anschluss haben. Sie haben vielleicht noch ein paar „angesagte“ Freunde, die versuchen, sie mitzuziehen, und wo der A&R auch mal ein nicht so hunderprozentiges Release auf Grund der langen Beziehung veröffentlicht. Aber am Ende des Tages stehen die Alarmzeichen auf Rot. Hier kann nur die Einstellung im Kopf geändert werden. Schlechtes Karma ist halt schlecht für alle, und irgendwann reißen die Geduldsfäden, bis der Künstler ohne Netzwerk dasteht – was heutzutage einer Beerdigung gleichkommt.

Die Humorvollen sind sympathisch. Sie mögen Musik zu sehr, um ihre Zeit damit zu verbringen, für schlechte Stücke Werbung zu machen. Folgerichtig sitzen diese Produzenten weiterhin im Studio und machen was sie lieben: Musik. Wenn es mal finanziell nicht rund läuft, verdienen sie ihr Geld auch anderweitig, ohne gleich Gott und die Welt für ihren Misserfolg verantwortlich zu machen. Mit solchen Menschen ist man gerne zusammen. Sie bereichern einen und können hilfreiche Tipps geben.

Musik ist wie eine lange Ehe. Es ist schwer, die Leidenschaft immer auf dem gleichen Level zu halten, sonst bekommt man einen Herzinfarkt. Auch ist es normal, Phasen zu haben, in denen man wenig Musik mag und kaum neue Stücke in seine Kiste aufnimmt. Dann, auf einmal, ist man wieder ganz besessen und verliebt und produziert Sachen, auf die man stolz ist. Wir haben alle noch viel zu geben und können einiges fordern und erwarten, aber bitte mit Humor.
Wir lieben unsere Musik doch sehr – oder?

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