Platten des Monats – Februar 2026 – Singles & EPs

Singles & EPs – Platte des Monats

Amotik
Raat EP (Delsin)
Mit „Raat“ nutzt Amotik seine erste Solo-EP auf Delsin, um seinen sonst so klar umrissenen Techno-Ansatz zu öffnen. Die Tracks bleiben funktional genug für den Club, tragen aber deutlich mehr Atmosphäre und emotionale Tiefe in sich, als man es aus seinem sonst eher tool-orientierten Output kennt. Wie ich finde, passt diese neue Balance ziemlich gut zum Delsin-Kosmos zwischen introspektiver Electronica und knackiger Dancefloor-Ästhetik. „Subah“ verbindet säuerliche Bleeps und trockene Drums mit schwebenden Synth-Flächen, die dem Track eine fast träumerische Qualität verleihen. Der Titeltrack „Raat“ geht reduzierter vor und setzt auf eine melancholische, leicht klagende Elektronik, die weniger antreibt, sondern viel Raum öffnet. Gleichzeitig bleibt Amotik aber seiner Herkunft treu: „Din“ arbeitet mit einem leicht taumelnden Groove und fein dosierten Filterbewegungen, während „Shaam“ mit pulsierendem Rhythmus und klarer Struktur wieder näher an seinen bekannten Signature-Sound herangerückt. Sehr empfehlenswert. 10 Laenkford

Singles & EPs – Top Ten

Andre Kronert
Synthetic Reality (Odd Even / MOF) -v –
Mit „Synthetic Reality“ kehrt Matter-of-Fact-Cheffe Andre Kronert auf sein eigenes Label Odd Even zurück und hat für uns seinen Signature Sound im Gepäck: Dub Techno mit strenger Reduktion, präzise gebauten Grooves und klarem Fokus auf Rhythmus und räumliche Tiefe. Die EP wirkt hier wie aus einem Guss, klingt clever arrangiert und gleichzeitig erstaunlich körperlich mit viel Wucht. Der Titeltrack entwirft gemeinsam mit „Echo Chamber“ eine dichte, leicht paranoide Grundstimmung, in der perkussiver Drive und Hypnosis ineinandergreifen. Auf der B-Seite verschiebt Kronert den Fokus dann noch stärker auf räumliche Wahrnehmung. „Ctrl“ arbeitet mit kontrollierter Spannung und minimalen Eingriffen, während „Ctrl Dub“ das Ganze weiter ausdünnt und die Deepness betont. Get lost in Sound with Kronert. Top. 9 Laenkford

Chicane & Larse
Offshore (Armada Music)

Mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung kehrt Chicane zu einem seiner prägendsten Tracks zurück. Seine Anhänger müssen sich aber keine Sorgen machen, dass ihr Klassiker zwecks Zeitgeists irgendwo zwischen Melodic Techno, Afro-House oder schlimmer, verunstaltet wurde. Ganz im Gegenteil. Die Neuinterpretation des balearischen Trance-Hits verzichtet bewusst auf maximale Dramatik oder TikTok-Vibe und setzt stattdessen auf Atmosphäre und Zurückhaltung. Wie schon das Original lädt auch die neue Version mit Chicanes deutschem Kollegen Larse dazu ein, sich für ein paar Minuten ins Tagträumen zu verlieren. Ein sanfter Groove, warme progressive Strukturen und zurückgenommene Melodien entfalten sich langsam und verleihen dem Track eine entspannte Dynamik, die besonders für Sonnenuntergänge und ruhige Clubmomente ausgelegt ist. 08/10 scharsigo

DEFEX feat. MANIAC
Zaxndi / Remixes (Poker Flat)

Vor einigen Wochen hatte ich bereits die Ehre mir das Original mit seinem wilden Mix aus roher House Music und kreativen bayerisch-englischem Rap anzuhören. Als wäre das nicht genug folgen nun mal eben neue Interpretationen von niemand Geringerem als den beiden deutschen Elektronik-Ikonen Moonbootica sowie Kollektiv Turmstrasse. Gemeinsam mit Defex verwandeln KoweSix und Tobitob in einen kraftvollen Clubtrack, der funky durch die Boxen stampft. Hier steckt sehr viel Energie der 00er Jahre drin, samt Groove mit French-Touch. Kollektiv Turmstrasse verleihen dem Ganzen einer eher deepe Note. Doch auch hier bleiben wir im Club. Zwar wirkt alles etwas hypnotischer im Aufbau, doch im Vordergrund dürfen auch rhythmische Drums und verspielte Synth-Effekte herumtanzen. Insgesamt also einmal in your face und einmal um dein Faze herum – macht Spaß! 09/10 scharsigo

Echonomist
Dominator (Habitat)
Der Grieche ist zurück mit einem sensationellen 5-Tracker, der sein Gefühl für Spannung, Druck, Groove und analogen Charakter bestens auslotet. Der Titeltrack macht von Beginn an klar, wo der Hase langläuft: Heftige Energie, treibende Drums, Sirensynthies – das mündet alles in eine Detroit-like Atmo – geiler Track, der den Geist der Anfänge in Europa Anfang der 90er perfekt transportiert. Der „Modulator“ pulsiert und oszilliert die Bassline mit ratternden Percussionbreaks – sehr energetisch! Rohe Industriedrums, dubby Chords und drückende Kicks pumpen „Use Your Illusions“ auf. Als Zugabe gibt es zwei Remix der Titelstücks: Einmal Fangos Mix, der spacig mit rhythmischer Dichte treibt. Zum anderen Toto Chiavetta; er funkt elektrogeladen eine atmosphärische Stimmung mit einem ultrafetten Groove – zweitbester Titel dieser sehr überzeugenden Platte! 9 Cars10.Becker

HABBEN
Memories (A Friend In Need)
Einen echten Volltreffer liefert uns diese Köln-Leipzig-Connection auf A Friend In Need. Der Kölner HABBEN eröffnet den 2026er-Katalog auf dem Leipziger Imprint mit seiner „Memories“-EP und vier bockstarken House-Tunes zum Grooven. Der I’m-In-Love-Gründer lässt seine Maschinen auf Hochtouren laufen und entführt die Hörer auf eine pulsierende Reise mit dubbigen Synths, wavigen Basslines und üppigen Pads. Zwischendurch kommen auch mal Jazz-Gitarre und Piano durch, die HABBEN mit ausladenden Echos und weiteren Effekten versetzt und gekonnt in Szene setzt. Eine absolut clubtaugliche Scheibe im Spektrum von Deep-, Dub- und Minimal-House. Knaller! 10 Laenkford

Klaudia Gawlas
Memory Reset (Illusion)
Harter Stoff fürs Wochenende, welcher uns von unserem Aushängeschild für Techno Made In Bavaria kredenzt wird. Mit “Memory Reset“ gibt uns die gebürtige Polin Klaudia Gawlas ordentlich Zündstoff für den Floor, denn mit dieser Nummer wird der Meute ordentlich Feuer unterm Hintern gemacht. Ein kraftvoller und energischer Beat walzt voran und zieht einen mächtigen Sägezahn-Synth mit sich, welcher die Nummer durchweg dominiert. Stumpf und rau tobt das Teil von der ersten bis zur letzten Sekunde und verliert selbst in den Breaks nicht an Dampf. Die Elemente sitzen und geben der Nummer einen grandios düsteren und industriellen Touch. Keine Chance still zu stehen – Mit dem bereits zwölften Release auf ihrem eigenen Label bleibt sich Klaudia selbst treu und präsentiert ihren Hörern ein weiteres Stück puren Techno. So g’hert’s! 9 Michael S

Michael Mayer
Speicher 137 (Kompakt Extra)
Neues Material vom Kompakt-Honcho Michael Mayer – die ersten Tracks nach seinem 2024er Album „The Floor is Lava“. Das Motto gilt allerdings auch hier noch, denn Mayer treibt uns unmissverständlich auf ebendiesen. „Don’t Sync With My Tag“ ist ein pumpender, schnaufender und knarzender Kracher im klassischen Speicher/Kompakt-Style, serviert mit kleinen Sound-, Fanfaren- und Frickel-Häppchen. „Cry Me A Raver“ räumt von Anfang an ab, keine Gefangenen und packt dann das kleine Synth-Besteck aus – Schaffel-Feeling inklusive. „It Isn’t What It Isn’t“ plöckert hingegen anmutig percussiv-esque im Antilopengalopp los, bevor die kleine Dampflok Fahrt aufnimmt. Herrlich! Alle drei! 9 Dieter Horny

Nicolas Masseyeff
Taian (Diversions)
Auf Diversions holt uns der Franzose mal so richtig amtlich ab. Das Titelstück groovt massiv und profund, schiebt den Tänzer gekonnt über die Fläche und entfacht einen Dialog zwischen Groove, Tiefe und künstlerischer Zuversicht (incl. Trompeteninterlude). Das ist alles deep ge-rooted in einer rhythmischen wie melodischen Essenz und gilt ebenso für „Harunohi“, das etwas mehr funky swingt und eine Spur housiger und intensiver kickt – ganz, ganz groß!!! 10 Carsten Becker

Sempra
Look To The Sun EP (Hardcore Energy)
Ich kann es nicht anders sagen: Ich habe seit einiger Zeit einen heftigen Crash mit Hardcore Energy. Das Label bringt den Sound der frühen 90er zurück: Irgendwo zwischen 140 und 174 BPM, irgendwo zwischen Hardcore, Breaks und Jungle, irgendwo zwischen augenzwinkernder Reminiszenz und positiv konnotierter Nostalgie trifft das Label einen Nerv bei vermutlich jedem, der oder die in den 90s mit elektronischer Musik made in UK sozialisiert wurde. Sempra setzt mit seiner aktuellen EP an exakt dieser Stelle an und sorgt über vier Tracks für glänzende Augen und lächelnde Gesichter. 10 points Feindsoul

Various Artists
Artist Series 02 (Alt/Dub)
Der Großmeister des modernen Dub Technos, Federsen, hat seine Basis kürzlich zurück nach UK verlegt, wo er sein analoges Hexenwerk nun unter anderem im beeindruckenden Devon Analogue Studio verrichtet. Für die zweite Edition seiner „Artist Series“ auf Alt/Dub hält er aber erstmal die Finger still und heißt Forward Memory, Thomas and James, Gradient und Bepu willkommen, die mich mit ihren Beiträgen absolut verzücken! Forward Memory legt los mit „Scholz’s Star“ (Olaf?). Die Nummer schleicht sich mit organischen Percussions und wuchtigen Low-Ends langsam voran, ehe sich toll modulierte Synth-Grooves und Pads dazugesellen und im Zusammenspiel mit ever-evolving Texturen zu einem Meisterwerk der Repetition verschmelzen. Es folgt mit „Chosen Colour“ von Thomas and James aus Glasgow eine von Beginn an verträumtere Nummer mit stompy Kicks, ausufernden kosmischen Flächen und saftigen Subs. Auf der Flip legt der langjährige Dub-Techno-Künstler Gradient Hand an und schickt mit „Vibes Realm“ seinen Signature Sound mit schimmernden Dub Stabs und einem aufs Nötigste reduzierten Gewand ins Rennen. Classic. Zum Abschluss darf dann Beppu ran, der uns „Conversions“ präsentiert und auf 144BPM ins Experimentelle abdriftet. Verworrene Dub Echoes, knisternde Atmosphären und gebrochene Rhythmen markieren das Finale dieser fabulösen Platte. 10 Laenkford


Aus dem FAZEmag 168/02.2026