Platten des Monats – Juni 2026 – Singles & EPs

Singles & EPs – Platte des Monats

Mark Broom
Touch EP (Rekids)
Nach der Showtime EP in 2024 paart der UK Houseaktivist an dieser Stelle nostalgische Disco House Vocals mit jackendem Beat. Kommt schräg und gut, auch getriggert durch die gewollten, leicht schiefen Synthies. Und bereitet damit den Boden für das fast ähnlich klingende „Eyes“, das mit einem geloopten Vocalsample arbeitet und Feel-Good-Dancefloor-Atmo kreiert. Doch dann folgt die Flip: Sensationell groovender, sehr robuster Dub-Techno der Extraklasse, der euch komplett aus den Angeln hebt – Mörderteil! Mit Sounds der Marke Relief aus Mitte der 90er performt Mark noch mal eben eine hart-hitting Drumline inmitten von Stroboskobgewitter. Wegen des dritten, sensationellen Megatitels volle Punktzahl. 10 Cars10.Becker

Singles & EPs – Top Ten

Cv313, Federsen
Altering Dimensions Part Two (Alt/Dub)
Bei einem neuen Federsen-Release reibe ich mir jedes Mal kräftig die Hände, denn der Dub-Meister zählt bereits seit vielen Jahren zu meinen absoluten Lieblingskünstlern. Für den zweiten Part der „Altering Dimensions“-Reihe holt er sich nun Verstärkung aus Detroit ins Boot. Genauer gesagt in Form von Stephen Hitchell, Teil des Projekts Echospace. Zusammen servieren uns die beiden vier Deep-Space-Nummern aus dem Analog-Baukasten mit niemals endenden Modulationen, rauschenden Dub-Sounds einem hypnotischen Groove, der sich seinen Weg durch viele feinakzentuierte Sub-Layer bahnt. Das Ganze tunkt man nun noch in eine Mixtur aus endlos geschichteten Reverbs und Delays und erhält schließlich eine famose Platte im Kosmos von Minimal und Dub Techno. Grandios. 10 Laenkford

Extrawelt
Bettermaker EP (Traum Schallplatten)
Extrawelt kehren mit der „Bettermaker EP“ zum Kölner Label Traum Schallplatten zurück und präsentieren damit drei neue Tracks. Los geht es mit „Moonster“, ein mysteriöser Ausflug zwischen technoid und minimal, sehr lebendig und immer mit kleinen Haken versehen. Der Titeltrack „Bettermaker“ ist ein hypnotischer Lauf, pulsierend, perkussiv und voller Magie. „Popcorn Forever“ hingegen ist verspielt, offen, subtil und aufgeregt und geht damit nochmal in eine ganz andere Richtung, ohne aber die Extrawelt-DNA außen vor zu lassen. 9 Tech Guardiola

Giuliano Lomonte
The Jungle (Hashplant)
Eine gehörige Portion reduzierter Minimal-Ästhetik liefert uns der Italiener Giuliano Lomonete auf dem Mailänder Hashplant-Imprint. „The Jungle“ eröffnet trocken und rollend, kleine Hintergrundgeräusche und dezente Texturen sorgen für Atmosphäre. „Sensations“ gerät anschließend deutlich verspielter. Shuffle-Hats, elastische Rhythmik und ständig wandernde kleine Soundfragmente halten den Track permanent in Bewegung und lassen die Nummer ein psychedelisches Eigenleben entwickeln, das den Hörer in den Bann zieht. Mit „Authenticity“ wird es zum Schluss nochmal reduzierter und deeper, bleibt dem Anstrich der Platte aber treu. Sehr stark. 10 Laenkford

HK aka Kolter
(Hannes Kolter Releases)
Bereits mit dem ersten Release auf dem eigenen Label setzt sich Hannes ein Denkmal: House in Reinform, wunderbar, formschön, ästhetisch erfrischend wie eine Brise in der schwülen Sommerluft. „Uniform“ wird durch die Chordsequenz getragen, läuft deep, locker und unbeschwert – die südländischen Vocals bekräftigen den außergewöhnlichen Vibe. Auf in den Club Mitte der 00er, als Mr. V und DJ Spen die Housefloors dominierten – hier setzt Monsieur Kolter mit „The Girl Of Your Dreams“ an, bringt eine unentwegt marschierende, undulierende Chordsequenz zum Einsatz, legt das Piano darüber und lässt uns subtil an seiner jazzy-easy House-Party (natürlich mit Sax-Einsatz) teilhaben – mehr als gekonnt und an die Genialität eines St- Germain heranreichend!!! Kool & The Gang etablierten in den 70ern mit „Summer Madness“ einen schwitzigen Slo Mo Klassiker – diese Hintergründe finden sich elegant groovend und beruhigen auch im Background von „First Summer“ wieder, dazu das gesprochene Zitat aus War Of The Worlds von Orson Wells – Mega! Ein Geniestreich! Lockerer Tanzspaß gegen Ende („Open Your Eyes“) mit Piano und Trompeten Einsatz, der auch als Inkognito Klon durchgehen könnte. Perfekte Platte, die in jeden guten anspruchsvollen und unterhaltsamen Houseplattenkoffer gehört. Danke für dieses außergewöhnliche Genussmittel! 10 Cars10.Becker

J.Garcia
DTM009 (DTM)
Die Detroit Techno Militia ist zurück: Mit Nummer 009 drücken 137bpm und massive Claps auf uns ein („Disorder“) – das Teil rockt massiv in Industriehallen etc. Da gönn ich mir doch lieber das gemäßigter erscheinende „Backsliding“ auf der Flip: Dubbiges Donnern mit marschierenden Hämmern wie im Pink Floyd Film „The Wall“ – Top! Und schließlich crusht trockenes, blubberndes Understatement mit kreativen Klängen die Location („Boiling Point“). Extrem geile Technoscheibe, die eine Stunde Gym-Workout ersetzt. 10 Cars10.Becker

Notre Dame
No Rules EP (Diynamic)
From defiance to chaos to self expression` will Notre Dame die drei Tracks seiner neuen Single auf Diynamic verstehen. Emotionen einfangen, die den Moment in der Kindheit widerspiegeln, an dem Regeln optional werden. Los geht es mit „No Rules“, in dem sich die Synthies auf einem 90`s angehauchten Electrotechno Arrangement langsam aufbauen und im Break von einem (vermutlich) Kinderchor unterstützen lassen, was nach dem Drop perfekt harmoniert und mir eine wilde Gänsehaut verpasst. In „Troublemakers“ kommen dagegen fette Beats, zusammen mit einer mächtigen Bassline auf sehr funky und tanzbare Art und werden von wilden Kindervocals angefeuert. Zum Schluss kommt mit „Watch Me“ ein furztrockener Electrotechno-Beat, der dank organischer Percussions housig klingt, ebenfalls von forschen Vocals angeschoben wird und darüber spannende Synthies laufen lässt. Alle drei Tracks sind wahnsinnig gut produziert, bringen die Grundidee von Notre Dame perfekt rüber und versetzen den, der sich darauf einlässt, auch ein paar Jahre in die Vergangenheit zurück. 10Rusty

PACT
The Edge (Labo T)
Normalerweise bin ich ja ein Freund der groovenden Acid-Nummern oder Synth-Arpeggios auf 130 BPM. Erstaunlicherweise ist die große Stärke dieses Tracks aber sein melodischer Mittelteil, der sich in eine Electro-House-Hymne entlädt. Progressiv genug, um keine typische EDM-Nummer zu sein. Der von Joachim Pastor, Joris Delacroix und Teho komponierte Track verbindet emotionale Tiefe mit clubtauglicher Energie. Das Label selbst nennt das „melancholische Melodic-Techno-Atmosphäre“ und tatsächlich trifft das den Kern. „The Edge“ besitzt ordentlich Energie, kombiniert hypnotische Grooves, strukturierte Synth-Ebenen und eine kraftvolle rhythmische Struktur und wirkt in all diesen Mixturen umso einnehmender. 8 scharsigo

Pheek & Kike Mayor
Salida EP (Morsecode 004 / MOF)
Ich plädiere hiermit dafür, dass man sich Platten, Tracks, 12Inches mehrfach und in verschiedener Lautstärke zu Gemüte führt. Als ich die vorliegende, in grünem, hellleuchtendem Vinyl daherkommende EP das erste Mal durchgeskippt habe, fand ich die Platte eher lame. Aber nach dem vierten Hören hat sich vor allem bei dem Track „La Salida“ auf B1 ein unerwarteter Sommerhit-Kandidat offenbart. Minimal-House mit subtil und dennoch unwiderstehlich-sommerlichen Einschüben und einem klasse Groove. Auch wenn das Attribut ‚Ibiza-Nummer‘ zu oft benutzt werden mag, hier passt es. Die übrigen drei Tracks sind ebenfalls absolut spielbare und solide Minimal Ware, aber B1 ist echt ein Knaller. Darum für B1 9 Punkte svenman

Various Artists
Together Never Lonely Vol. 1 (Any Second Now 003)
Das von mir hoch geschätzte Label von Marcel ‚Zcelli Forever‘ Schulz mit Release Nummer Drei. Dieses Mal gibt es eine Vier-Track-EP mit einer Produktion von Stephan Zovsky auf A1, dem grandiosen „Dizko“ von Marcel auf A2 und zwei Stücken von Dennis Reich auf der Flip. Wie schon bei den ersten beiden Katalognummern ist auch hier der Hang zu Melodien keine Schande. „Healing“ von dem Mann aus Mecklenburg ist zurecht auf A1 platziert. Nach einem recht minimalen Beginn nähert sich bei 01:30 die Melodie an, die im Laufe der weiteren vier Minuten ihre ganze Schönheit entfacht und jeden Tänzer dazu zwingt, die Hände gen Himmel zu strecken. Was ein Track! „Dizko“ vom Labelhoncho ist für mich eine kleine Überraschung, aber eine schöne. Hier ist der Titel Programm, wobei die female Vocals eventuell Geschmacksache sein könnten. Ich habe meine Dizko Pumps herausgeholt und denke an Studio 54. Auf der Flip hat Dennis Reich zwei Stücke Zeit, die Hörer zu überzeugen. Ich vermute bei ihm eine klassische Musikausbildung, denn „February Rising“ könnte auch Freunden von Nils Frahm gefallen. „Ember“ auf B2 gefällt mir aufgrund der Vocals leider überhaupt nicht, aber Drei von Vier sind keine schlechte Quote. 8 points svenman

Das Releasedatum von Together Never Lonely Vol. 1 steht noch nicht fest.

Tm Shuffle, Monoder, Tapani Rinne
Soulful Dubs 03 (Soulful Dubs)
„Es ist drin, was draufsteht“ lautet eine im Kern äußerst banale Devise, die mitunter hochgradig zufriedenstellen kann. So geschehen bei dieser feinen Scheibe aus dem House Soulful Dubs, dessen Name hier Programm ist. Das finnische Trio aus Tm Shuffle, Monoder und Tapani Rinne führt uns eine zeitlose 4-Track-EP zu Gemüte und setzt dabei in gewohnter Manier auf sanfte Dub-Chords, großzügige Atmosphären, detaillierte Texturen und hypnotische Grooves, die es sich im warmen Schoß der Low-Ends gemütlich machen. Auf relaxtem 124-BPM-Kurs schippern wir langsam in Richtung Sonnen-auf-bzw-untergang, wo uns die „Vänka 6/4 Version“ zu „Karpon Träkki“ mit Halfbeat-Feeling bereits mit offenen Armen erwartet. Großartig! 10 Laenkford


Aus dem FAZEmag 172/06.2026