Alben & Compilations – Platte des Monats
Various Artists
25 Years Cocoon Recordings – Volume One (Cocoon Recordings)
Das geschichtsträchtige Frankfurter Label um Sven Väth blickt mit dem brandaktuellen ersten Teil eines zweibändigen Jubiläumsprojekts auf seine 25-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Konzeptionell greift man auf etablierte Weggefährten zurück, nimmt aber auch junge Künstler ins Auge. Insgesamt 15 exklusive Produktionen, verpackt in ein wertiges Vinyl-LP-Box-Set, formen eine gelungene Mixtur aus House und Techno, sehr tanzbar und streckenweise von einem subtilen melancholischen Vibe geprägt. Jonathan Kaspar eröffnet die Compilation gewissermaßen schwermütig mit einem guten Opener. Robag Wruhme treibt mit einem prägnanten Bassmuster weiter an, lässt den Hörer aber im letzten Drittel auch zur Ruhe kommen, wenn seichtere Töne angeschlagen werden und gebetsartige Chöre das Stück schwebend ausklingen lassen. „Neverland“ stößt mit seinen satten Drums regelrecht die Hüfte an und komplettiert die erste Platte wunderbar mit schimmernden Soft-Pads. Nachdem „Straight Tripping“ lediglich so vor sich hin tänzelt, brennt sich auf der zweiten Platte „Self Acceptance“ von Josh Wink mit seinem klassischen 909-Groove und manifestierenden Vocals nachhaltig ins Gedächtnis – stark! Weitere Highlights kommen von Altmeister Dino Lenny, der sich den heimkehrenden Segelbooten auf dem Chicago River widmet, sowie dem Hamburger Duo Extrawelt, dessen „Mindwear“ wunderbar den Schalter auf Techno umlegt: hypnotisch, trocken und unkompliziert geradeaus. Möglicherweise das Stück der Platte. Der in Barcelona ansässige Fedele lässt das Werk schlussendlich mit „Zommerfest 25“ retrospektiv ausklingen. Allumfassend eine äußerst wertige Veröffentlichung, bei der man sich den zweiten Teil schon jetzt herbeisehnt. 10 Master J
Alben & Compilations – Top Ten
Dominik Eulberg
Lepidoptera (!K7 Records)
Der Westerwälder DJ, Producer und Autor und Ökologe Dominik Eulberg veröffentlicht sein drittes Album auf !K7 Records. „Lepidoptera“ ist der wissenschaftliche Name für Schmetterlinge, die zwölf Tracks auf dem Longplayer sind nach jeweils sechs heimischen Tag- und Nachtfaltern benannt. Das aufwendig gestaltete Cover präsentiert die Schmetterlinge in all ihren Lebensstadien und bietet ausführliche Informationen dazu. Hier als Empfehlung das Album digital nicht nur digital anhören, sondern CD oder Vinyl erwerben. Musikalisch bietet Dominik Eulberg wieder seinen minimalistisch angesetzten Signature-Sound, der schön frickelig herumtuckert, abfährt, ausholt, den Horizont erobert, durchstartet, pulsiert, abwartet, aufsprudelt, schwebt. Er baut hier einen feinen Spannungsbogen auf, erhöht das Tempo, changiert zwischen gebrochenen Beats und Viervierteltakt, bevor es dann wieder Richtung Sonnenuntergang geht und hinterlässt vor allem Spuren mit seinen Tracks. 10 Pop Guardiola
Efdemin
Poly (Ostgut Ton)
Im Grunde ist dieses Album eine ganze Clubnacht. Nach einigen Jahren Pause gibt es endlich mal wieder ein Album von Efdemin. Von sphärischem, verspieltem Sound wie im Titelstück „Poly“ über intellektuellen Bigroom-Techno beim Track „Aachen“ oder das eskalierende „Radical Hope“ oder das mäandernde „Irrlicht“ mit nachhaltiger Bassdrum. Phillip Sollmann präsentiert hier die intelligente Zukunftsvision des Techno: vibrierend, tiefgründig, frei von allen Konventionen. Nicht gemacht für Earpods, sondern für Soundsystems oder gar für freie Felder. Jeder Ton zählt. Und niemals die Bassdrum vergessen! 9 Dirk Domin
Frivolous
Meteorology (Chippy Chasers)
Mit „Meteorology“ kehrt eines der eigenwilligsten Alben der Minimal- und Microhouse-Ära zurück. Daniel Gardners 2011er LP erscheint nun als remasterte Doppelvinyl auf Chippy Chasers – neu sortiert und klanglich geschärft. Schon damals fiel das Album durch seine Mischung aus techy Verspieltheit, jazzigen Fragmenten und einem Hang zur Absurdität aus dem Rahmen. Entstanden während eines emotionalen Rückzugs auf eine abgelegene Insel, changiert „Meteorology“ zwischen skurriler Leichtigkeit und tiefer Melancholie. Stücke wie „Lunar Phaser“ oder „Cinemascopique“ zeigen Gardner auf dem Höhepunkt seiner Detailverliebtheit – fernab gängiger Clubformate, aber voller Eigenleben. Seine Vocals hingegen polarisieren: Während sie in „Red Tide“ mit rauer Textur und treibenden Breaks überzeugen, stören sie in „Back into the Deep“ eher den Flow. Auch klanglich pendelt das Album zwischen cleverem Eklektizismus und gelegentlicher Überladung – etwa bei „Cryin’“ oder „Ostalgia“. Doch genau darin liegt der Reiz: „Meteorology“ will nicht gefallen, sondern erzählen. Eine eigenständige Reissue, die nach wie vor herausfordert – und genau deshalb relevant bleibt. Ein grandioses Stück. 10 Laenkford
Klangkarussell
Petrichor (Bias Beach Records)
Von den insgesamt 13 Tracks wurden im Laufe des Jahres bereits ganze sieben Stück vorveröffentlicht. Darunter tummeln sich Features mit Blazey, Bloom Twins, Oliva, Redward Martin, Senes, Elmar und Marieme sowie gleich mehrere Tracks mit GIVVEN. Vom gefühlvollen Sprechgesang, der in die Ambient-Pop-Nummer „Truth Begins“ einleitet, über das sphärische „The Tide“, der EDM-Melodic-House-Titeltrack, die entspannte Disco-Nummer „Cross The Border“ bis zur Afro-Single „Holy Father“ – vor allem positive Vibes sind es, die das Album umgeben. „Sun Went Down, Sky Went Dark“, „Aduna“ und „Afterglow“ bringen das passende Strandbar-Feeling mit. Meine vier Highlights sind allerdings die Synth-Pop-Nummer „Ride It“, das funky-clubbige „Believe It“, das dunklere Deep-House-Brett „Not Just About Sex“ und das etwas experimentellere und treibendere „Roads of Gold“. Ein zweiter Sonnentanz fehlt, was aber niemand braucht, wenn ein Album derart homogen daherkommt. 09/10 scharsigo
Lomond Campbell
Transmission Loss (One Little Independet Records)
Mit „Transmission Loss“ erschafft Lomond Campbell ein faszinierendes Klangexperiment zwischen Körper und Maschine. „Atrium“ pulsiert mit beklemmender Intensität, ein dichter Rhythmus aus Herzschlag und Hallräumen. „Ternary I–III“ entfalten sich wie lebende Organismen – zunächst klar und rhythmisch, dann zunehmend entrückt, bis sie in sphärische Drones übergehen. „Malverse“ und „Felling Dogs“ bringen die physischeren Momente des Albums, in denen verzerrte Tiefen und maschinelle Pulse das organische Grundmotiv erweitern. „Outermost“ schließlich schwebt fast reglos durch eine geisterhafte Stille. Campbell verwandelt biophysische Daten in Kunst und verleiht ihnen poetische Tiefe. „Transmission Loss“ ist kein gewöhnliches Ambient-Werk, sondern eine hypnotische, emotionale Studie über Rhythmus, Raum und Leben selbst. Keine leichte Kost, aber umso faszinierender. 08/10 scharsigo
Luna Ludmila
Brighter Days (Berg Audio)
Mit „Lighter Days“ legt die in Utrecht beheimatete Produzentin Luna Ludmila ihr erstes Album auf dem großartigen Berg Audio vor – und bleibt dabei ihrer Handschrift treu: warme Pads, fließende Texturen und ein Dub-Sounddesign, das gleichermaßen meditativ wie funktional wirkt. Doch die LP geht noch einen Schritt weiter, erweitert ihr Klangspektrum und lotet neue Zwischenräume zwischen Ambient, Deep und Dub Techno aus. Der Einstieg mit „Breathe“ und „Human Error“ ist sanft, fast schwerelos – schwebende Flächen, dezente Percussions und ein ruhiger, tiefer Puls, der sich langsam verdichtet. Mit dem „Lighter Days (Deep Mix)“ erreicht das Album seinen Kern: ein hypnotischer Club-Track, getragen von subtiler Modulation und viel Raum im Mix. „Coin Toss“ und „Subtle Attraction“ folgen dieser Linie, verdichten sich geduldig und entfalten ihre Energie erst im Detail. In „Nyx“ und „Balcony Dub“ klingt schließlich eine deutliche Hommage an die Berliner Dub-Tradition durch, versetzt mit eigenen Nuancen und einer eindeutigen Luna-Ludmila-Handschrift. Tolles Album. 10 Laenkford
SOHN
Albadas (adaptpivotmove)
Der gebürtige Londoner Produzent und Komponist SOHN begibt sich mit seinem neuen Longplayer „Albadas“ in neue Gefilde und veröffentlicht erstmals in seiner Karriere ein instrumentales Album, was zugleich auch den Start einer neuen Serie markiert. In einer Phase, in der SOHN meinte, dass angesichts der Nachrichtenlage Worte und Lieder irgendwie unangebracht seien und er große Mühe hatte, seine Emotionen auf eine Weise auszudrücken, begann er zu improvisieren und seine Emotionen mit einer morgendlichen Session im eigenen Studio inmitten der bewaldeten Region Garraf südlich von Barcelona festzuhalten. Und so beschreibt auch jeder Track einen bestimmten Morgen, die alle eint, dass Melodie, Stimmung und Klangtexturen im Vordergrund stehen. Es sind Ambient-geladene Sound-Landschaften, die SOHN hier präsentiert, die zwischen Synth-Flächen, plätschernden Fragmenten, knisternder Spannung, Drone-Ausflügen und Keyboard-Sequenzen – fragil, zärtlich. poetisch und charaktervoll. 9 Tech Guardiola
Soulwax
All Systems Are Lying (Deewee/Because Music)
Die legendäre belgische Combo Soulwax ist zurück mit einem neuen Album. Kern des Projekts, die beiden aus Ghent stammenden Brüder Stephen and David Dewaele, Iggor Cavalera, Blake Davies und Aurora Bennett. Mit „All Systems Are Lying“ wollten die Brüder ein „Rockalbum ohne elektrische Gitarren“ abliefern, was definitiv gelungen ist. Dieser Rock-Spirit zieht sich durchs ganze Album, aber es sprühen hier definitiv so viele elektronische Funken, dass auch jeder Techno-Fan begeistert die Hände in die Höhe wirft – das beste aus zwei Welten. Druckvoll verspielt und wirbeln hier die Synthies, Keys, Vocals und Drums durch die Luft, dass man hier kaum Luft holen kann und eindrucksvoll umarmt wird. 9 Tech Guardiola
Techno Club Vol. 76
Anna Reusch & Talla 2XLC (ZYX)
Die neue Ausgabe der beliebten Techno Club-Compilation hält tatsächlich eine relativ überraschende Kollabo bereit. Denn auch wenn es ab und zu in der Vergangenheit technoide Ausreißer gab, waren die meisten Mix-Partner von Gründer Talla 2XLC doch eher im Trance-Segment zu verorten. Bei Nummer 76 liefert nun Anna Reusch einen grandiosen Techno-Mix ab. Hierzu vermixt sie – neben einigen eigenen Produktionen – Stücke von u.a. T78, Thomas Schumacher oder Adam Beyer & Julian Jeweil. Wer es aber traditionell etwas tranciger mag, wird mit CD1 vom Meister selbst beglückt, der abseits von vielen Talla-Hits auch Platz lässt für Tracks von beispielsweise Armin van Buuren, Cold Blue, Allen Watts Markus Schulz oder Alex M.O.R.P.H.. Wie immer ein Kauftipp. 10 points trancer
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TomWax & Mijk van Dijk
From XS to Eternity (Phuture Wax)
Der futuristische Titeltrack startet mit Electro-Breaks und baut auf progressive Weise Spannung auf, ohne einen Drop zu liefern. Witzigerweise liefert diesen dann „Drop Bottom“, eine hallende Mischung aus Industrial Techno und Bass House. Mit „Böse Gefährlich“ knallt dann das erste Highlight aus Peaktime und Acid-Techno durch die Boxen. „Bang The Bass“ macht anschließend über sieben Minuten wonach es klingt. „We Know We Are Old Skool“, „Echoes Of Tomorrow“ oder „Painted Love“ lassen es danach mit jeder Menge Druck grooven und treiben. Erst die beiden Imperative „Release Your Passion“ und „Disrupt Yourself“ gehen zurück in den Bunker und lassen es etwas deeper und roher angehen. Während „PoundThing“ und „The Dial“ schon fast eher als Tech House durchgehen, landen wir mit „Eightball“ bei einer richtig soliden Minimal-Nummer und verabschieden uns mit „From Eternity to XS“ wieder mit Breaks, als wäre eine Tür wieder geschlossen worden. Wilder Ritt. 08/10 scharsigo
Das komplette Album erscheint am 21. November.
Aus dem FAZEmag 165/11.2025