Platten des Monats – November 2025 – Singles & EPs

Singles & EPs – Platte des Monats

Alexander Kowalski, Eddie Hale
Berlin Sessions I (Denude)
Mit „Berlin Sessions“ startet Denude eine neue Kollaborationsreihe – und das gleich mit einem Duo, das perfekt zusammenpasst: Alexander Kowalski, seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Berliner Technoszene, und der Australier Eddie Hale, bekannt für seinen druckvollen, melodischen Sound. Gemeinsam haben sie in Kowalskis Damage Studios drei Tracks produziert, die klassische Berliner DNA mit einer frischen, internationalen Note verbinden. „Fernwärme“ eröffnet das Release mit weiten Pads, tiefem Groove und einer feinen, fast filmischen Spannung – ein Track, der Wärme ausstrahlt, ohne an Energie zu verlieren. „Echoes Between Concrete Plates“ wirkt kühler und technischer, mit präzisem Sounddesign, metallischen Texturen und einem rollenden Drive. Niemand Geringeres als Steve Rachmad rundet die EP schließlich mit einem Remix von „Fernwärme“ ab, der das Original aufbricht und mit arpeggierten Synths in lichte Höhen führt. Zum Schluss sorgt „Signal“ für einen ruhigen Ausklang. Von diesem Projekt darf man sich in Zukunft weitere Banger erhoffen. 10 Laenkford

Singles & EPs – Top Ten

Cadeu
Bass Oddity (Safe & Sound Lab)

Der in Berlin ansässige Produzent meldet sich mit einer dreiteiligen EP zurück, die wie ein futuristisches London klingt. Nicht wegen britischer Akzente, sondern weil „Bass Oddity“ mühelos zwischen Drum & Bass, experimentellen Club-Strukturen und feinen R&B-Nuancen balanciert. „Melt“ überzeugt mit dezentem Liquid Drum & Bass und gefühlvollen Vocals. Mit „npnc“ begeben wir uns dann noch weiter ins experimentelle Terrain: Druckvolle, rollende Basslines entfalten sich in komplexen rhythmischen Verschiebungen, mechanisch und doch organisch im Charakter. Den Abschluss setzt „Know U“. Basierend auf einem Vocal-Sample aus einer früheren Zusammenarbeit mit Veronica Maximova wird das Tempo hier gedrosselt, während das Gewicht auf tiefen Subbässen bleibt und feine R&B- sowie House-Einflüsse eingewoben werden. Stark! 08/10 scharsigo

Cora Novoa
Ancient Rites (Void+1)
Schillernd, modern und vielseitig – Das beschreibt die Spanierin Cora Novoa wohl am Besten. Mit ihrem Release Ancient Rites zelebriert sie ihr Debüt auf Scalameriyas und Slavicas Void+1, welches unter anderem Künstler wie Perc, Tensal oder auch Exium listet. Kräftige Kicks und jede Menge Zerstörung – “New Romantic“ startet brachial und zerschmettert das Trommelfell schon im ersten Takt. Die hellen Synths fügen sich wunderbar ins Gesamtkonstrukt ein. “Economy Of Attention“ bringt einen enormen Acid-Bass ins Spiel. Die Vocals kommen düster und passen wie Faust aufs Auge. Absolut geiles Teil! Mit “Birmingham“ legt Cora noch eine Schippe drauf. Zügig und energisch donnert die Nummer dahin und walzt auf ihrem Weg alles nieder. Wahrlich schwer, hier die Füße still zu halten – Genau mein Geschmack! Der Titeltrack “Ancient Rites“ bildet das Schlusslicht. Nicht ganz so flott wie zuvor kommt die Nummer aber nicht weniger düster und brachial. Zu Beginn in gewisser Hinsicht noch zögerlich, entfaltet die Nummer nach dem Break ihre volle Energie. Der Synth verleiht dem Track enorm Charakter und dürfte im Club für ein mächtiges Beben sorgen. Richtig dickes Brett. Das ganze Paket ist schlichtweg grandios und mein absolut heißer Tipp für Euch! 10 Michael S

Cosmic Gate
Perspectives Part 2 (Wake Your Mind Records)

Mit „Perspectives Part 2“ beweisen Cosmic Gate erneut, dass sie ihr Sounddesign meisterhaft weiterentwickeln. „YOU“ zieht mit sphärischen Flächen, treibendem Groove und hypnotischem Gesang sofort in den Bann – eine perfekte Balance aus Emotion und Energie. „Heaven Knows“ mit RYVM & Marlene baut darauf auf, verbindet eine markante Bassline mit ätherischen Chören und entfaltet eine dichte, clubtaugliche Atmosphäre. Der bereits bekannte Track „Never Erase You“ mit Diana Miro glänzt durch gefühlvolle Vocals und tiefgehende Progressive-Trance-Ästhetik, die direkt ins Herz zielt. Diese EP zeigt Cosmic Gate in absoluter Topform – reif, kraftvoll und voller Gefühl. Ein weiterer Beweis, dass sie den modernen Trance-Sound prägen wie kaum ein anderes Duo. 08/10 scharsigo

Defex Feat. Maniac
Zaxndi (Poker Flat)

Die Geschichte dieses kleinen House-Bangers begann, als Defex einen instrumentalen Track an Steve Bug schickte – die treibende Bassline brachte ihm bereits den Arbeitstitel „Zaxndi“ ein, was im bayerischen Slang ungefähr „was zum Teufel“ bedeutet. Der neue Track von Defex punktet mit einer sehr coolen groovenden Bassline, die ein bisschen an Disclosure erinnert. Vielleicht auch wegen der dazu schwingenden Hats. Zwischendurch gibt’s mini-dystopisches Pausen, verspielte Effekte im Hintergrund – und vor allem die oldschooligen Hip-Hop-Vocals vom bayrischen Rapper MANIAC, verfolgt von einer dezent-summenden Synthlinie. Das Accapella gibts exklusiv nur auf Bandcamp – inkl. des netten Wortspiels „Mia san ausschlaggemd wia a Allergie.“ 08/10 scharsigo

Droughtwerk
Children (Droughtwerk / Matter of Fact)
Mit dem gleichnamigen Label hat sich das ursprüngliche Berliner Duo Droughtwerk einen Namen gemacht und schießt nun die Katalognummer 004 mit dem Namen “Children“ raus. Der Titeltrack präsentiert sich kraftvoll und energisch. Der im Vordergrund sitzende Synth nutzt den Raum komplett für sich und wird lediglich im Break von einer kurzen Vocal-Einlage unterbrochen. Im Nachgang kommt “Inhale“ druckvoll und deep. Die Nummer macht richtig Laune und punktet vor Allem durch den drückenden Beat und der paralysierenden Tapete. Richtig gutes Teil! Auf der B-Seite wird es mit “Mishap Shadow“ vorerst etwas wild und verspielt. Voller Energie pumpt die Kick, während auf der höheren Ebene ein ungestümer Synth durchs Hirn fährt. Hypnose-Faktor hoch. “Scryptic“ wirkt hingegen wieder etwas klarer, kredenzt aber einen arg schrillen Synth, welcher wie Nadelstiche dezenten Schaden im Ohr anrichtet. Starkes Teil und ein perfekter Abschluss einer mächtig wuchtigen Scheibe. Stark! 9 Michael S

Johannes Heil
By Night EP (ODDEVEN / Matter Of Fact)
Dieser 2016er Klassiker erhält ein Repress und zeigt eindrucksvoll, dass guter Techno keine Halbwertszeit besitzt. Immer noch gewaltig und immer noch genau so, wie Techno klingen sollte. Druckvoll und akzentuiert gemastert. Also, wer die 12“ noch nicht besitzt, bitte zugreifen. 10 points tseb

Quiet Village feat. Vanessa Daou
Naked Hunger (The Quiet Village)
Matt Edward & Joel Martin sind Quiet Village. Als Nachfolger zu ihrem “Reunion” aus 2024 entwickelt sich mit „Naked Hunger“ ein fantastischer Slow Mover, der im Vocal Mix die Interaktion der Stimme von Vanessa mit Song sowie Spoken Words mit dubby, ätherischer Musikalität sieht. Im Spoken Word Mix wird das Bassspiel verstärkt und die blumigen Pianos begleiten den poetischen Ansatz auf knapp 14 (!) Minuten – fantastischer Lowgroove! Ein Radio-Edit von 9 Minuten (würde mich wundern, wenn der in dieser Länge gesendet würde) als Zugabe rundet ein wirklich herrliches Release ab. 10 Cars10.Becker

RQZ
Time Is Now (Dreams Come True)
„Time Is Now“ beweist einmal mehr, warum der Rumäne RQZ derzeit zu den angesagtesten Rominimal- und Microhouse-Namen gehört. Roher Percussion- und Hi-Hat-geladener Sound trifft hier auf einen warmen Club-Groove mit angemessener Reduziertheit und feinster Rhythmik. Der Titeltrack und die kraftvollere Remix-Version von NTFO eröffnen auf der A-Side durchaus nach meinem Gusto, es ist aber die B-Side, die mich den lobenden Finger erheben lässt. „Dk Island“ kommt richtig schön stompy daher lässt mein Piano-Chord-affines Herz höherschlage und auch der magische 6AM Mix von „In Spirit“ ist großartig. 10 Laenkford

Various Artists
Disco Berlin 1996 – 2025 (Eclipser Chaser / Matter Of Fact)
„Ein bisschen Spaß muss sein, das kommt bei Disco ganz allein“– diese Weisheit wusste auch Eclipser Chaser über knapp drei Jahrzehnte zu vertreten. Und so finden sich auf dieser 12“ viele Protagonisten des Labels, die an dieser Stelle nochmals ihre Expertise zum Besten geben. Skinny Norris beginnt auf sensationell hohem Niveau, wenn jazzy Hammonds auf discoidem Schub harmonieren (Estimulo Edit mit Jamiroquai Anleihen). Doch es wird noch besser: Daniel Paul, Stenger & Phazer implementieren das ikonische Sample von „Roy Ayers – Running Away“ aus den 70ern und lassen gemütlichen Discoflow gekonnt und groovy über den Dancefloor tanzen („Uwi Cutie Is Running Away“). Daniel & Stenger legen auf der Flip nach: „Music Is For The Heart“ – nahezu authentisch und vocaltechnisch bei KC & The Sunshine Band verortet, musikalisch mit bouncendem Piano ausgestattet, pumpen sie Modern Disco auf ein neues galaktisches Level – Top Performance!!! Zum Schlussakkord schalten wir zwei Gänge zurück, schnippen locken mit den Fingern, lassen schwülstige Synthieflächen die Hintergründe befüllen und den Bass kontinuierlich, unterschwellig laufen – gelungenes Finale von Bass Cap mit „Boxenstop“ im CabRioLet Mix a la EW&F. Selten klang Disco so Oldschool und modern zugleich. Sensationell! 10 Cars10.Becker

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Various Artists
Codewise (Soiree / Deejay.de)
Motor City Aktivist Derrick Thompson kuratiert die nächste All-Detroit EP. Drivetrains „Rachel“ nervt positiv mit einem Alarmloop und beängstigender Atmo. Die glitschigen Percussions und Clapechoes erhöhen die Spannung dieses Stroboskoptitels. Vom 430 West Record Label gesellt sich Blaktony (u.a. Aux 88 & Scan7 Mitglied) dazu. Sein „Alternative Homework“ ist ein formidabler Deep Houser – moody und stripped back. Noch deper, noch ambienter danach der Auftritt von Bjika: „House On The Hill“ besticht mit herumschwirrenden Pads und aufflammenden Melodien – die staubigen Kicks vervollkommnen den introspektiven Latenitesound. Prickelnder,Acid texturierter House mit ambienten Flächen und ein umtriebiger Groove steuern in die Galaxis hinaus zu einer gefühlvollen Reise. Sehr starke Platte mit Undergroundappeal! 9 Cars10.Becker

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Aus dem FAZEmag 165/11.2025