
Zwischen Jazz, Detroit-Techno und futuristischem Soul bewegt sich Jon Dixon seit Jahren mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Der Keyboarder und Produzent arbeitete bereits mit Größen wie Jeff Mills, Carl Craig, Goldie oder Amp Fiddler zusammen und zählt heute zu den wichtigsten musikalischen Schnittstellen zwischen improvisierter Jazztradition und elektronischer Clubkultur in Detroit. Besonders prägend ist dabei seine Rolle innerhalb des Underground-Resistance-Kosmos, wo er unter anderem Live-Projekte wie Galaxy 2 Galaxy und Timeline mitgestaltete. Für unsere Rubrik „Plattenschätze“ blickt Dixon auf drei Veröffentlichungen zurück, die seinen musikalischen Zugang nachhaltig geprägt haben.
Herbie Hancock – Crossings (Warner Bros., 1972)
Erst mit Anfang 30 habe ich begonnen, beim Produzieren musikalisch wirklich experimenteller zu denken. Um in diesen freien Zustand zu kommen – offen für Ideen, die spontan entstehen –, hilft es mir, Musik zu hören, die genau diesen Raum schafft. „Crossings“ läuft bei mir aktuell oft, wenn ich mich von klassischen Strukturen wie Takt, Tempo oder Tonart lösen will. Auf diesem Album hört man Musiker, die Klang erkunden, statt ihn bloß auszuführen. Alles wirkt organisch, offen und vollkommen frei. Obwohl ich die Platte seit Jahrzehnten besitze, habe ich ihren Wert eigentlich erst in den letzten Jahren vollständig verstanden. Das hier ist „Actual Proof“ (Wortspiel beabsichtigt), dass manche Musik einfach zeitlos ist.
Stanley Clarke – Time Exposure (Epic Records, 1984)
Ich merke immer wieder, wie stark ich zu den Einflüssen meiner Kindheit zurückkehre. Dieses Album – und Stanley Clarke generell – haben meine Entwicklung als Musiker, Songwriter und Produzent massiv geprägt. Lange bevor ich verstand, wie Musiktheorie funktioniert, hat mir diese Platte gezeigt, was überhaupt möglich ist. Anfang der 90er habe ich Stanley Clarke live im Fox Theatre in Detroit gesehen. Ich war acht Jahre alt, mein erstes Konzert überhaupt. Zusammen mit seiner Arbeit bei Return to Forever und mit Chick Corea bleibt er für mich einer der größten Bassisten aller Zeiten. Besonders die Synths und Flächen auf diesem Album haben mich damals sofort angezogen. Sie haben meinen Blick dafür geöffnet, dass es nicht nur um gespielte Noten geht, sondern genauso um Klangfarben und Sounddesign.
Pharcyde – Runnin‘ (Delicious Vinyl, 1995)
Als Kind der 90er und großer Hip-Hop-Fan war „Runnin’“ einer der ersten Tracks, die mich als Keyboarder wirklich gepackt haben. Zum ersten Mal habe ich mich bewusst für Samples interessiert – was eigentlich logisch war, schließlich stammt die Produktion vom Detroiter Urgestein J Dilla. Auch Jahrzehnte später wirkt der Track kein bisschen gealtert. Gerade der Umgang mit den Samples macht ihn so besonders. Jede Hi-Hat, jeder Chop, jeder Rhythmus wirkt absolut durchdacht. Man hört sofort, dass hier nichts zufällig passiert ist. Für mich bis heute ein echtes Kunstwerk.
Aus dem FAZEmag 172/06.2026