Plattenschätze
mit Kerri Chandler

Plattenschätze
mit Kerri Chandler

House-Legende, Visionär, Ausnahmekünstler – Kerri Chandler steht seit über drei Jahrzehnten für tiefgründige Grooves und soulgetränkten Club-Sound mit echter Handschrift. Als Produzent, DJ und Labelbetreiber (Madhouse, Kaoz Theory) hat der New Yorker nicht nur Genre-Geschichte geschrieben, sondern auch Generationen geprägt. Für uns stellt er drei für ihn wegweisende Releases aus seiner Plattensammlung vor.

Weather Report
– Black Market (Columbia Records, 1976)

Diese Platte landete ’85 auf meinen Tellern – zu einer Zeit, als ich gerade begann zu begreifen, was Jazz-Fusion eigentlich bedeutet. Jedes Mal, wenn ich „Black Market“ auflege, bin ich zurück in diesen Kellerräumen, wo ich zum ersten Mal verstand, wie Rhythmus und Melodie miteinander tanzen können. Mit Jacos Einstieg veränderte sich alles – sein Bass war nicht bloß Fundament, sondern Stimme, Melodieträger, Gesprächsführer. Dieser bundlose Sound schnitt sich messerscharf durch das Arrangement. Wenn ich heute im Studio produziere, denke ich oft an seinen revolutionären Stil – wie er sich durch Zawinuls Synth-Schichten gefräst hat, Raum geschaffen hat, Atmosphäre und Tiefe. Waynes Saxofon geht weit über Technik hinaus – das ist Seele, pure Kommunikation. Dieses Album war mein Meisterkurs in musikalischer Raffinesse. Und wenn ich heute weltweit in Clubs spiele, höre ich in meinen eigenen Bassläufen den Nachhall von Jacos Pionierarbeit. „Black Market“, besonders der Track „Elegant People“, hat mein Verständnis von Musik als Dialog zwischen Künstler und Publikum geprägt. Für jeden ernsthaften Produzenten: Pflicht!

Bob James
– One (CTI, 1974)

„One“ fand seinen Weg in meine Crates in den frühen East-Orange-Tagen, als ich jedes Jazz-Fusion-Release aufspürte, das mir unter die Finger kam. Bob James wurde mein Lehrer – ohne es zu wissen. Er zeigte mir, wie Keys gleichzeitig Basis und Melodie sein können. Der Opener „Nautilus“ gibt mir bis heute Gänsehaut, jedes Mal, wenn das Fender Rhodes einsetzt. Und wie er das Rhodes in „Night On Bald Mountain“ einsetzt – das war für mich der Beweis, dass elektronische Instrumente Gefühle völlig neu übersetzen können. Steve Gadd, einer meiner absoluten Lieblingsdrummer, saß bei diesem Album an den Drums – ein Meister der Leichtigkeit. Er bringt selbst komplexeste Rhythmen zum Fließen, mit einem Groove, der auf den Punkt gebracht ist. Wer ihn noch nie gehört hat: Steely Dans „Aja“ ist das perfekte Beispiel. Ich hatte sogar das Glück, Bob mehrfach persönlich zu treffen – eine riesige Inspiration, ein absoluter Genius, mein musikalisches Vorbild.

NASA – Voyager Golden Record (1977)

Ich weiß noch genau, wann ich zum ersten Mal wirklich verstanden habe, was der „Voyager Golden Record“ bedeutet. Es war drei Uhr morgens im Studio, ich arbeitete an einem Track, der sich größer anfühlte als alles, was ich je gemacht hatte. Und plötzlich wurde mir klar: Wir alle senden Botschaften ins Unbekannte – in der Hoffnung, dass da draußen jemand zuhört. Als ich „Spaces and Places“ in all diesen legendären Clubs aufgenommen habe, ging es nicht nur um Raumklang – es ging darum, menschliche Verbindung einzufangen. Jedes Mal, wenn ich hinter den Decks stehe und sehe, wie Gesichter aufleuchten, wenn der perfekte Bass einsetzt, erlebe ich genau das, woran auch Carl Sagan geglaubt hat. Meine Tracks sind keine reinen Produktionen – sie sind emotionale Koordinaten, Landkarten menschlicher Empfindung. In langen Studionächten höre ich mir manchmal die „Voyager“-Recordings an – einfach um mich zu erinnern, warum ich überhaupt mit Musik angefangen habe: um etwas zu kommunizieren, das Worte nicht ausdrücken können. Ob in 40 Lichtjahren Entfernung oder auf dem Dancefloor im Knockdown Center in New York – wir alle suchen diese kosmische Verbindung durch Klang.

Aus dem FAZEmag 162/08.2025
www.kerrichandler.com