Anfang 2020 releaste Stefan Betke aka Pole eine Neuauflage der für das gesamte Dub-Genre wegweisenden Trilogie „1“, „2“ sowie „3“, die er in den Jahren 1998 bis 2000 auf PIAS veröffentlicht hatte. Kürzlich verkündete der aus Düsseldorf stammende Künstler dann die Veröffentlichung seines neuen Albums „Fading“. Das Werk erscheint am 6. November via Mute auf Vinyl, CD sowie digital und knüpft mit acht Titeln auf die für ihn typische Weise an seine vorherigen Arbeiten an.

 

Auf dem neuen Langspieler setzt sich der Wahl-Berliner mit seiner eigenen Geschichte auseinander, die „Fading“ quasi im doppelten Sinne inspirierte: Das Album wurde hauptsächlich von der Idee des Gedächtnisverlusts inspiriert“, erklärt Betke. „Meine Mutter litt an Demenz, und ich sah, wie sie all die Erinnerungen verlor, die sie in ihren 91 langen Jahren gesammelt hatte. Als sie ihr Gedächtnis verlor, verwandelte sie sich in das, was sie wahrscheinlich am Anfang ihres Lebens war, als sie geboren wurde – in so etwas wie eine leere Hülle. Jeder, der lebt, hinterlässt etwas auf dieser Erde. Es ging mir aber ehrlich gesagt nicht um das Auf- oder Verarbeiten dieser Erfahrung. Es war eher der Gedankengang: Was erarbeitet sich ein Mensch im Laufe seines Lebens? Wissen, Erfahrung, Umgangsformen oder Verhaltensmuster werden erlernt, angehäuft und vertieft. Und was bedeutet es dann, das alles im schlimmsten Fall wieder zu verlieren? Was behalten wir und was wird gelöscht? Die Festplatte wird formatiert, aber dabei nicht alles gelöscht. Fragmente bleiben und werden zur Schleife wie eine hängende CD. Klanglich ist das auf dem neuen Album nun wiedergegeben. ,Nebelkrähe‘ ist einer der stärksten Titel in dieser Richtung.“ Dieser Ansatz ermöglichte es Betke, eine Verbindung zu seiner eigenen Erinnerung und Vergangenheit herzustellen: „Ich habe in den letzten Jahren nach dem Album ,Wald‘ viel an Musik gearbeitet. Es dauert jedoch immer, bis ich wirklich eine zündende Idee habe. Es geht in meiner Arbeit immer um das Weiterführen und Akkumulieren. Insofern ist es klar, dass ich bestimmte Dub-Anteile und ein mir naheliegendes Sounddesign beibehalten habe. Ergänzt um eine gewisse Langsamkeit und einen Erzählstil, der sehr fesselnd sein sollte. Ich bin sehr froh darüber, ein farbenreiches und komplexes Dub-Gewölbe hinbekommen zu haben, das warm und narrativ ist. Mit klaren Rhythmusstrukturen bis hin zu Jazzelementen, dubbigen Bässen und angedeuteten Melodien ist es ein räumliches Album geworden, das auch an die Trilogie erinnert.“

 

Die Trilogie war und ist für Betke nach wie vor ein Referenzpunkt seiner Arbeit, auf den er aufbauen konnte: „Ich habe zwar versucht, mich nicht zu wiederholen, aber diese drei Platten haben mich dauerhaft begleitet und mir Denkweisen und Formeln eröffnet. Als ich nach 20 Jahren immer wieder auf den Geburtstag angesprochen wurde, kam mir die Idee, diese Platten in einer Vinyl-Box zu bündeln. Eine Vinyl-Box gab es bis dato ja noch nicht, lediglich eine CD-Box erschien 2008 auf scape. Ich sprach also mit Daniel Miller, ob er Interesse hätte, die Trilogie wieder zu veröffentlichen und sich außerdem mein neues Album anzuhören. Ich dachte, das wäre ein guter Weg, die Platten zusammenzuführen. Die Idee war, die Trilogie wieder ins Gedächtnis zu rufen und meine eigene Geschichte 2020 wiederzubeleben. Wohl auch um das neue Album zu unterstützen. Dazu kommt, dass Mute seit langer Zeit Bestandteil meines musikalischen Umfelds ist, sowohl als Label als auch als Publishing-Partner, von daher machte es Sinn, alles zu Mute zu geben.“ Zuletzt hatte Betke 2003 auf Mute veröffentlicht, allerdings hat er nie wirklich aufgehört, mit dem 1978 in London gegründeten Label zu arbeiten: „Neben den Publishing-Sachen im Verlag arbeite ich auch als Mastering-Engineer für Mute. Das Label ist mal einen sehr eigenen Weg gegangen, als es nicht mehr bei Daniel Miller lag. In dieser Phase gab es nicht mehr genug inhaltliche Kontaktpunkte für mich, um dort eine Platte zu veröffentlichen. Aber seit einiger Zeit ist das wieder ganz anders und Mute ist nach meinem Empfinden mehr Mute, als es das in den letzten zehn Jahren war. Ich fühle mich diesem Label wieder sehr verbunden.“

 

Alles andere als verbunden fühlt sich Betke allerdings mit dem Jahr 2020. Vielmehr begleitet ihn eine gewisse „Verwirrtheit“, wenn es um das aktuelle Jahr geht, wie er selbst sagt: „Auf der einen Seite hat sich für mich beruflich nicht viel geändert. Ich schreibe und veröffentliche Musik, ich arbeite im Mastering-Studio, ich gehe in die Natur, esse, schlafe, schaue Filme oder höre Musik und treffe Freunde, wenn auch eher im Freien. Was mir sehr fehlt, ist die Kultur, an der wir alle arbeiten; es fehlt mir, sie hautnah erleben zu können – und wenn, dann nur unter erschwerten Bedingungen. Ich war auf einigen limitierten Veranstaltungen, und das mit gemischten Gefühlen. Es ist komisch, mit Masken und Abstand ein Konzert zu erleben. Es fühlt sich fremd an. Dennoch ist es wichtig, daran weiterzuarbeiten und es als ,Stellung halten‘ zu verstehen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Künstler*innen und Veranstalter*innen, Clubs oder Venues mangels Möglichkeiten in dieser Zeit in Vergessenheit geraten.“ Die durch die zahlreichen aktuellen Einschränkungen gewonnene Zeit empfindet Betke allerdings durchaus als vorteilhaft in der vorherrschenden Situation: „Ich finde die Diskussionen um Klimawandel, Zukunft, Umweltschutz und vieles mehr sehr wichtig. Dadurch dass einige Menschen zumindest etwas mehr Zeit pro Tag bekommen haben, scheint dieser Diskurs an Fahrt aufzunehmen. Diese gewonnene Zeit wird von Künstler*innen dafür genutzt, ihrer Arbeit verstärkt nachzugehen. Nicht auf Konzertreise gehen zu können, setzt Zeit frei, die für die Arbeit an neuer Musik genutzt werden kann. Allerdings bringt einem das nur wenig, wenn die finanziellen Hilfen der Regierung dann nicht dafür ausgegeben werden dürfen, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Das schränkt die Kreativität wieder ein und ist für Künstler*innen ein Fluch.“ Künstlerisch tätig wurde Betke bei seinem Album auch in Sachen Cover, für das er selbst verantwortlich zeichnet: „Während eines superschweren Gewitters ging mein Fernseher kaputt und ich konnte zehn Minuten lang nichts sehen”, sagt er. „Als sich der Bildschirm langsam erholte, sah er sehr merkwürdig aus. Ich habe Hunderte von Bildern gemacht, und als ich die Fotos durchging, sah ich diese drei, auf denen Menschen ins Bild kommen und wieder verblassen. So verschmilzt in der Präsentation des Albums erneut wohldurchdachtes Handwerk mit Kunst und einem unvorhersehbaren Unfall.“

 

Aus dem FAZEmag 105/10.2020
Text: Triple P
Foto: Ben de Biel
www.facebook.com/pole.stefanbetke