Breakdance, Deejaying, Graffiti und Rap – wer diese Begriffe in einem Atemzug nennt, der redet von Hip-Hop. Weniger von kontemporärem, sondern mehr von jenem, der Anfang der 90er in Deutschland Einzug hielt. 2018 erschien die Filmdoku „Back to Tape“, für die Niko Hüls aka Niko Backspin in Kooperation mit Porsche durch Deutschland reiste und diverse Akteure der Hip-Hop-Szene getroffen hat, um der Geschichte dieses Genres hierzulande auf den Grund zu gehen. 2020 kam dann mit „Back 2 Tape“ die Fortsetzung und ein Trip quer durch Europa. Jetzt ist der Herausgeber des führenden deutschen Hip-Hop-Magazins auch Buchautor und bringt ein Schriftwerk mit dem gleichnamigen Titel der erfolgreichen „Back to Tape“-Contentreihe heraus. Wir sind gespannt und haben mit Niko über sein Buch und den spannenden Roadtrip gesprochen.

Glückwunsch zum Buch! Wie fühlt es sich an, dieses Werk realisiert zu haben?

Fantastisch! Es ist ein großartiges Gefühl, diese Geschichte erzählen zu dürfen. Für mich, aber auch für alle, die an dem Projekt beteiligt sind – egal, ob vor oder hinter den Kulissen – ist „Back to Tape“ eine echte Herzensangelegenheit. Und das „Universum“ rund um die beiden Filme und das Buch ist ja viel mehr: Social-Media-Kanäle, Spotify-Playlists, kleine Lesungen und Events wie zuletzt mit Duan Wasi im Porsche-Museum, eine treue Community, zahlreiche Artikel im Porsche-Newsroom und nicht zu vergessen, all die vielen Künstlerinnen und Künstler, die wir in Deutschland und Europa besuchen konnten. Es fühlt sich richtig an, dass wir es mit einem Format wie „Back to Tape“ schaffen, der Kultur einen Raum zu geben und gleichzeitig Werte wie Integration, Diversität, Respekt und Toleranz sichtbar zu machen. Und gleichzeitig bringen wir die Petrol-Heads mit den MCs zusammen – und stellen fest: Es gibt mehr Gemeinsamkeiten, als man zunächst vermutet.

Wie kam es dazu?

Eigentlich wollten wir im Jahr 2021 noch weiter für dieses schöne Projekt unterwegs sein. Aber die Pandemie hat viele Pläne verändert und verschoben – ein weiterer Roadtrip in ferne Länder war für uns einfach keine Option. Und dann kam das Team mit der guten Idee, die ersten beiden Roadtrips zu verbinden und einen Kultur- und Reiseführer über die Hip-Hop-Kultur in Europa zu veröffentlichen. Und so haben wir eine Möglichkeit geschaffen, Europa mit diesem Roadbook auf eine andere Art zu entdecken als über die klassischen Tourismuspfade. Es zeigt: „Back to Tape“ ist mehr als ein Roadtrip und auch mehr als ein Film.

Wovon handelt das Buch?

Das Buch ist eine Einladung, der europäischen Hip-Hop-Kultur mit all ihrer Vielfalt offen zu begegnen. Ziel von „Back to Tape“ ist es, abseits von Konzerten oder dem nächsten Album-Release tief in die Kreativszene einer Stadt einzutauchen und zu verstehen, welche Orte symbolisch für die Kultur stehen und welche Werte die Kultur durch unsere Protagonistinnen und Protagonisten vermittelt. Und diese sind so bunt wie die Reise und Hip-Hop selbst: Wir waren in Paris, Barcelona, London, Berlin, Kopenhagen, aber auch in wichtigen deutschen Hip-Hop-Städten wie Heidelberg, Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart. Dort haben wir Veteranen getroffen wie Kool Savas, El Xupet Negre, Toni-L, Lars Pedersen, die Flying Steps oder Moses Pelham, aber auch Newcomer wie Lord Esperanza, die Gebuhr-Brüder oder Josi Miller. Und: Wir wagen stets den Blick über den Tellerrand und wollen verstehen, welchen Einfluss die vier Disziplinen von Hip-Hop auf eine Stadt oder einzelne Viertel haben.

Was war dein Highlight bei diesem Roadtrip? 

Ich werde oft danach gefragt und kann darauf eigentlich keine richtige Antwort geben, denn alle Geschichten sind irgendwie besonders. Egal, ob ich in Spanien mit einer Street-Art-Legende ein Bild für „Back to Tape“ male oder in Berlin die Macht von Breakdance in einer eigens dafür errichteten Schule erleben darf. Jede Stadt hat ihre Highlights und ich habe Liebe für all diese Menschen – denn sie leben Hip-Hop aus einer Passion heraus und verkörpern Werte wie Pioniergeist, Vielfalt, Toleranz und Respekt.

Was ist für dich Hip-Hop? 

Eigentlich beginnt für alle, die sich mit Hip-Hop auseinandersetzen, die Geschichte mit vier Elementen und den dazugehörigen Kategorien – Rap, DJing, Breakdance und Graffiti. Aber für mich ist es schon immer mehr gewesen. So etwas wie ein Lebensgefühl, eine Einstellung zu deinen Mitmenschen, Werte, Kultur. Und vor allem etwas Verbindendes. Und das habe ich auf dieser Tour mit Porsche immer wieder gelernt – denn egal, wo wir waren und egal, welche Sprache wir gesprochen haben, es hat nicht lange gedauert und wir waren sofort auf der gleichen Wellenlänge. Das ist für mich Hip-Hop.

Hip-Hop in Europa ist wie viele Genres, so auch House und Techno, ein „Import“ aus den USA. Wie äußerte sich damals die Imitation dieses Kultur-Phänomens in Deutschland?

Angefangen hat alles mit Breakdance. Diese Welle schwappte als Erstes aus den USA herüber und war für viele auch eine einfache Einstiegshürde, weil man einfach nur einen Pappkarton auf den Boden geworfen und seine eigenen Fähigkeiten eingebracht hat – egal, wie gut man war. Mit der Musik selbst war es ein bisschen schwieriger und darum war bis in die 2000er hinein eigentlich eher der Mittelstand oder auch sozial benachteiligte Gruppen im Deutschrap vertreten. Das hat sich über die Jahre massiv verändert – heute ist Rap in Deutschland in den Charts oder auch der Werbung allgegenwärtig. Hip-Hop ist die größte urbane Jugendkultur, die wir kennen. Aber was Hip-Hop auch seit Stunde null in Deutschland vereint, ist das multikulturelle, der Glaube an Kultur und an Chancengleichheit. Dinge, die wir bei der „Back to Tape“-Reise besonders beleuchten wollten. Ein gutes Beispiel ist hier Samy Deluxe, der im Hamburger Jugendhaus „Esche“ Kids zum Breakdance versammelt, aber eigentlich seine Art und Weise, Hip-Hop zu respektieren, an die nächste Generation weitergibt.

Amsterdam, Barcelona, Berlin, Kopenhagen, London und Paris – welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen diesen europäischen Hip-Hop-Epizentren?

Zunächst muss man sagen, dass all diese Städte in ihrer Art und Weise natürlich einzigartig sind. Und nach rund 18 Monaten Pandemie weiß ich es sehr zu schätzen, welche großartige Gelegenheit wir mit diesen Roadtrips 2018 und 2020 hatten. Die Gemeinsamkeiten sind sicherlich die gleichen Wurzeln – denn alle sind aus den USA sozialisiert, von den großen Hip-Hop-Städten New York, Los Angeles, Atlanta oder auch dem amerikanischen Süden. Aber natürlich gab es über die Jahre unterschiedliche kulturelle Entwicklungen, die auch etwas mit dem multikulturellen Einfluss auf die einzelnen Orte zu tun haben. Großstädte sind immer ein Schmelztiegel für Straßenkulturen. Aber klar gibt es in Barcelona andere Einflüsse als in Kopenhagen. In Paris wird anders gerappt als in Stuttgart – und doch gibt es künstlerische Verbindungen, Dialog und sogar gemeinsame Platten. Auch hier zeigt sich das verbindende Element von Hip-Hop.

Wo sind aus historischer Sicht die Hip-Hop-Hochburgen in Deutschland?  

Hier empfehle ich einen Blick in unser erstes Projekt: 2018 war ich mit Porsche in Hamburg, Berlin, Stuttgart, Heidelberg, Frankfurt am Main und München unterwegs. Das sind zentrale Orte, die Rap, DJing, Breakdance und Graffiti in den vergangenen 25 Jahren geprägt haben. Toni-L, die Massiven Töne, Moses Pelham, die Beginner, Blumentopf, Kool Savas – Namen, die sinnbildlich für ein gewisses Lokalkolorit stehen. Diese Städte haben sich selbst, aber auch andere Regionen geprägt und immer wieder verändert, immer wieder neu erfunden. Mal mit Härte, mal mit Beats. Grundsätzlich gilt für mich: Es ist egal, wo du herkommst. Ein Blick auf die Charts zeigt, dass auch das kleinste Städtchen in Baden-Württemberg Rap-Talente nach vorne bringen kann.

Wie hat sich der Spirit im deutschen Hip-Hop-Genre gewandelt? Gibt es „diesen einen“ Spirit noch?

Das würde ich klar mit ja beantworten. Natürlich sind es meistens Vertreter von früheren Generationen, aber auch heute gibt es immer wieder junge Menschen, die Lust auf die Kultur als Ganzes haben. Das haben wir bei „Back to Tape“ auch gesehen, beispielsweise mit Lord Esperanza, einem jungen französischen Künstler, der eine Art Gegenentwurf zum harten MC ist und Wert auf die Grundgedanken von Hip-Hop legt. Aber insgesamt ist die Kultur zu groß geworden, als dass man dies pauschal beantworten kann.

Warum sind die vier Elemente selten bis gar nicht mehr im kontemporären Hip-Hop präsent? Gibt es Gegenbeispiele? 

Ich glaube, das liegt vor allem an der öffentlichen Wahrnehmung. Im – ich nenne es mal „Untergrund“ – gibt es weiterhin Veranstaltungen, in denen auch sehr nach der Lehre der vier Elemente gearbeitet wird. Gerade Institutionen wie die Hip-Hop Academy sind da gute Beispiele, dass die Idee immer weiterlebt. Allerdings ist auch klar, dass durch unterschiedliche wirtschaftliche Aspekte sich die Wege irgendwann getrennt haben und Rap schon einen dominanten Alleingang geht.

Wie blickst du auf den aktuell kommerziellen Hip-Hop? 

Ich habe kein Problem mit der Kommerzialisierung von Hip-Hop, solange im Kern immer noch ein bestimmtes Mindset und Werte vertreten und geschützt sind. Natürlich ist der Ausverkauf immer ein Problem, aber es ist auch einfach schön zu sehen, wenn die richtigen Leute mit dem, was sie lieben, erfolgreich sind. Der Hauptmotivator meiner Arbeit ist deutlich tiefer in der Kultur verwurzelt als in wirtschaftlichen Überlegungen. So auch beim Buch: Wir spenden gemeinsam mit Porsche alle Einnahmen an „Viva con Agua“, eine Non-Profit-Organisation, die weltweit einen sicheren Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung ermöglicht.

Wie stehst du zur #deutschrapmetoo-Bewegung? 

Ich finde das extrem wichtig. Die Rap-Szene muss sich mit ihren eigenen Problemen beschäftigen und diese kontrovers diskutieren. Eine Bewegung ist immer gut, um Fehler aufzuzeigen und sich selbst zu hinterfragen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich dies über die Jahre in eine positive Richtung entwickeln wird, um damit vielleicht diese, aber auf jeden Fall die nächste Generation zu beeinflussen.

Welches Album hörst du aktuell rauf und runter? 

Was meinen Musik-Konsum betrifft, bin ich mittlerweile auch ein Kind des digitalen Streaming-Zeitalters. Ich höre selten Alben, sondern vielmehr nur noch Songs und habe mir dort über die Jahre meine Playlisten zusammengestellt – so auch für unsere beiden Roadtrips durch Europa. Ich selbst höre mehr amerikanischen Rap, als das, was in Deutschland passiert. Und dort auch alles von Klassiker bis Neuzeit.

Welche drei Alben aus den Anfängen des deutschen Hip-Hops kannst du empfehlen bzw. welche erachtest du als genredefinierend? 

Das hat immer mit persönlichem Geschmack zu tun. Meine Favoriten sind „Fenster zum Hof“ von den Stieber Twins, „Kopfnicker“ von Massive Töne und „Bambule“ von den Beginnern. Die Alben und deren Songs haben mich in den 1990er-Jahren extrem geprägt. Wenn du mich nach einer einzelnen Single fragst, dann muss man „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry nennen. Eine Blaupause für Hip-Hop in Deutschland.

 

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

 

Aus dem FAZEmag 115/09.21
Text: Niklas Fust
Credit: Porsche Newsroom / Markus Schwer
www.back2tapebook.com/