Put the 90s to the 10s: So geht’s ohne Schockeffekte


Unsere Leser von FAZE sind beileibe nicht nur Twenty-Somethings. Im Gegenteil, ein guter Teil hatte seine „wilden“ Jugendjahre in den 90ern und ist jetzt schon eher im „gesetzten Alter.

Und so spannend und kreativ die heutige Szene samt ihrer Mode auch ist: Oldschool-People müssen vielleicht ein wenig wehmütig feststellen, dass sie sich an vielen Stellen ganz erheblich von den good old 90s unterscheidet. Was also tun gegen die nostalgischen Gefühle?

Klar, man könnte als Abhilfe losziehen und einfach unreflektiert das ins Heute transferieren, was damals zu seiner Musikszene dazugehörte. Bloß: Egal, ob man damals Raver war, Britpopper oder HipHop-Head, die Inhalte, vor allem an der modischen Front, waren doch schon krass anders als das, was man heute in Clubs und auf der Straße sieht.

Wer sich bei eBay eine Illmatic Strike Baggy-Jeans besorgt und die wie einst mit dem Bund unterm Hinterteil trägt, wird womöglich ebenso bloß schiefe Blicke ernten wie eine Lady, die ihr 90s-Palazzo-Bingen-Outfit dadurch komplettiert, dass sie das appliziert, was die Bravo Marusha Spots betitelte oder jemand, der sich eine Liam-Gallagher-Gedächtnismatte wachsen lässt.

Kurzum: Wer ohne nachzudenken den Kopfsprung ins 90er-Becken wagt, erntet keine Props, sondern (Aus-)Lacher. Diese Tatsache wurmte uns. Daher haben wir die Köpfe zusammengesteckt und ein Rettungspaket geschnürt. Alle folgenden Dinge sind 90s pur, aber man kann sie auch heute tragen/nutzen, ohne rauszustechen wie die knallbunte Boxershort über einer tiefhängenden Baggy.

Die MiniDisc war radikal. Aber sie fand nie ihre Nische zwischen Kassette, CD und später der mp3 – leider, sagen viele.
  1. Stufe: Abspielgeräte

Heute steckt bei jedem ein Abspielgerät in der Tasche, das, was Speichervolumen und Klang-Einstellungsmöglichkeiten anbelangt, Kreise um jedes in den 90ern gängige Gerät läuft. Aber für das richtige 90s-Feeling braucht man eben etwas, was einem damals die Jugendjahre beschallte.

Wer jedoch jetzt in Richtung kassettenbestückter Walkman, der vielen der Inbegriff für 90s-Musikspieler ist, blickt, liegt falsch. Der ist sogar die schlechteste Wahl:

  1. Sony stellte bereits 2010 die Produktion ein; was es heute noch an neuen China-Stücken gibt, wirkt schon auf den Produktfotos wenig vertrauenserweckend und Gebraucht-Originale sind oft mechanisch ausgeleiert.
  2. Der Klang ist, selbst im Vergleich mit schlechten mp3s, arg bescheiden
  3. Es wird zunehmend schwieriger, Leerkassetten zu besorgen
  4. Man braucht zusätzlich eine teure Überspiel-Infrastruktur, um sich Mixtapes zusammenzustellen

Das bringt uns zum Discman. Sein gewaltiger Vorteil: Er lässt sich (auch klangtechnisch) problemlos in die späten 10er einfügen.

Allerdings könnte man die Gelegenheit nutzen, auf eine Technik zu setzen, die enormes Potenzial hatte, aber leider (außerhalb Japans) nie richtig aus den Startlöchern kam und in unserer Jungend taschengeldsprengend teuer war: Der MiniDisc-Player.

Den gibt es aus Restbeständen noch neu und seine Mini-CDs (sogar bei Amazon noch erhältlich) sind im Gerät überschreibbar, sodass man Cassetten-Einfachheit mit CD-Klang und einer dicken Portion Retrofuturismus kombinieren kann.

  1. Stufe: Schuhe
Kein Witz, Buffalos sind wieder da – und sie wirken selbst mit einem normalen Spät-10er-Outfit nicht mal schlecht.

Abspielgeräte sind für das 90s-Revival ein persönliches Detail. Bei den Schuhen jedoch kommt erstmals etwas hinzu, das gut sichtbar ist.

Natürlich gab es damals viel, aber um Peinlichkeiten zu vermeiden, empfehlen wir dringend, sich ein wenig entlang der heutigen Schuhmode zu orientieren – die feiert nämlich seit kurzem ihr eigenes kleines 90s-Revival.

Das führte vornehmlich dazu, dass Neonfarbiges heute leicht zu bekommen ist. Ganz normale Sneakers, bloß eben schön bunt. Damit wäre nicht nur der 90er Rave- und Rap-Mode Genüge getan, sondern auch dem heutigen Mainstream-Fashion. Doch es geht noch mehr:

  • Der klassische Nike Air Max, der ebenfalls sowohl Hip-Hopper wie Gabber glücklich macht, war nie weg vom Markt.
  • Buffalos, DIE Buffalos, werden seit vergangenem Sommer wieder serienmäßig hergestellt – und egal welche Musikrichtung man damals hörte, ab der zweiten 90s-Hälfte trug man Plateausohlen.
  • Wer zur Baggy Timberlands und ähnliche Stiefel trug, findet nach wie vor unter Wheat colored work boot mehr als genug Ware.
  • Skateboarder vertrauen wie damals heute noch Vans, Airwalk, DC und Co.

Damit ist der Bodenkontakt schon sehr retro-mäßig hergestellt. Doch keine Sorge, es gibt noch mehr Modetipps, doch zunächst:

  1. Stufe: Die Privat-Tracklist

Vor allem Fans elektronischer Musik sollten sich unsere gekrönte Reihe Flashback in die 90er zu Gemüte führen, um ein Gefühl für die damalige Stimmung zu bekommen. Und auch wenn manche aktuellen Tracks heute etwas nach 90s klingen, empfehlen wir, als Hintergrundbeschallung auf das Original zu setzen.

Bedeutet, wer noch CDs aus der Zeit gebunkert hat, sollte sie hervorholen und sich natürlich gern auch daraus einen USB-Stick fürs Auto oder eine CD/MiniDisc für Unterwegs zusammenzustellen.

Keine Originale mehr vorhanden? Kein Problem, dafür gibt es ja zeitgenössisch Spotify:

Auf YouTube haben wir übrigens auch noch eine Komplettaufnahme der Viva-Übertragung der 1997er Love Parade entdeckt – zwar nur in VHS-Qualität, aber nichtsdestotrotz genialer Retro-Spaß.

 

  1. Stufe: Hosen
So cool echte Baggypants auch heute noch wirken können, dafür muss vor dem Alter eine 1 oder 2 stehen.

 

Dieser Punkt wird schon kniffliger, weil die 90er bei den Beinkleidern sehr auffällig waren – in jeder Musikrichtung.

Hinzu kommt, dass Originale kaum zu besorgen sind – das Mega-Schlaghosen-Imperium JNCO etwa ging vor einem Jahr Pleite. Auch Smog, Fishbone und Konsorten sind selten geworden.

Unsere persönlichen Rettungsvorschläge, die auch straßentauglich sind:

  • Jeans-Latzhosen, bei denen man ggf. den Latz runterhängen lässt.
  • Carpenter-Jeans von Workwear-Marken, eine Nummer zu groß
  • Army-Tarnhosen, ebenfalls zu groß – besonders mit dem legendär-blauen Wolken-Camo
  • Overalls, bei denen man die Ärmel vor dem Bauch zusammenknotet
  • Die klassischen seitengeknöpften Trainingshosen
  • Stoffhosen, die man per Metallic-Sprühlack auf Gold/Silber getrimmt hat

Natürlich kann man auch einfach eine normale Jeans auf den unteren zehn Bein-Zentimetern auftrennen.

 

  1. Stufe: Auf dem Kopf
Beinahe jeder Junge trug ihn in den 90ern mal – der untendrunter ausrasierte Mittelscheitel. Sollte man aber nicht ohne Prüfung bei sich schneiden lassen.

Was unsere Köpfe anbelangt, gab es in den 90ern wirklich kaum etwas, das nicht in irgendeiner Musikrichtung angesagt war:

Allerdings sollte man sich auch diese Styles gut überlegen. Und sei es nur deshalb, weil das letzte Jahr der 90er nunmehr 20 Jahre in der Vergangenheit liegt und man selbst ebenso viele Jahre älter ist – nicht alles, was heute straßentauglich ist, wirkt auch an 30/40-Jährigen noch gut.

  1. Stufe: Jacken und Co.
Wer seine 90er Rap-Zeiten wiederaufleben lassen will, findet seine Jacke natürlich im weiten Feld der Military- und Camo-Stücke.

Beine und Füße sind jetzt ebenso in den 90ern wie der Kopf. Was fehlt, ist der Torso. Vorteil: Mit T-Shirt (gerne mit farblich kontrastierenden Bündchen) und Kapuzenpullover macht man in keinem Fall etwas falsch.

Was die Jacken anbelangt, sind jedoch 90s-stylische neongefärbte Kunstfelljacken „Modell Rave-Flokati“ untragbar. Deutlich besser geht es damit:

  • Normalgeschnittene Sportjacken von Adidas bis Kappa, die damals wirklich in allen Musikrichtungen vorkamen.
  • Windbreaker, damals meist von Fila mit XXL-Logo-Aufdruck, heute gern mit mehr Understatement.
  • Dicke Daunenjacken.
  • Die klassische Bomberjacke MA-1 oder CWU-45

Damit bleibt man nicht nur warm, sondern vor allem wird das Outfit komplettiert.

 

 

Bildquellen:

1) fotolia.com© nastenka_peka

2) fotolia.com © Lena Balk

3) instagram.com etiennemargaux

4) instagram.com 90sweheartit

5) instagram.com ulana.kejzerko

6) instagram.com backnda90s